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Macht und Vollkommenheit: Laus Polyphoniae eröffnet beeindruckend

D
· 5 Min. Lesezeit
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Macht und Vollkommenheit: Laus Polyphoniae eröffnet beeindruckend

Das fantastische Laus Polyphoniae im gleich fantastischen Antwerpen eröffnete mit einem Programm zum Schwelgen: Tenebrae unter der Leitung von Nigel Short brachte Teile aus Tenebrae Responsories von Tomás Luis de Victoria, gefolgt von dessen sechsstimmiger Missa pro Defunctis, dem Requiem, das er anlässlich des Todes von Maria von Spanien im Jahr 1603, seiner Mäzenin, komponierte. Wer Victoria kennt und das Koor Tenebrae, weiß, dass dies auf dem Papier bereits eine match made in heaven ist.

Das Konzert wurde live auf Klara übertragen. Das gut besuchte Publikum, etwa 700 Besucher, wartete geduldig bis die 20-Uhr-Nachrichten vorbei waren und die Moderatorin ihre Einleitung beendet hatte. Danach erklangen die ersten Noten von Versa est in luctum. Sofort ging der Klang tief. Bereits in den ersten Sekunden entstanden die ersten Gänsehautmomente. Es klang ätherisch, aber nie steril oder poliert. Besonders Bass und Tenor hatten manchmal etwas ausgesprochen Spanisches in ihrer Klangfarbe, fast einen grain de la voix. Sollte das eine Ankündigung für den Rest des Abends sein?

Der erste Teil bestand aus Musik aus den Tenebrae Responsories. Ich weiß, es wird verwirrend, wenn Ensemble und Komposition denselben Namen tragen. Dafür gibt es allerdings einen guten Grund, den Interessierte gerne nachschlagen können. Diese Musik für die Karwoche beschreibt das Leiden, die Kreuzigung und die Grablegung Christi auf besonders ergreifende Weise. Victoria geht oft von relativ einfachen Harmonien aus, versteht es aber, diese in meisterhafte Momente der Rhetorik und des Ausdrucks umzuwandeln.

Der Einsatz von Amicus meus war lebhaft und energisch, ein Charakterzug, der sich durch die gesamte Aufführung zog. Gleichzeitig gab es diese wunderbare Zartheit in den Sopranpartien bei Passagen wie ponentes milites und volventes lapidem, das Wegrollen des Steins vom Grab. Auch das offene Ende wurde besonders schön gestaltet. Die Diktion des Chores war beeindruckend, kam aber in der Akustik der Handelsbeurs nicht überall gleich deutlich zur Geltung.

Das Requiem begann daraufhin mit gezügelter Kraft. Tenebrae ließ die Musik für sich selbst sprechen. Selbst wer kein Wort Latein versteht, spürte, worum es in dieser Musik geht.

Das Gregorianum, das Victoria reichlich in diese Komposition verwebt, wurde vorbildlich von den Damen des Ensembles gebracht, jeweils sorgfältig abwechselnd zwischen Intonation und Respons. Der kraftvolle Einsatz des Werkes kontrastierte schön mit den langen musikalischen Linien in Passagen wie dem Anruf von Jerusalem. Was während der gesamten Aufführung auffiel, war, wie gut das Ensemble wusste, welche Passagen musikalisch oder textlich den Schwerpunkt bildeten. Nichts schien zufällig.

Das außergewöhnlich konzentrierte Publikum konnte dies nur genießen.

Victoria unterscheidet sich von seinem großen Zeitgenossen Palestrina dadurch, dass er regelmäßig kleine Dissonanzen in seine Musik einwebt. Tenebrae brachte diese genau so, wie es sich gehört: subtil, aber unmissverständlich vorhanden. Gerade genug angesetzt, um sie zu Wort kommen zu lassen, ohne je nach Effekt zu haschen.

Von Zeit zu Zeit gab es auch diese äußerst zarten Sopran-Einsätze. Gewagt, fast gewichtslos, aber umso beeindruckender.

