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Rezensionen

Albtraum von Alkohol, Drogen und Sex

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· 6 Min. Lesezeit
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Albtraum von Alkohol, Drogen und Sex

Die Aufführung von Les Contes d'Hoffmann in der Nationaloper kann man zumindest als originell bezeichnen. Und eigenwillig. Außerdem besonders düster und eigentlich deprimierend. Glücklicherweise gibt es die glänzende musikalische Aufführung, die die bizarre Regie erträglich macht und das Opernererlebnis rettet.

Tobias Kratzer verändert die Kunstdisziplin von Hoffmann, der in der Oper von Offenbach die Geschichte von drei gescheiterten Liebschaften erzählt. Hoffmann ist hier kein Dichter, sondern ein Fotograf. Anspielungen im Libretto auf seine Poesie sind dann natürlich völlig unangebracht – aber das ist noch das Wenigste. Jede Geschichte bekommt in der Oper von Offenbach ihren eigenen Akt und ihren eigenen Musikstil. Jede Geschichte endet schlecht, denn es gibt immer die „dämonische" Figur, die Hoffmann sabotiert und seine (fantasierte?) Geschichte tödlich endet. Hoffmann hat am Anfang der Oper seine neue Hoffnung auf die Diva Stella gesetzt, aber die ist genauso unerreichbar wie die Frauen, mit denen er in der Vergangenheit Beziehungen hatte – oder eingebildete Beziehungen? Die einzige Frau, die ihm durch die ganze Oper hindurch treu bleibt, ist die (namenlose) Muse, die konstante Idee, die ein Künstler braucht, um seine Kunst auszuüben.

Das Bühnenbild der Oper nutzt die riesige Bühne der Nationaloper großzügig, wird aber in eine große Anzahl kleiner Zimmer aufgeteilt. Ein Zimmer bleibt immer zentral und bildet den größten Raum: Hoffmanns Studio mit einer Reihe von Nahaufnahmefotografien. Der Muse selbstverständlich. In diesem Studio beginnt die Oper auch, nicht in einer Taverne, wo Hoffmann auf die Diva Stella wartet. Hoffmann liegt auf dem Bett und schläft seinen Rausch aus. Die Muse wacht bei ihm. Sie räumt die Flaschen auf, die Hoffmann mit den Studenten geleert hat. Die Studenten kommen herein, betrunken und einige schnupfen Kokain. Die Muse darf die Oper mit ihren Kouplets einleiten, gefolgt vom unsichtbaren Eröffnungschor, der das Trinken in einem dunklen Gang unter diesem zentralen Zimmer besingt.

Halluzinante Geschichte, der es an Spannung mangelt

Von diesem Studio aus verlagert sich die Geschichte immer wieder zum Ort der aufeinanderfolgenden Geschichten. Durch ein schmales Lüftungsschlitzchen wird der Ort des Olympia-Akts gezeigt, ein geheimnisvolles kleines Zimmer, in dem Spalanzani seine technische Puppe entwirft. Der ganze Akt erzeugt eine mysteriöse, unheimliche Atmosphäre, die dem Betrug entspricht, den sowohl Spalanzani als auch Coppélius mit ihrem Geschöpf Olympia begehen. Die herrlich tanzende Musik passt kaum zu den Zuschauern, die dicht gedrängt in dem dunklen Gang unter dem Studio stehen. Eines der Zimmerchen rund um das Studio ist ein winziges, boudoir-ähnliches Zimmerchen, in dem Hoffmann mit der Puppe der Liebe nachgeht, angeheizt durch den Rhythmus der Musik. Olympia verliert ihre Augen, angeschmiert von Cochenille, und stirbt. Aber sobald die Puppe zerstört ist, deuten die nächsten Bilder zurück im Studio an, dass Hoffmann Olympia entjungfert hat.

