Unter der Leitung des Dirigenten David Giménez Carreras bringt das Belgian National Orchestra zusammen mit Roberto Alagna (Tenor) und Aleksandra Kurzak (Sopran) die Romantik des neunzehnten Jahrhunderts zum Leben. Geben Sie diesen beiden Top-Vokalisten die Begleitung eines Orchesters wie des Belgian National Orchestra und ein Repertoire voller Opernperlen aus dem mittleren bis späten neunzehnten Jahrhundert, und das Ergebnis ist eine erstaunliche, dramatische Aufführung. Mit Komponisten wie Giuseppe Verdi, Giacomo Puccini, Jules Massenet und Pietro Mascagni war das Versprechen bereits groß.
Von Verdi zum Verismo
Was Verismo-Oper so beredt macht, ist, wie sie nach Schönheit in der wahren Klanglichkeit strebt, nicht nur nach schönen Gesangslinien. Ausgestoßene Worte und qualvolles Brummen sind in dieser Musik kein Zeichen fehlerhafter Technik, sondern vielmehr ein überzeichneter dynamischer Ausdruck. Näher an die Realität zu kommen, es jedoch lauter zu lassen, bringt das Verismo-Repertoire näher an das, was eigentlich gesagt wird. Seit Jahrhunderten singen verliebte Paare abwechselnd über Schmerz und Leidenschaft, aber während eine Rossini wie eine gute leichte romantische Komödie klingt, bringt das spätere italienische Repertoire reines Drama. Die Geschichten sind geplagter, voller zerbrochener Figuren in realistischen Szenen. Mascagnis Cavalleria Rusticana (1889) spielt sich am Ostersonntag in einem kleinen Dorf in Sizilien ab, Puccinis Tosca (1900) ist eine italienische, gottesfürchtige Diva, die in den Abgrund ihrer Seele und Liebe blickt, und Verdis Nabucco (1841) erzählt die Geschichte von Sehnsucht und Freiheit. Diese letzte Oper lief dann auch parallel mit der politischen Entwicklung Italiens im neunzehnten Jahrhundert. „V.I.V.A Verdi!" war ein Synonym für den Komponisten, aber auch für die Vereinigung Italiens. Unaussprechliche Sehnsüchte, wie Lust und politische Freiheit, wurden ein fester Bestandteil des Verismo-Oper-Repertoires.

"Vieni la sera"
Das Programm des Abends ist eine Auswahl von Opern-Arien und -Duetten, abwechselnd mit instrumentalen Passagen. Der Aufbau ist clever gewählt und ausgewogen, Duette rahmen den Rahmen des Abends ein, mit einer Abwechslung von instrumentalen und Solostücken. In einer konzertanten Aufführung ist das Zusammenstellen eines Repertoires wie das Wandeln auf einem Seil: Alles muss im Gleichgewicht sein, um das Publikum in Begeisterung zu versetzen. Damit ist bereits ein erster guter Schritt durch das Belgian National Orchestra, Alagna und Kurzak getan.
Indem Alagna und Kurzak mit „Vieni la sera" aus Puccinis Madama Butterfly (1904) beginnen, bringen sie sofort Intimität in den Raum. Keine überwältigte Showstopper als Eröffnung, sondern ein intimes – zum Einbruch der Dunkelheit – Duett zwischen der Geisha Cho-Cho-San (Butterfly) und Leutnant Pinkerton. Über die Chemie zwischen Alagna und Kurzak kann man Bücher schreiben, so ausgeprägt ist sie. Es gibt meiner bescheidenen Meinung nach nichts Schöneres zu sehen als zwei Opernsänger mit solch einer Verbindung. Eine gute Opernrepertoire-Aufführung ist die Summe von trainierten Stimmen und einer gemeinsamen körperlichen Sprache. Das eine ohne das andere schafft ein schönes Spektakel, aber dabei bleibt es dann. Während dieses Abends gab es keinen Moment, in dem das Publikum nicht einbezogen wurde, fast eingezogen, in das Spiel zwischen der Musik, Kurzak und Alagna.
Die Stimmen selbst, losgelöst von der Sterallüre des Opernpaares, waren auch eins mit dem Repertoire. Bei dem Versprechen der Verismo-Oper erwartet mein Ohr auch genau das zu hören: harte Emotion, Abwechslung zwischen schöner Linie und rauem Klang, dynamische Brüche und unerwartete Ausbrüche. Verismo steht so weit weg von Bel Canto in der Absicht, dass reines schönes Singen dieses Repertoires eine absolute Todsünde tout court ist. Die einzige Sünde, die Alagna und Kurzak begingen, ist, dass sie nicht mehr Duette zusammen brachten, denn das Publikum schien ewig den beiden zuhören zu können. Beide brachten die erforderliche Verismo in die Geschichte mit, mit dem starken vokalen Drama von Alagna im Duett „È dessa!" aus Verdis Don Carlos (1867), und einer fast bitteren, brillanten Kurzak in „Tu qui, Santuzza?" aus Mascagnis Cavalleria Rusticana. Auch die instrumentalen Passagen, obwohl in der bescheidenen Minderheit, waren ein Muster der dramatischen Sturm des neunzehnten Jahrhunderts. Es gibt nichts Wichtigeres als Dynamik, Klangfarbe und Interpretation, und das war im Überfluss in der Aufführung des Belgian National Orchestra vorhanden.
Während dieses Abends erfüllten das Belgian National Orchestra, Alagna und Kurzak ihr Versprechen der romantischen Dramatik sicher ein. Es war ein schönes Gleichgewicht zwischen einem gut gewählten Repertoire, einem Top-Orchester und Star-Ausführenden. Verismo als Kunstform muss sprechen können, und das hat es sicher bei diesem Konzert getan!

WAS: Alagna, Kurzak & Belgian National Orchestra
WER: Belgian National Orchestra, Roberto Alagna und Aleksandra Kurzak.
WANN: 10. Februar 2022.
FOTOS: © Belgian National Orchestra, © Bozar.

