Was als eine scheinbar einsame melodische Flucht beginnt, entfaltet sich schnell als eine packende Klage. Anfang und Kern der CD "ROOTS" der amerikanisch-belgischen Cellistin Pierre Fontenelle ist "Seven" von Andrea Casarrubios, Amerikanerin aber in Spanien geboren.
Wie wir alle mehr oder weniger traumatische Spuren aus dem Covid-Lockdown vom Frühjahr 2020 mit uns tragen, ließ sich die 37-jährige Komponistin vom Paradoxon zwischen den endlosen Todesfällen und der zügellose Lebensfreude inspirieren. Ein klarer Bezug dazu sind die finale nach etwa zehn Minuten sieben Akkorde, mit denen das Cello wie mit Glockenschlägen sowohl die allgemeine Trauer evoziert als auch die Stunde, in der die Welt stillstand, um das medizinische Personal zu würdigen. Um all diese Gefühle zu vermitteln, umfasst Andrea Casarrubios das gesamte Register des Cellos, bis zum hohen C und verlangt ausdrücklich in der Partitur "Play the melody on the C string singing with a husky flamenco-like sound". Einmal Spanierin, immer Spanierin..., aber auch Amerikanerin, die in einem unablässigen 'moto perpetuo' auf die Stadt-die-nie-schläft verweist.
Nahezu nahtlos landen wir bei der New Yorkerin Caroline Shaw, dem bekanntesten und vielseitigsten der drei weiblichen Gesichter der CD. "In manus tuas" für Cello solo ist eine intime Verbindung von Shaws eigener Vision als Komponistin-Interpretin mit der Freiheit, die zeitgenössische amerikanische Musik fordert. Eher als die minimalistische Richtung einzuschlagen, mündet ein Spiel von Klangstrukturen, Tempowechseln und Wiederholungen von harmonischen Sequenzen in eine subtile klangliche Anspielung auf Thomas Tallis. Dasselbe Zurückgreifen auf das, was sie selbst "ein Continuo des 17. Jahrhunderts" nennt, und die Ungebundenheit eines John Cage findet sich in "Boris Kerner". Hier überrascht und amüsiert Shaw mit dem Einsatz von, ja, Blumentöpfen, deren Anzahl, Größe und Spielweise 'mit Wärme oder mit Leuchtkraft' sie in der Partitur festlegt.
Reena Esmail wurde 1983 in Los Angeles geboren und schlägt eine Brücke zwischen westlicher Musik und ihrem kulturellen hinduistischen Hintergrund. Die traditionellen Ragas bilden die Grundlage sowohl von "Varsha" als auch von "Sandhiprakash", Hindi für 'Zusammenfluss des Lichts': suggestiver Titel für diese Fülle an melodischer Poesie, die zum Nachdenken einlädt.

Visitenkarte
Das erste Mal, dass ich Pierre Fontenelle live erlebte, spielte er mich von meinem Stuhl mit dem "Concerto for Cello a Wind Orchestra" des exzentrischen Friedrich Gulda (1930-2000). Eine Zugabe, die er pflegt, ist "Julie-O" des amerikanischen Cellisten MARK SUMMER (°1958) (Stück 8), fast ein Mitsinger von Echos aus dem musikalischen Schmelztiegel jenseits des Atlantiks. Als ich ihn auf Klara hörte, war das zusammen mit Akkordeonist-Arrangeur Frin Wolter in der witzigen "Three Dots and a Dash" der Punch Brothers, einer Bluegrass-Formation, die die amerikanische Folk mit Verve verteidigt (Stück 5).
Diese Vielfalt, die Originalität, die Dynamik, der Enthusiasmus, die Erfolgsgeschichte, die Auszeichnungen, darunter die Fuga Trofee 2024 und 'Namurois de l'année 2020' und die Karriere, die er als junger Autodidakt aus Seattle in Belgien aufbaut, sind für Pierre Fontenelle eine vielversprechende Visitenkarte. Wenn die CD in der Mitte ankommt und Andrea Casarrubios - wieder sie - die elegische Atmosphäre ihrer 15 Minuten dauernden Komposition "Speechless" eine überraschende Wendung nimmt und das Vibraphon, das Becken und vor allem das Marimbaphon des Schlagzeugers-Komponisten Max Charue (°Charleroi 1992) einen intensiv ergreifenden Dialog mit dem Cello eingehen lassen, wissen wir es schon: es wird sprachlos warten auf die belgische Entsprechung dieses überraschenden Debüts.
Nicht unerwähnt bleiben soll der sorgfältige Aspekt der CD: ein Minimum an Kunststoff, ein informatives zweisprachiges Beiheft, handlich zu handhaben, attraktiv dokumentiert.