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Rezensionen

TAZ#25 – 'Le temps d'une Chanson'

V
· 5 Min. Lesezeit
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TAZ#25 – 'Le temps d'une Chanson'

Die Königin der Bäder, Ostende, bietet vom 30. Juli bis zum 9. August viel mehr als Sonne, Meer, Strand und Terrassen. Kultur feiert hier während der 28. Ausgabe von Theater aan Zee in den vielfältigsten Formen Hochkonjunktur: Theater, Tanz, Musik, Gesang, Zirkus, Vorträge, Installationen und das für Groß und Klein in zeitloser Pracht. 'Le temps d'une Chanson' handelt von Musik und der Zeit. Davon, wie Musik Form gibt und wie wir Zeit durch Musik erleben. Nous nous aimons le temps d'une chanson ...

An Tickets für die Vorstellungen, die man gerne sehen möchte, zu gelangen, ist nicht einfach. Man steht oft vor vollendeten Tatsachen: ausverkauft! Obwohl mehrere Vorstellungen geplant waren, ging ich leer aus bei dem Monolog 'Schopenhauer', gespielt von Damiaan De Schrijver und 'Lorenzo de paljas van Firenze' von Comp. Marius. Ich verbrachte nur einige Tage am Meer und die Ausbeute war gering. Glücklicherweise gibt es hier und dort viele kostenlose Vorstellungen zu erhaschen und die Atmosphäre im Café KOER, die Begegnung mit vielen alten Bekannten macht Theater aan Zee einzigartig.

'Das Jahrhundert von Alice Toen' - Foyer Kursaal

Das Leben schreitet voran. Auf der Bühne gab auch die 101-jährige Schauspielerin Alice Toen acte de présence. Sie kann auf eine erfüllte Karriere zurückblicken: sie war eine der Mitbegründerinnen des MMT, war als Dramaturgin und Autorin für das Jugendtheater tätig, spielte in zahlreichen TV-Feuilletons, noch vor zwei Jahren spielte sie mit Verve den Monolog 'Charlotte'. Ein Theatermensch pur sang, der nichts von Aufgeben weiß. Man steht voll Bewunderung vor dieser kühnen Dame. Sie erscheint tire à quatre épingles am Arm eines Musikers auf der Szene. Alles läuft noch glatt, nur ihre Beine bereiten einige Probleme. Sitzend auf einem Stuhl gibt sie alles. Poesie von unter anderem Federico Garcia Lorca und Dylan Thomas vortragen, mit perfekter Diktion, kann sie noch wie die beste. Ihre Stimme bekam durch die Last der vielen Jahre ein Korn. Sie singt Lieder, die bei ihr weitergeklungen haben, Nummern von Jacques Brel, Henk Wiliams, Toon Hermans, Jules De Corte. Die Interpretation ist nicht immer tonrein, aber das ist ihr verziehen. Man kann nur Respekt vor einer solch unbeugsamen Person haben. Die Bühne bleibt ein widerspenstiger Liebhaber. Sie wird von drei großartigen Musikern umgeben. Accordeonist Bernard De Lent, jahrelang einer der ständigen Begleiter von Wannes Van de Velde. Auf seinem Klavierakkordeon spielt er einige wunderbare Nummern und klassischer Gitarrist Bjorn Eriksson bezaubert. Er interpretierte unter anderem das wunderbare 'Concierto de Aranjuez' von Joacquin Rodrigo. Sie wurden mit einer stehenden Ovation belohnt.

'Pendulum' Große Post - Accordeonistin Sara Salvérius & Streichquartett SunSunSun

Eine Entdeckung ist diese Sara Salvérius. Nach ihrer Ausbildung in klassischer Akkordeon am Konservatorium von Gent, wo sie Unterricht von jenem anderen Virtuosen auf den Tasten, dem Accordeonisten Philippe Thuriot, erhielt, entwickelte sich Sara zu einer einzigartigen Stimme in der belgischen Musikwelt. Seit 2017 konzentriert sie sich auf eigene Kompositionen. Für dieses Programm arbeitet sie mit dem Streichquartett SunSunSun zusammen: Jeroen Baert, erste Violine; Yumika Lecluyze, Violine; Karel Coninx, Bratsche und Seraphine Stragier, Cello. Die Streichinstrumente wurden speziell für dieses Projekt von Saras Mann, dem Geigenbauer Pieter Goossens, aus einem Stück Holz gefertigt. Jeder Bauer hat seinen eigenen Stil und seine eigene Technik. Dadurch, dass die vier Instrumente vom selben Bauer aus demselben Holz gefertigt wurden, verschmelzen sie auch perfekt zusammen.

Das Programm 'Pendulum' steht symbolisch für das Pendel des Lebens, das Helle und das Dunkle und wenn das Pendel anhält, trotzdem einen Ruhepunkt versuchen zu finden. Sie versucht, die Unvorhersehbarkeit des Lebens musikalisch zu erfassen. Praktisch jede Nummer handelt von einer Erfahrung in ihrem Leben. Sie komponiert aus emotionaler Dringlichkeit und übersetzt komplexe Gefühle in Melodien, die nachwirken. Der erste Teil ist ziemlich melancholisch und dunkel. Narben, die sie mit Musik umwickelt: der Tod ihrer Mutter, ihre Schwester, die aus dem Leben schied…

Das Programm ist schön und ausgewogen zusammengestellt mit Soli, Duetten und Werk für das gesamte Ensemble. Besonders schön ist das Duett, ein Zusammenspiel zwischen Akkordeon und Cello, das sie komponierte, als man sie aufforderte, für ein Projekt in Dialog mit der Akustik einer Kirche zu gehen. Das Programm wendet sich von Traurigkeit zu Freude und Leichtigkeit mit einer Komposition mit dem passenden Namen 'Equinox', Moment im Jahr, wenn die Sonne senkrecht über dem Äquator steht, weshalb Tag und Nacht auf der Erde überall ungefähr gleich sind. Ihre Kompositionen sind sehr vielfältig. Sehr geschickt ist auch 'And so it begins' mit Pizzicatos auf den Streichinstrumenten, jeweils abgewechselt mit einer Strichbewegung. Minimalistisch, fast hypnotisierend, das später ausbricht wie das Bouquet eines Feuerwerks. Das Konzert endet mit dem Lied 'Happy song', das langsam ausklingt.

Sara Salvérius besitzt auch das Talent, die Nummern auf angenehme Weise einzuführen und aneinander zu reden. Nach einem so vielschichtigen Konzert von Traurigkeit bis Freude stößt man wirklich einen erfüllten Seufzer aus. 'Pendulum' gewann den Flanders Folk Award 2025 für die beste Live Band und das mit Recht. Auch dieses Konzert konnte sich auf eine stehende Ovation freuen.

Details

Wer
Alice Toen, accordeoniste Sara Salvérius & strijkkwartet SunSunSun
Wo
Oostende (TAZ : Theater aan Zee)
Gesehen am
30 Juli 2025
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