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Rezensionen

Was du hörst, ist das, was du bekommst: eine großzügige Maskerade

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· 7 Min. Lesezeit
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Was du hörst, ist das, was du bekommst: eine großzügige Maskerade

Er ist mittlerweile der vierte in einer Reihe talentierter SWUK-Laureaten, die als Pianist ein Soloalbum aufnehmen durfte. Mit Masques serviert Wouter Valvekens dem Hörer ein (spät)romantisches Programm, das sich durch Schwung, Tiefgang und Offenheit auszeichnet. Woher dann aber dieser melancholische, ja sogar etwas traurige Blick auf dem Coverfotos?

Es ist sicherlich ein Missverständnis – eine „Gefühlsverwirung" – meinerseits. Denn wie Valvekens es im Booklet selbst beschreibt: „Das Programm dieser CD sinniert über das Geheimnis von Masken. Bald sind es Masken als Verkleidung oder Ablenkung für hinterhältige Absichten, dann wieder Masken als Vergnügen und gesellschaftliches Ereignis. Es findet auf einem Maskenball statt, wo eine Fülle von Figuren vorbeidefiliert, ohne dass wir jemals wirklich ergründen können, wer sie sind, was sie tun, was sie vorhaben." Ein Versuch zu erkunden, wie sich unser Pianist bei Masques wirklich fühlt, ist also eine äußerst heikle, unsichere Unternehmung, das ist von Anfang an klar. Gleichzeitig ist es natürlich an ihm, diese Vielzahl von Figuren, von denen die Rede ist, mit Klängen zu gestalten: von Shéhérazade, 'Tantris' und Don Juan bis zu Pantalon und Colombine. Sicher ist, dass Valvekens, dieses Jahr Laureat der SWUK Vlaanderen, hundertprozentig hinter dieser Aufnahme steht. Das Konzept wurde ihm zufolge über mehrere Jahre hinweg verfeinert und gibt ihm reichlich Gelegenheit, die verschiedenen Facetten seines pianistischen Könnens zu zeigen.

Ohren weit offen

Schwerpunkte im Programm sind Karol Szymanowski (1882-1937) und Robert Schumann (1810-1856). Aus dem Opus 34 des ersteren stammt der Titel des Albums, während wir mit dem anderen Komponisten Carnaval (Opus 9) besuchen. Beide Suiten wurden bereits zig Mal eingespielt. Das Werk Schumanns ist ohnehin ein äußerst populäres Repertoirestück, aber auch Masques ist bereits auffallend oft aufgenommen worden – erst kürzlich sogar für Deutsche Grammophon von niemand anderem als Krystian Zimerman. Es ist daher sehr verlockend, diese CD mit jenen anderen, älteren Aufnahmen zu vergleichen: ein Ansatz, den Rezensenten regelmäßig anwenden. Aber warum ständig den Wert von etwas an etwas anderem messen? Warum Leistungen konkurrierend gegeneinander ausspielen, anstatt sie brüderlich nebeneinander zu stellen? Um diese Scheibe nach ihren eigenen Verdiensten zu beurteilen, ist es daher ratsam, solche vergleichenden Analysen zu unterlassen. Ohren weit offen also für Valvekens, aber geschlossen für herausragende Kollegen wie Jozef De Beenhouwer, Mitsuko Uchida, Marc-André Hamelin, Piotr Anderszewski oder Boris Giltburg.

Eröffnet wird Masques mit der gleichnamigen und bemerkenswert launenhaften Klaviertriptychon von Szymanowski, einem Werk, das wie das andere Solo-Triptychon – Métopes (Opus 29) – während des Ersten Weltkriegs geschrieben wurde (1915-1916). Die Messlatte liegt damit gleich hoch, denn ob es nun Shéhérazade, Tristan 'der Narr' oder Don Juan ist, für den Ausführenden stellt jede dieser farbigen Charakterskizzen einen kniffeligen Kampf dar. Valvekens ist sofort zur Stelle und nimmt die erste Hürde – Luctor et Emergo – mit dem nötigen Aplomb. Von sanftem, geheimnisvollen und tastenderem Geplänkel (Lento assai. Languido) geht es in Shéhérazade schnell zu aufgeregtem Hämmern (Più mosso) und wieder zurück. Finesse und Kraft werden dabei geschickt miteinander abgewechselt und kombiniert. Akkorde und wiederholte Noten fliegen hartnäckig herum, wobei sich das Bewusstsein wächst, wie sehr sich diese Musik von jenem anderen, bekannteren Erzählstoff von Tausendundeinernacht von Rimski-Korsakov unterscheidet. Mindestens genauso turbulent geht es im nächsten Stück zu. Im rhythmisch anspruchsvollen Tantris le Bouffon, einer Umkehrung von Tristan, der männlichen Hauptfigur aus Wagners Musikdrama Tristan und Isolde, erweist sich Valvekels erneut als aufmerksam und wendig (Vivace assai). Das Verhältnis zwischen linker und rechter Hand ist vorzüglich. Neben einem scherzenden Ton, als Ergebnis zahlreicher Akzente, schießt die Musik auch dynamisch in alle Richtungen, von dreifachem Forte bis zum vierfachen Pianissimo ganz zum Ende hin. Die Sérénade de Don Juan (Vivace) hat einen ebenso heroischen Anfang wie Tantris, als würde sich der Protagonist selbst auf die Brust klopfen. Aber das Getümmel ist von kurzer Dauer, wenn es auch durch die vielen Stimmungswechsel dennoch eine Serenade im Schnelltempo bleibt. Ein frivoles Lobgesang, in dem Valvekens geschickt das Beste aus den Tasten herausholt, und zwar sowohl in der ausgedehnten Geste (Più vivo) als auch in dem scheuen Motiv (Più und Meno mosso). Oder wie Szymanowskis mythische Persönlichkeiten vom Pianisten einer nach dem anderen überzeugend entlarvt werden.

