Letzten Sonntag im deSingel fand das Finale von Supernova statt, der Förderpreis für vielversprechende Kammermusikensembles in Belgien. Vier Ensembles stritten um die beiden Ehrentitel von Supernova 2022. Einer dieser glücklichen Gewinner ist Goggles. Zeit, dieses Duo kennenzulernen!
Wie habt ihr euch gefunden? Habt ihr euch während von Meisterkursen oder am Konservatorium kennengelernt, wart ihr vorher schon befreundet oder habt ihr ein bestimmtes Instrument gesucht, um zusammen zu musizieren?
Wir haben uns am Konservatorium von Gent kennengelernt, wo wir beide vor einigen Jahren studierten. Für ihre Abschlussarbeit suchte Esther einen Schlagzeuger und stieß zufällig auf Wim. Diese erste Zusammenarbeit rund um das Werk Dialogues von Lior Navok (°1971) verlief sehr reibungslos und wir spürten beide eine musikalische Chemie. Proben waren damals – und sind bis heute – sehr ambitioniert in Bezug auf die Partitur. Jede Note, jedes Zeichen der Partitur wird unter die Lupe genommen und analysiert.
Darüber hinaus waren wir auch damals schon sehr fasziniert von der Suche nach Interpretationsmöglichkeiten. Wie kann dieser eine Akzent am besten zur Geltung kommen? Könnte der Komponist eine versteckte Botschaft mit diesem Staccato an dieser bestimmten Stelle haben? Neben der gemeinsamen Leidenschaft für diese Suche verlaufen unsere Proben auch immer optimal. Wir sind sehr unterschiedlich, aber sehr komplementär. Wir können die verrücktesten Dinge miteinander ausprobieren, endlos über bestimmte musikalische Entscheidungen sprechen, fühlen uns frei, unbegrenzt zu experimentieren, und können auch einfach nur gut lachen. Lachen nimmt bei uns einen großen Teil unserer Probe ein!
Wie lange spielt ihr schon zusammen? Und in welchem Teil Belgiens befindet sich eure Ensemble-Heimatbasis?
Nach der ersten Zusammenarbeit bei Esthers Abschlussarbeit hatten wir beide zunächst andere Prioritäten. Wir sahen uns bei Proben und Konzerten des Nemø ensemble, in dem wir beide aktiv sind. Unterdessen wuchs die Idee eines Duos für Schlagzeug und Gesang langsam und schließlich gründeten wir Goggles im Januar 2020. Ein erstes Residency fand im HERMES studio in Wijnegem statt. Wir begannen an unserer ersten abendfüllenden Aufführung zu arbeiten.
Obwohl Brüssel (Esther) und Gent (Wim) immer eine wichtige Basis sind, verbringen wir in letzter Zeit unsere Proben hauptsächlich in der Akademie KADE podiumkunsten in Deinze, wo wir beide unterrichten.
Was war eure Motivation, an diesem Wettbewerb teilzunehmen?
Das Ziel von Goggles ist es, zeitgenössische klassische Musik für ein breiteres Publikum zugänglicher zu machen. Wir versuchen, auf eine theatralische, oft humoristische Herangehensweise zu setzen, um dem Publikum ein Erlebnis bieten zu können und es in unsere besondere Klangwelt mitzunehmen.
Der Gewinn des Wettbewerbs bedeutet für uns, dass wir diesem Ziel einen Schritt näher kommen können. Es gibt unserer derzeitigen Position in der Landschaft einen großen Auftrieb und auf diese Weise vergrößern wir unsere Reichweite. Darüber hinaus ist Supernova ein Wettbewerb, der sich vor allem an die Kulturzentren richtet. Wir sind überzeugt, dass es dort auch für uns ein Publikum zu finden gibt. Es ist unser Ziel, zeitgenössische Klassik aus ihrer elitären Nische herauszuholen. Wir richten uns an den CC-Besucher und hoffen, ihm ein einzigartiges und innovatives Erlebnis anbieten zu können! Wir sind nämlich überzeugt, dass der spielerische und theatralische Charakter unserer Musik bei einem sehr breiten Publikum Anklang finden kann.
