2007 gewann Anna Vinnitskaya den Königin-Elisabeth-Wettbewerb in Brüssel, ein Sieg, der ihrer internationalen Karriere eine entscheidende Wendung gab. Fast zwanzig Jahre später – am Freitag, 11. September – kehrt die Pianistin in die Stadt zurück, wo ihre internationale Karriere begann – diesmal, um Schumanns Klavierkonzert mit dem Belgian National Orchestra zu spielen. Im Gespräch mit Werner De Smet für Klassiek Centraal blickt sie auf diese bewegte Zeit zurück, auf ihren Lehrer Evgeni Koroliov und darauf, was sie heute noch immer im Gleichgewicht hält.
Brüssel ist für Vinnitskaya untrennbar mit dem Beginn ihrer internationalen Karriere verbunden, aber die Erinnerungen sind keineswegs eindeutig. „Auf der einen Seite gab es diesen enormen, unerwarteten Erfolg, auf der anderen Seite den immensen Druck und die Verantwortung, die ich nach dem Wettbewerb spürte", erzählt sie. Dennoch überwiegt auch Wärme: Sie pflegt noch immer Freundschaften aus dieser Zeit, einschließlich des Kontakts zu ihrer damaligen Gastfamilie. Und dann ist da das Spielen in der BOZAR selbst, dem Saal, in dem damals das Finale stattfand: „Das bedeutet mir ganz sicher sehr viel."
„Es kann dich brechen"
Der Königin-Elisabeth-Wettbewerb war für Vinnitskaya ihr letzter Wettbewerb. Die Erfahrung lehrte sie, dass man sich nicht nur auf mögliches Scheitern vorbereiten muss, sondern auch auf einen Sieg: „Der Erfolg war so unerwartet, dass es mich eine Weile kostete, ihn zu verarbeiten." Ihr Rat an junge Musiker ist unmissverständlich: „Du musst sehr widerstandsfähig sein, um an Wettbewerben teilzunehmen, egal ob du gewinnst oder verlierst – es kann dich brechen." Dann wurde ihr klar, dass sie nie wieder an einem Wettbewerb teilnehmen würde.
Auch an das Belgian National Orchestra bewahrt sie eine starke Erinnerung. Sie spielte damals Prokofjeffs Zweites Klavierkonzert mit dem Orchester unter der Leitung von Gilbert Varga und erinnert sich noch genau, wie viel Unterstützung sie von den Musikern und dem Dirigenten spürte: „Es war wunderbar zu fühlen, dass das Orchester hinter mir stand."
Schumann als Kammermusik
Jetzt steht Schumanns Klavierkonzert auf dem Programm. Überraschenderweise spielt sie Schumann nach eigener Aussage nicht so oft: „Ich weiß eigentlich nicht einmal, warum." Dennoch überrascht sie die Musik immer wieder aufs Neue: „Jedes Mal, wenn ich aufführe, entdecke ich etwas Neues. Besonders der erste Teil ist so schön und zart – Schumanns Seele steckt buchstäblich darin."
Während das Konzert oft als Dialog zwischen Klavier und Orchester beschrieben wird, nuanciert Vinnitskaya dieses Bild: Für sie entsteht dieser Dialog vor allem mit einzelnen Stimmen und Solisten innerhalb des Orchesters: „Das macht die Erfahrung eher wie Kammermusik mit Orchester." Der kontinuierliche Wechsel zwischen Lyrik, Intimität, Ausgelassenheit und Melancholie im Werk erfordert nach ihrer Meinung keine gesuchte Balance, sondern aufmerksames Zuhören und vollständige Präsenz: „Dann kostet es keine Mühe, diese Balance zu erreichen."