Auch der Antonia-Akt lässt die Charaktere in kleinen, kahlen Boxen rund um das Studio herumschweifen. Antonia wird als Internatsschülerin dargestellt, die mit Hoffmann versucht, der Strenge ihres Vaters zu entgehen. Aber auch hier ist der dämonische Miracle der Spielverderber. Antonia sucht nach der magischen Stimme ihrer Mutter, hier nicht über ein Porträt, sondern überraschenderweise über einen antiken Plattenspieler, der wiederum in einem winzigen Zimmerchen aufgestellt ist. Dafür muss Antonia eine Dachbodenleiter hinunterlassen, was ein lächerliches Bild ergibt. Nach dem ersten Akt hat die Aufteilung von Antonias Wohnung in Boxen bereits ihre Originalität verloren, und das Hin- und Herlaufen der Charaktere wird störend. Dann kommt noch der letzte Akt, für den ein Loch in die Wand des Studios gesprengt wird: Die Kurtisane Giulietta muss auf Befehl des dämonischen Dapertutto Hoffmann seines Schattens berauben. Vergessen Sie nicht die klingelnde Gondel auf einem wellenden Kanal bei der Barkarole. Der Akt spielt sich in den dunkelsten Ecken der Prostitutionswelt ab, wo Hoffmann die Illusion aufgeben muss, um Giulietta für sich zu gewinnen. Eine beklemmende Szene, bevölkert von perversen Charakteren.

Die Rückkehr ins Studio für den letzten Akt lässt Hoffmann erkennen, dass die Frauen nur eine Besessenheit waren und dass sein einziges Schicksal die Muse ist. Aber die Schlussfolgerung findet erst statt, nachdem man noch einmal eine Drogenspritze setzt, was nicht nur lästig ist, sondern auch einen Déjà-vu-Effekt hat. Die drei unglücklichen Liebschaften von Hoffmann interessieren dich eigentlich keinen Deut.

Vielleicht ist die ursprüngliche Absicht von Tobias Kratzer, Hoffmanns Geschichte mit ihrem surrealen Inhalt in einer zeitgenössischen Künstlerszene von Alkohol und Drogen zu platzieren, noch nachvollziehbar, aber er ist damit etwas zu forsch umgegangen. Vielleicht hätte Nüchternheit in der Darstellung von Hoffmanns traumatischen Erfahrungen mehr Wirkung gehabt. Das Mosaikartige, für das sich Kratzer entscheidet, zersplittert auch die Atmosphäre, sodass man sich nicht gespannt in Hoffmanns Halluzination hineinzieht. Die gesprochenen Dialoge sind auf einige kurze Einwürfe beschränkt.

Fülle des Klangs

Die Musik ist glücklicherweise eine Fülle von Klang. Kein Wunder bei dem glänzenden Rotterdams Philharmonisch Orkest im Graben unter der Leitung von Carlo Rizzi. Regelmäßig geht mehr Drama von den lyrischen Violinen und funkelnden Celli aus als von der Bühne. Das Orchester spielt lebendig und farbig, aber wenn die Situation es erfordert, auch subtil und zart. Der Rhythmus ist treibend und mitreißend. Auch die Sänger sind ausgezeichnet. John Osborn singt mit heller Tenorstimme und großem Engagement seine anspruchsvolle Partie. Ein idealer Hoffmann. Erwin Schrott bestätigt sein Engagement als Super-Akteur in den vier teuflischen Partien. Mit seiner tiefen Bass-Bariton-Stimme gestaltet er jede Situation meisterhaft und genießt offensichtlich seine Schurkenrolle, die in einem Super-Höllisch-Gesang Scintille diamant gipfelt. Bei den Damen setzt Irene Roberts als die Muse/Nicklausse ihren vollen und einfühlsamen Mezzosopran ein und gewinnt mit ihrer Darstellung die Sympathie. Die drei „Liebsten" sind ideal besetzt, jede mit ihrem eigenen Charakter für die Frau, die sie verkörpern: zart und geschmeiding Koloratur für Nina Minasyan, lyrisch und gewinnend für Ermonela Jaho, verführerisch und herausfordernd für Christine Rice. Auch die vielen anderen Partien sind geschickt besetzt. Das Publikum in Amsterdam konnte die Vorstellung deutlich genießen.


  • WAS: Jacques Offenbach (1819-1880) | Les Contes d'Hoffmann
  • REGIE: Tobias Kratzer
  • STIMMEN: John Osborn, Irene Roberts, Erwin Schrott, Nina Minasyan, Ermonela Jaho, Christine Rice, François Lis u.a.
  • ORCHESTER: Rotterdams Philharmonisch Orkest, Koor van de Nationale Opera u.L.v. Carlo Rizzi
  • WO: De Nationale Opera, Amsterdam
  • WANN: Sonntag, 24. Juni 2018
  • FOTOGUTHABEN: © Baus

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