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Routinierte Balancekunst

Lehnt sich die Musik von Szymanowski mit Masques eng an das Werk seines Zeitgenossen Debussy an, so landen wir mit Schumanns Klavierstil in der vollblütigen Romantik. "Sie ist mir ergeben, und bemerkenswert musikalisch – alles, was ich in einer Frau suche", schrieb ein vernarrter Schumann 1834 in sein Tagebuch über seine heimlich Verlobte Ernestine von Fricken (1816-1844). Doch die Verliebtheit erwies sich als sehr kurzlebig, hinterlässt aber in Carnaval (1834-1835) durchaus ihre Spuren: So verweist die Notenkombination A, Es, C und H unter anderem auf Asch, das Geburtsorf von Ernestine. Schumann zu interpretieren ist alles andere als eine Sinekure, und diese einundzwanzig 'Scènes mignonnes sur quatre notes', wie der Untertitel dieses maskierten Balles lautet, sind ein ebenso intimer wie treffender Prüfstein für diese Feststellung. Versuchen Sie nur, die verschiedenen Stimmen, einmal üppig tanzend und dann wieder introvertiert träumend, vollständig zu ihrem Recht kommen zu lassen. Um jedes Mal den richtigen Ton zu treffen, ist Talent nicht ausreichend. Auch ein tiefgehendes empathisches Vermögen und beachtliche Kenntnisse der zu interpretierenden Charaktere, unter anderem aus der Sphäre der commedia dell'arte, sind unerlässlich. Und doch zupft und walzert sich Valvekens quasi mühelos hindurch. Wie ein routinierter Balanceakt, voller Vertrauen in den guten Ausgang. Einige der psychologischen Porträts zeichnen sich durch Theatralik aus (Arlequin, Florestan, Pantalon et Colombine), andere durch ruhige Zartheit (Eusebius, Chopin), aber was sie alle eint, ist eine minutiöse Artikulation.

Oder lassen Sie sich hier von Valvekens federleichtem Anschlag in dem charmanten Reconnaisance an die Hand nehmen. Das Einzige, das schade ist, ist dass einige Tracks nicht geschmeidiger ineinander übergehen, denn das hätte die Spannkraft noch erhöht. Es ist jedoch Detailkritik, wie das abschließende Marche des "Davidsbündler" contre les Philistins zeigt, in dem auf durchsetzungsstarke Weise feierliche Grandeur mit Leichtfüßigkeit abwechselt. Sehr schön!

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Neben Masques und Carnaval finden sich auf dieser CD noch drei weitere Werke von ebenso vielen Komponisten. Vor unserer Haustür gibt es den Antwerpener Pianisten und Lehrer Emmanuel Durlet (1893-1977), von dem De legende der begoochelde torens einen bedächtigen Anfang und energisches Fortsetzen erhält. Nach dem Booklet sollte neben dieser romantischen Ballade auch ein zweiter Track von Durlet auf der CD zu finden sein: ein Schönheitsfehler, denn für Hoogten war letztendlich kein Platz mehr vorhanden. Mit den letzten zwei Stücken geht es ganz am Ende der Aufnahme nach Venedig und Wien. Die Barcarolle (opus 60) von Frédéric Chopin (1810-1849), ein venezianisches Gondellied, tut weit mehr als nur zu wiegen und dahinzuplätschern. Sowohl im offenherzigen Hauptthema als auch im poetischen dolce sfogato erblüht diese Kantilene wunderbar. Beendet wird das Ganze schließlich auf der Tanzfläche in der österreichischen Hauptstadt, wo Franz Liszt (1811-1886) mit seinen Valses caprices aus der Sammlung Soirées de Vienne niemand Geringeren als Schubert paraphrasiert: ein Allegro mit der seltsamen Zutat con strepito (mit Lärm) als ein einmal aufdringlich und dann wieder schwungvoll Orgelpunkt.

Valvekens legt mit diesem Soloalbum eine abwechslungsreiche, großzügige und gelungene Visitenkarte vor. "What you hear is what you get"… Und das ist sehr viel, trotz und wegen all dieser bunten Masken.


WAS: Masques, mit Musik von Karol Szymanowski (1882-1937), Emmanuel Durlet (1893-1977), Robert Schumann (1810-1856), Frédéric Chopin (1810-1849) und Franz Liszt (1811-1886)

WER: Wouter Valvekens (Steinway D)

AUSGABE: Etcetera Records, KTC 1788 (1 CD) in Zusammenarbeit mit vzw SWUK Vlaanderen und Muziekraad Vlaanderen

CD BESTELLEN: JPC

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