Ihre Interpretation steht zudem nie fest. „Bei jedem Konzert, ohne Ausnahme, verändert sich meine Interpretation", erzählt sie. Das kommt nicht nur durch ihren eigenen Ansatz als Performerin, sondern auch durch den Dirigenten und das Orchester, mit dem sie zusammenarbeitet. „Ich bin immer offen für den Beitrag der anderen Musiker; deshalb kann man nie zweimal dasselbe erleben, und das wäre ohnehin langweilig."
Das Programm bringt Schumann zusammen mit Anna Thorvaldsdottirs Aeriality und Mahlers Erste Sinfonie. Vinnitskaya kennt das Werk von Thorvaldsdottir noch nicht, aber auf Mahlers Erste freut sie sich besonders. Es ist eine ihrer liebsten Sinfonien von Mahler, vielleicht sogar ihre liebste. Besonders die starke Verbundenheit mit der Natur fällt ihr auf. Diese weckt in ihr auch Erinnerungen an Schumann: „Am Anfang fühlt es sich an, als würde man in einem Wald sein – ich sehe viele Parallelen zu Schumann; im ersten Teil beispielsweise erinnert die Solo-Klarinette an Waldgeräusche."
Von Beruf zur Lebensphilosophie
Wer nach der Quelle von Vinnitskaya's musikalischer Identität fragt, kommt unweigerlich bei Evgeni Koroliov an, bei dem sie studierte und den sie als ihren fundamentalsten Einfluss beschreibt: „Er ist der Grund, dass ich geworden bin, wer ich jetzt bin; er bleibt ein großes Vorbild für mich." Der Kontrast, den sie zeichnet, ist aussagekräftig: „Ohne ihn würde ich eine Profimusikerin sein; jetzt lebe ich die Musik." Als sie noch in Russland lebte, war Klavierspielen für sie einfach eine mögliche Karriere, keine Lebensphilosophie – dieses Bewusstsein erhielt sie durch Koroliov und Johann Sebastian Bach.
Diese Tiefe versucht sie ihrerseits weiterzugeben als Klavierlehrerin, eine Rolle, die sie bereits seit vielen Jahren erfüllt. Das Unterrichten hat auch ihre eigene Spielweise beeinflusst: „Früher spielte ich alles sehr intuitiv. Seit ich unterrichte und verbal genau erkläre, was Schüler tun und nicht tun sollen, denke ich viel tiefer über die Musik nach." Intuition bleibt dabei der Ausgangspunkt, aber sein Spiel ist auch analytischer geworden – etwas, das sie als Gewinn betrachtet.
Auf die Frage nach der größten Herausforderung ihrer Karriere antwortet sie: „Bei all den Reisen, dem Stress und dem vielfältigen Repertoire ist die größte Herausforderung wahrscheinlich, mir selbst und der Musik treu zu bleiben."
Und obwohl ihr Repertoire bereits beeindruckend umfangreich ist, steht noch ein Komponist ganz oben auf ihrer Wunschliste, Bach: „Ein Komponist, den ich mehr liebe als jeden anderen. Nur habe ich noch nicht gefunden, wie ich beim Spielen genauso viel Vergnügen haben kann wie beim Zuhören."
Wandern und Familie
Zwischen den Tourneen ist es vor allem ihre Familie, die sie mit beiden Beinen auf dem Boden hält – die jährlichen Familienurlaube nennt sie die Höhepunkte ihres Jahres. Darüber hinaus ist das Wandern für sie in den letzten Jahren zunehmend zu einer Quelle der Entspannung geworden.
Am Ende des Interviews wird ihr eine letzte, persönliche Frage gestellt: Was würde sie der Anna Vinnitskaya von 2007 gerne sagen, der jungen Pianistin, die gerade den Königin-Elisabeth-Wettbewerb gewonnen hatte? Ihre Antwort ist ebenso einfach wie beruhigend: "Mach dir keine Sorgen – es wird alles gut, und selbst wenn es nicht so ist, ist es nicht das Ende der Welt."
Weitere Informationen: https://www.nationalorchestra.be/nl/kalender/vinnitskaya-schumann