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Sprache als Skulptur, Klang als Trajektorie: Erste Live-Aufführung von Lawrence Weiners '7' in der Herbert Foundation

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· 3 Min. Lesezeit
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Sprache als Skulptur, Klang als Trajektorie: Erste Live-Aufführung von Lawrence Weiners '7' in der Herbert Foundation
© Nicolas Di Costanzo, Herbert Foundation

Es kommt nicht oft vor, dass ein Konzertprogramm die Grenzen der Musikwissenschaft so radikal übersteigt, dass der Klang selbst eine physische, fast architektonische Realität wird. Wer mit dem Nachlass des Konzeptkünstlers Lawrence Weiner (1942–2021) vertraut ist, weiß, dass Sprache für ihn kein bloßes Kommunikationsmittel war, sondern ein plastisches Material – eine Skulptur der Bedeutung. Dass die Gentser Herbert Foundation am Sonntag, 31. Mai, die allererste Live-Aufführung seiner historischen LP 7 aus 1972 präsentiert, darf daher historisch wie künstlerisch als ein Unikat bezeichnet werden. Im Schatten der laufenden Ausstellung RED AND GREEN AND BLUE MORE OR LESS verspricht dies ein Nachmittag zu werden, in dem Sprache und Klang sich in einer tiefgreifenden Gedankenbewegung suchen.

Das Skelett der Tonleiter

Als Weiner 1972 über die Galerie Yvon Lambert seine erste Langspielplatte herausbrachte, suchte er bewusst die transformative Kraft des Audios auf. 7 ist streng und gleichzeitig unendlich frei um die sieben fundamentalen Noten unserer westlichen Tonleiter aufgebaut, von C bis B (oder do bis si). Das Werk funktioniert als eine minutiöse sprachwissenschaftliche und musikalische Untersuchung: Jede Note wird schrittweise in ihren verschiedenen Registern – hoch, mittel, tief – erkundet und in ihren harmonischen Verschiebungen durch Kreuze und Erniedrigungen.

Die Struktur, die Weiner damit vorgibt, ist keine starre Partitur, sondern ein Skelett. Die Sprache erzeugt die Bahn; die Satzzeichen und die spezifische Satzstruktur bestimmen den Rhythmus, mit dem der Raum bespielt wird. Es ist eine Ästhetik, die völlig frei von Manierismus oder billiger Effekthascherei bleibt. Alles dreht sich um die reine Essenz des Verhältnisses zwischen Stimme und Instrument.

Ein paralleler Dialog in Klang und Diktion

[caption id="attachment_55825" align="alignleft" width="200"] Nicolas Di Costanzo[/caption]

Die Live-Aufführung in Gent verspricht eine faszinierende Übung in Kontrasten und akustischer Resonanz zu werden. Weiners konzeptionelle Texte werden zunächst in Englisch von David Chan vorgetragen, dann übernimmt Marieke Van Acker die französische Übersetzung. Gerade in dieser Abfolge liegt die Poesie: Die inhärenten Unterschiede in Satzstruktur, Diktion und Sprachcharakteristika zwischen Englisch und Französisch zwingen zu subtilen Klangverschiebungen.

Auf diese sprachlichen Impulse reagiert Flötistin Sara Di Constanzo. Ihr Instrument erhält die Aufgabe, nicht bloß zu begleiten, sondern in direktem, parallelem Dialog mit dem gesprochenen Wort zu treten. Wo die Stimme endet, strebt die Flöte nach Transzendenz; wo die Sprache begrenzt, eröffnet der Klang den Raum. Es verspricht eine Aufführung zu werden, in der die Musiker und Sprecher die Spannung minutiös aufbauen müssen, balancierend zwischen der Strenge des Konzepts und der absoluten musikalischen Freiheit des Moments.

Kontemplation und Begegnung

Was diesem Nachmittag zusätzliche Bedeutung verleiht, ist die organische Einbettung in den Mauern der Herbert Foundation. Die Freundschaft und radikale Hingabe, die die Sammler Annick und Anton Herbert einst mit Weiner teilten, ist in diesem Gentser Lagerhaus noch immer spürbar präsent. Nach dem Konzert und einem anschließenden Gespräch mit den Ausführenden durch Direktorin Laura Hanssens wird das Publikum eingeladen, die Ausstellung zu besuchen. Klang, Raum und Stille fließen so nahtlos ineinander über. Ein seltener Moment der Gelassenheit und künstlerischen Intensität, der den Hörer zweifellos nicht als Zufall, sondern als tiefes intellektuelles Erlebnis in Erinnerung bleiben wird.

Praktisches:

Details

Wo
Herbert Foundation (Loods), Raas van Gaverestraat 106, Gent
Gesehen am
31 Mai 2026
Bildnachweis
Nicolas Di Costanzo, Herbert Foundation
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