Ein absoluter interpretativer Höhepunkt war das Offertorium Domine Jesu Christe. Ich kann mir vorstellen, dass für den durchschnittlichen und sogar für den geübten Konzertgänger eine Stunde ununterbrochene Polyphonie nicht selbstverständlich ist. Dieser Teil bildete jedoch eine natürliche Zäsur. Die Vertonung der Strafen der Hölle und der finsteren Abgründe hatte etwas fast Filmisches. Und dann habe ich noch nicht über Libera eas de ore leonis gesprochen: erlöse sie aus dem Rachen des Löwen. Victoria und Nigel Short auf ihrem Besten.

Wenn wir von Nigel Short sprechen: Er bleibt ein außergewöhnlich liebenswürdiger Dirigent mit einem äußerst klaren und vokalen Dirigierstil. Das verwundert nicht. Er sang jahrelang bei The King's Singers und atmet Vokalmusik. Das hört und sieht man auch in seiner Direktion. Er gibt der Musik Raum. Tactus, wo es sein muss, breite Bögen, wo es sich gehört. Ein Genuss anzuschauen und, vermute ich, auch, um darunter zu singen.

Und so bewegte sich die Missa pro Defunctis weiter ihrem Ende entgegen. Es schien manchmal, als ob Victoria selbst bewusst mehr Vielfalt in der Komposition wählte. Das Responsorium wechselt ständig zwischen Gregorianum und Chor, mit zahlreichen vokalen und textuellen Höhepunkten. Ein Beispiel genügt: quando movendi sunt caeli et terrae.

Mit dem letzten Kyrie endete das Konzert in getragener Stille. Erst viele Sekunden später ließ Nigel Short seine Arme sinken, woraufhin tosender Applaus ausbrach.

Meine Schlussfolgerung ist einfach: Dies war ein Konzert von außergewöhnlichem Niveau und eine ideale Eröffnung von Laus Polyphoniae. Victoria bleibt für mich der Komponist, der wie kein anderer die römische Ernsthaftigkeit mit spanischer Leidenschaft zu verbinden versteht. Vielleicht erklärt das auch, warum seine Musik bei einem nordeuropäischen Publikum so gut ankommt.

Tenebrae erwies sich erneut als ausgezeichneter Anwalt dieses Repertoires. Die technische Beherrschung ist schlicht beeindruckend: Intonation, Balance, Diktion und Kontrolle über die großen Spannungsbögen waren von höchstem Niveau. Gleichzeitig lässt Nigel Short seine Sänger singen. Seine Direktion ist niemals aufdringlich, sondern stets unterstützend.

Wenn ich dann doch einen kleinen Vorbehalt anbringen darf, dann hat dieser mit meinem persönlichen Geschmack zu tun. Tenebrae repräsentiert das Allerbeste der britischen Chorkultur: Verfeinerung, Disziplin und Perfektion. Hin und wieder vermisse ich in Victoria ein bisschen mehr raue Kanten, ein bisschen mehr Patina oder Risiko. Nicht weil etwas fehlte, sondern weil die Musik es vielleicht auch vertragen könnte.

Und dann ist da noch der Ort. Die Handelsbeurs bleibt natürlich ein herrlicher Konzertsaal und eine logische Wahl für ein Festival wie Laus Polyphoniae. Dennoch ertappe ich mich immer wieder dabei, dass ich bei dieser liturgischen Musik kurz von einem Kirchengewölbe und einer sakraleren Akustik träume. Aber vielleicht sind das tatsächlich spitzfindige Überlegungen.

Was letztendlich zählt, ist, dass über 700 Menschen sichtlich ein Eröffnungskonzert genossen haben, das noch lange in Erinnerung bleiben wird. Mehr braucht es nicht, um voller Erwartung auf den Rest des Festivals zu schauen.

Wird fortgesetzt.

Foto Header: Sim Canetty-Clarke






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