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Rezensionen

Junior Ballet Antwerp beginnt neues Kapitel mit ‚FURORE'

V
· 8 Min. Lesezeit
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Junior Ballet Antwerp beginnt neues Kapitel mit ‚FURORE'
© Filip Van Roe

Altea Nuñez und Alain Honorez, Tanz ist ihre beider Leidenschaft. Als ehemalige Solotänzer des Königlichen Balletts von Flandern mit einem beeindruckenden Portfolie gründeten sie 2019 zusammen mit Irma Sijnen Junior Ballet Antwerp, kurz JBA. Eine Nachwuchscompagnie, in der talentierte, hoch ausgebildete Absolventinnen und Absolventen von Tänzern aus der ganzen Welt ihre ersten professionellen Erfahrungen sammeln und dies in einer Atmosphäre intensiver Zusammenarbeit, gegenseitigen Respekts und Offenheit.

Inzwischen ist der Name und Ruf von JBA weit über die Grenzen hinaus bekannt geworden – und mit Recht. Ihre Plattform erhält Unterstützung und Ermutigung von Fachleuten aus der Tanzwelt weltweit. Die Vielfalt der Bewegungssprachen bildet das Fundament ihrer Ausbildung. Sie verweben nicht nur kulturell unterschiedliche Referenzen, sondern auch die Vielfalt des Tanzvokabulars.

Die Jahre waren nicht die einfachsten für die Entwicklung von JBA. Corona warf Öl ins Feuer. Aber leidenschaftliche Künstler lassen sich nicht leicht aus dem Gleichgewicht bringen oder blockieren. Dieses prägnante Zitat von Mark Twain charakterisiert ihren Durchhaltewillen vollkommen: "Ils ne savaiet pas que c'était impossible, alors ils l'ont fait". Mit Kampfgeist und auch Vorstellungskraft navigierten sie durch diese schwierige Zeit und zogen daraus sogar zusätzliche Kraft. Fünf Jahre harter Arbeit und Unterstützung einer künftigen Generation von Balletttänzern bei der Schaffung dynamischer, vielfältiger und künstlerisch aufgeladener Aufführungen. Die Messlatte wurde in den letzten Jahren immer höher gelegt.

2024 feierten sie ihr erstes Lustrum. Mit 'FURORE' einem umfassenden Titel, der für Wut, Heftigkeit, aber auch für Begeisterung und Belebung steht, beginnt ein neues Kapitel. Dieses beeindruckende Triple Bill umfasst zwei Weltpremieren 'Saltarello' eine Choreografie von Jorma Elo, 'Furore' von Newcomer Francesco Annarumma und Hauschoreografin Altea Nuñez überarbeitete ihre Choreografie 'Yu' für die Compagnie. Die Gruppe, mit der dieses Jahr gearbeitet wird, besteht aus 15 Frauen und 4 Männern. Die Choreografien lassen die Frauen in ihrer Stärke leuchten. Drei unterschiedliche Stile, aber man sitzt von Anfang bis Ende fasziniert und schaut auf dieses junge Talent, das in seinen Aufführungen sozusagen der Perfektion nahe kommt mit einer erstaunlichen Technik und Geschmeidigkeit. Jede Bewegung ist bis ins Detail durchdacht.

'Saltarello' Choreografie Jorma Elo (Weltpremière)


Musik: Antonio Vivaldi/Heinrich Ignaz Franz Biber/Felix Mendelssohn

Der finnische Choreograf Jorma Elo ist kein Unbekannter in der Antwerpener Tanzszene. Vor mehr als zehn Jahren erhielt er von Ballet Vlaanderen, damals unter der künstlerischen Leitung von Kathryn Bennets, den Auftrag, zwei Werke zu schaffen. Als ständiger Choreograf des Boston Ballet hat er viele Weltpremieren auf seiner Bilanz. Mit so hochqualifizierten Choreografen zu arbeiten ist für die jungen Tänzer der Compagnie ein Segen.

