Eigentlich hätte man für diese CD keinen besseren Titel finden können als Clair-obscur. Wenn es ein Konzept gibt, das sich unmittelbar mit den hier gespielten Werken verbindet, dann ist es dieses: Licht und Dunkel, Stille und Bewegung, Schmerz und manchmal ein Hauch von Hoffnung durchziehen diese Musik ständig. Pianist Tal Walker hat einen feinen Anschlag und erfasst sofort den Ton dieser intimen Musik. Er bringt Farbe in die Stille: Eine Stille trägt bei ihm eine Art verhaltene Spannung. In anderen Momenten setzt er mehr Kraft ein, immer dosiert, als würde er genau spüren, wie viel ein Satz braucht und nicht mehr als das.
Die ausgewählten Miniaturen von Lili Boulanger (1893-1918) wechseln ihre Stimmung, bleiben aber überwiegend düster. Walker spielt gewöhnlich zurückhaltend, aber in Cortège lockert er diese Zurückhaltung etwas: Plötzlich gibt es mehr Bewegung, mehr Luft – eine willkommene Erleichterung zwischen den mehr nach innen gerichteten Stücken. Bei Thème et variations wird die Intensität sofort größer, und das ist kein Zufall: Der erste Teil trägt in der Partitur die Aufschrift Assez lent, avec douleur, mais noble – langsam, mit Schmerz, aber edel. Dieser Schmerz ist genau das, was man im Klavierspiel hört, und er bleibt in den restlichen Variationen präsent. Ab und zu scheint etwas Licht durchzuschimmern, aber es wird sofort wieder im Keim erstickt, als würde die Musik sich selbst keine Flucht gönnen.
Das entspricht eng der Biographie von Lili Boulanger. Ihr kurzes Leben wurde stark von Krankheit geprägt, während sie gleichzeitig eine außergewöhnliche musikalische Ambition und Schöpferkraft besaß. In seinen Erläuterungen zur CD nennt Walker diese Spannung zwischen Licht und Dunkel selbst als eines der Elemente, die ihn in ihrer Musik besonders anzieht. Daher ist es schwer, Thème et variations vollständig unabhängig von ihrer Lebensgeschichte zu hören. Das Starke an dieser Aufführung ist jedoch, dass der Schmerz aus der Musik selbst kommt, in der Anschlagtechnik und der Dosierung, eher als aus der ausdrücklichen Verwendung der Biographie als Interpretationsschlüssel.
Die Kombination mit Musik von Gabriel Fauré (1845-1924) ist besonders logisch. Boulanger kannte Fauré bereits von klein auf; sie wohnte als Kind Unterrichtsstunden am Conservatoire bei, wo er später Direktor wurde, und widmete eines ihrer Lieder ihm. Faurés Thème et variations in cis-Moll aus dem Jahr 1895 – sein längtes Werk für Klavier – bildete zudem eine wichtige Referenz für Boulangers eigenes Werk. Wer beide Werke nacheinander hört, erkennt Ähnlichkeiten in den breiten Klaviertexturen und in der Art, wie das Thema immer wieder neu beleuchtet wird. Boulangers Version hat dabei eine stärkere romantische Leidenschaftlichkeit und eine dramatische Spannung, die man bei Fauré nicht ganz auf die gleiche Weise findet.
Vielleicht hätte man Boulanger und Fauré sogar noch stärker miteinander abwechseln können – das hätte das Hörerlebnis noch spannender machen können. Wer nicht auf die Nummern geachtet hätte, könnte sich manchmal fragen: Höre ich jetzt Boulanger oder Fauré? Bei Fauré fällt manchmal ein etwas festerer Anschlag auf, etwa im Allegro vivo aus seinem Thème et variations, aber beide Komponisten werden in jedem Fall mit viel Liebe gespielt.
Mit den Huit pièces brèves verändert sich die Atmosphäre merklich. Hier bekommen wir eine lebendigere, lebenslustigere Seite von Fauré zu hören. Das Capriccio wird mit großem Schwung gespielt, während das Adagietto kurz für Ruhe sorgt, eine kurze Atempause nach der Intensität des Vorangegangenen. Die darauf folgende Improvisation wird besonders elegant vorgebracht: Walker lässt die Musik fließen, ohne sie zu verwischen. Allégresse bringt dann wieder Tempo und Leichtigkeit, eine angenehme Verschiebung nach den konzentrierteren Passagen davor. Und dann folgt noch dieses herrliche Nocturne als Abschluss – nicht verstillt wie anderswo im Programm, sondern voller Glanz, um dann langsam zu verblassen.
Was nach dem Hören dieser CD vor allem bleibt, ist das Spiel von Tal Walker. Sein leichter Anschlag, sein Gefühl für Farbe und vor allem seine sichere Dosierung machen diese Aufnahme überzeugend. Er weiß, wann er Kraft einsetzt, wenn die Musik dies verlangt, und empfindet gleich gut, wann eine zurückhaltende Herangehensweise mehr aussagt. Dadurch bekommen die verschiedenen Stücke jeweils ihr eigenes Gesicht, während das Programm als Ganzes dennoch eine klare Kohäsion behält.
Also eine äußerst gelungene CD mit fesselnden Werken – und einem Pianisten, den man nach dieser Bekanntschaft vor allem auch live bei der Arbeit hören möchte.