Wie habt ihr das Repertoire bestimmt? Und wie reflektiert oder unterscheidet sich dieses Wettbewerbsrepertoire von eurem üblichen Repertoire?
Wir wählen das Repertoire, das wir spielen, basierend auf dem Inhalt des Stücks. Was erzählt uns das Stück? Wie reflektiert es über bestimmte Themen, die uns wichtig sind? Da unser Repertoire oft technisch und musikalisch anspruchsvoll ist, können wir monatelang an einem Stück üben. Diese wiederholten Proben ermöglichen es, dass ein Stück wirklich reifen kann und dass wir motiviert werden, Konzertnoten visuell zu gestalten. Wir versuchen, ein Musikstück immer auf unsere eigene Weise zu interpretieren und auf die Bühne zu bringen. Es ist uns wichtig, theatralisch zu denken und wir nehmen uns die Freiheit, ein Stück szenisch und visuell zu gestalten.
Für Supernova wollten wir uns selbst und unserem Duo treu bleiben, daher haben wir unser Repertoire nicht unmittelbar angepasst. Im Halbfinale spielten wir selbst ein Stück für isomo, Küchenschaber und Streichbogen! Dass die Jury das zu schätzen wusste, war für uns sehr besonders! Auf das Finale hin beschlossen wir, etwas Wasser in den Wein zu mischen und wählten, ein deutsches Lied zu arrangieren (Auch kleine Dinge - Hugo Wolff). Wir wollten die Jury davon überzeugen, dass wir nicht nur der große theatralische Lärm sind, sondern dass wir auch intime, kleine Dinge bringen konnten. Darüber hinaus haben wir uns Wolffs Lied ganz zu eigen gemacht und sind auch dort auf der Suche nach seinem theatralischen Charakter gegangen. Es war für uns ein spannendes Moment im Finale, weil es unser eigenes Arrangement war. Glücklicherweise hörten wir nachher, dass das Lied sehr gut aufgenommen wurde.
In die Zukunft wartet ein spannendes Partiturobjekt auf uns. Lior Navok, siehe oben, schrieb eine Mini-Oper speziell für unser Duo, Lollipop Lotta. Wir hoffen daher, dass die Sichtbarkeit, die dieser Wettbewerb uns gibt, uns helfen kann, dieses Stück auf die Bühne zu bringen. Es ist eine Oper für Teenager und sorgt mit dem Thema „Influencer" sicherlich für einen Anknüpfungspunkt mit dieser Zielgruppe. Für dieses Projekt würden wir gerne mit echten Influencern zusammenarbeiten und auf diese Weise klassische Musik mit dem in Einklang bringen, was in der Lebenswelt von Teenagern und in der Welt der sozialen Medien eine Rolle spielt.
Abschließend werden wir auch selbst kreativ tätig. Die theatralische Welt von Alexander Schubert spricht uns sehr an. Während des Lockdowns haben wir uns von ihm inspirieren lassen und sind in einer Residenzphase ans Werk gegangen, um eine Musiktheateraufführung zusammenzustellen, NO EXIT. Die theatral-elektronische Welt von Schubert spricht uns sehr an und gibt uns einen völlig anderen Zugang, um klassische Musik zeitgenössisch für ein breiteres Publikum zu öffnen.
Viele Ideen, unendliche Träume, darin sind Goggles gut!
Auf welchen Preis freut ihr euch am meisten und warum? Die Tournee, die Bühne von Klarafestival mit der Live-Radioübertragung oder die CD-Aufnahme?
Da Goggles im Januar 2020 gegründet wurde, ein paar Monate bevor das kulturelle Leben zum Stillstand kam, freuen wir uns ehrlich gesagt am meisten auf die Tournee. Wir wollen auf die Bühne! Uns selbst zeigen und gesehen werden!
Wir träumen davon, unser Publikum zu überraschen und es in alle Geschichten mitzunehmen, die wir ihm zu erzählen haben. Darauf freuen wir uns so. Dass wir die Tournee in der Bozar während des Klarafestival beginnen dürfen, hätten wir uns nicht einmal vorstellen können! Es ist eine Tatsache, die sich immer noch surreal anfühlt, aber unsere beiden Herzen laufen davon über!