Mit sechs Frauen und zwei Männern schuf Elo, inspiriert und vorangetrieben durch die Musik der drei Komponisten, eine wirbeinde Choreografie. Kompositionen voller Spielraum, Herausforderungen und Überraschungen. Wenn sich der Vorhang öffnet, stehen die Tänzer mit ausgebreiteten Armen, wie ein Schwarm Gänse in V-Form, mit einem azurblauen Hintergrund in ihrem Rücken. Die sechs Frauen tragen ein fließendes hellblaues Kleid, die Männer ein dunkelblau Outfit. Der erste Teil ist rein klassisch zu beschreiben, intensiv und feurig mit einer üppigen Jugendlichkeit und dynamischen Qualität mit vielen Sprüngen, Pirouetten und einem wunderbaren synchronisierten Bewegungsmuster, das der Perfektion nahe kommt. Jeder Akzent in der Musik fällt genau mit der Bewegung zusammen, was von einem wunderbaren musikalischen und rhythmischen Gefühl zeugt. Der zweite Teil ist etwas ruhiger und zeigt mehr Formen zeitgenössischen Tanzes. Der dritte, vierte und letzte Teil ist eine Mischung aus beiden. Ein freudiger Akt und eine fantastische Aufführung.

Assistent Choreografin: Nancy Euverink
Kostümdesign: Ria Van Looveren i.z.m. Jorma Elo
Kostümausführung: Ria Van Looveren & Jolien Deweerdt
Lichtdesign: Gloria Montesinos i.z.m. Jorma Elo
Repetent: Altea Nuñez
Tänzer: Ella Matthews, Lizé Mentz, Maja Grubic, Letizia Austoni, Sora Nishida, Halle McGregor, Silvio Nikolov, Ludovico Gallo

'Yu' Choreografie Altea Nuñez


Musik: Johann Johansson & Yair Elazar Glotman/John Williams/ Juno Reactor

Altea Nuñez war eine talentierte Ballerina, aber Choreografie ist wirklich ihre Berufung. Inzwischen werden ihre Stücke international geschätzt und aufgeführt. Musik ist ihr Brennstoff und Zündstoff. Mit 'Yu' vollbrachte sie bereits kleine Wunder. Sie schuf dieses Werk 2019 für die männlichen Studenten der Königlichen Ballettschule, der Tanz wurde von Kampfkünsten inspiriert. Es wurde auch bei der Gründung von JBA aufgeführt. Die Kombination der fließenden langen schwarzen Röcke und kraftvollen Sprünge sorgte schon damals für ein Bild, das im Gedächtnis blieb. Während Corona suchten Alain und Altea nach anderen kreativen Lösungen, um die Compagnie lebensfähig zu halten. Das Medium Film erwies sich dort als am besten geeignet. 'In der Beschränkung zeigt sich der Meister'. Angesichts der Corona-Beschränkungen machte sie daraus ein stilisiertes Duett für zwei Tänzer. Auch beeindruckend.

Diese dritte Bearbeitung für das ganze Ensemble mit hauptsächlich Frauen übertrifft sich selbst. Sie ist wunderbar schön. Die Musik wurde um eine anspornende perkussive Passage erweitert und auch die Kostüme erhielten ein Make-over mit roten Bodys und schwarzen fließenden langen Röcken mit rotem Futter. Gleichheit ist das Spiel. Altea versteht es, ihre Ideen mit weiblichen Nuancen in intelligente, gefühlvolle Körpersprache umzusetzen. Die Choreographie spiegelt Kraft, Widerstandsfähigkeit, aber auch Verletzlichkeit. Das Ganze wirkt wie ein wunderbar geschliffenes glühendes Rubin. Wenn der Vorhang aufgeht, ist die Bühne in diffuses Grau gehüllt. Die Tänzer suchen ihren Weg in der Welt. Der eine langsam und gequält, der andere explosiv, ein anderer durchschneidet den Raum. In bestimmten Momenten werden sie zu einer Bewegung, sind sie verbunden. Das Ganze verweist auf den Zeitgeist: Einsamkeit und Verbundenheit. Das Ganze: Musik, Tanz, Kostüme, Beleuchtung zeugen von stilisierter Präzision und verfeinerte Fülle sowie eindringliche Intensität. In einem bestimmten Moment wird ein männliches Gesicht angestrahlt. Er sieht aus wie ein griechischer Gott. Ein Mann/Frau-Duett vervollständigt das Bild. Als Zuschauer wirst du von der physischen Kraft der Musik und davon mitgerissen, wie die Bewegung für den menschlichen Körper, das sinnliche Weibliche und das virile Männliche entsteht.

Kostümdesign & -ausführung: Ria Van Looveren i.s.m. Altea Nuñez
Lichtdesign: Gloria Montesinos i.s.m. Altea Nuñez
Tänzer: Lizé Mentz, Letizia Austoni, Maja Grubic, Seohyun Mo or Arisa Hirono, Sora Nishida, Halle McGregor, Phoebe Watson or Valentine Chaumet, Amber Du Bois, Benedetta Sicillia, James Cooper, Silvio Nikolov, Ludovico Gallo

'FURORE' Choreographie Francesco Annarumma (Weltpremiere)


Musik: Ezio Bosso
Assistent Choreographie: Tars Vandebeek
Kostümdesign: Francesco Annarumma i.s.m. Ria Van Looveren
Kostümausführung: Ria Van Looveren
Lichtdesign: Gloria Montesinos i.s.m. Francesco Annarumma
Repetent: Altea Nuñez
Tänzer: Ella Matthews, Lizé Mentz, Letizia Austoni, Maja Grubic, Seohyun Mo, Maria Cordero, Arisa Hirono, Sora Nishida, Halle McGregor, Phoebe Watson, Valentine Chaumet, Amber Du Bois, Benedetta Sicilia, James Cooper, Silvio Nikolov, Ludovico Gallo, Inès Valet, James Cooper, Samuel Kendal

Francesco Annarumma können wir als einen Key-Player in der Welt der jungen Choreografen bezeichnen. Wie spürt JBA all diese renommierten vielversprechenden Tanzschöpfer auf? 2024 fungierte Alain Honorez als Jurymitglied bei einem Wettbewerb für junge Tänzer und war nicht nur überrascht vom hohen Niveau, sondern auch von der Choreographie eines bestimmten Tanzschöpfers: Francesco Annarumma. Es wurden sofort Absprachen getroffen. Alain Honorez bat ihn, den Abschluss des Abendprogramms zu gestalten, das das italienische Wort FURORE, Übersetzung für „Furor" oder „Aufruhr", bedeutet. Es wurde intensiv nach einem geeigneten Musikfragment gesucht. Letztendlich landeten sie bei „THE ROOTS – A Tale Sonata" des italienischen Komponisten Ezio Bosso, der vor einigen Jahren ums Leben kam. Dieses neuere Werk enthielt alle Elemente, nach denen Francesco Annarumma suchte. Jeder Choreograph sorgt für einen Wechsel der Energie im Raum. Die Tänzer von JBA müssen wieder eine völlig andere emotionale Palette und Tanzstile interpretieren. Das Ganze ist fesselnd und gefühlvoll. Ein nahezu nackter Körper liegt in der Mitte der Bühne. Kommt wackelnd und unsicher hoch und erkundet den Raum. Ein Tänzer mit einem wunderbar proportionierten Körper. Alle Damen stehen auf einer Linie rücklings am Fond mit dem Rücken zum Publikum. Sie wirken wie Wachsfiguren. Sie drehen sich zum Publikum hin und schreiten vorwärts auf den Spitzen in einer vollständig synchronen Bewegungssprache. Die langen ausgestreckten Silhouetten haben etwas Mysteriöses. Visuell ein schöner Anblick. Der Junge weicht vor der Welle zurück, die auf ihn zukommt. Der Anfang der Choreographie zielt auf Einfachheit und formale Perfektion ab, es gibt auch eine Menge Bodenarbeit. Fall and recovery. Einfach in der Lesbarkeit, oder gerade sehr kompliziert. Eine ehrliche, ergreifende Darstellung des Zustands, in dem wir derzeit leben. Allmählich bekommt die Darbietung mehr Farbe. Tröpfchenweise erscheinen die Tänzer in roter Kleidung auf der Bühne und ein Feuerwerk aus Tanzfreude und Lebensfreude bricht los.

'FURORE' eine schöne und interessante Ballettaufführung mit drei Choreographien. Jede hat ihren eigenen Charakter, ihre Dynamik und ihren Zeitverlauf. Mehrstufige Stücke voller Nuance, sanfte Lyrik und Tempowechsel. Welche Informationen möchtest du als Künstler mit dem Publikum austauschen. Gibst du wenig oder viel Informationen preis? Es ist jedesmal eine Untersuchung von Rhythmus und Ausdruck in fließenden Bewegungen. Die musikalische Architektur ist für Choreografen und Tänzer immer eine Herausforderung. Für die jungen Tänzer von JBA nur Lob. Das Publikum war von dieser Aufführung eindeutig beeindruckt und ehrte das beeindruckende Ensemble mit minutenlangem stehenden Applaus.

Details

Wer
Junior Ballet Antwerp
Wo
Opera Antwerpen
Gesehen am
27 März 2025
Bildnachweis
Filip Van Roe
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