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Matthieu Idmtal Zeuge der Feinfühligkeit

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· 8 Min. Lesezeit
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Matthieu Idmtal Zeuge der Feinfühligkeit

Interview von Johanna De Jong

Matthieu Idmtal ist eine der außergewöhnlichsten Persönlichkeiten unter den jungen Pianisten. Seine Interpretationen sind immer originell, zeugen von großer Feinfühligkeit und verraten eine Vorliebe für Poesie. Dies sind Qualitäten, die er in Form einer dritten CD, die bald erscheinen wird, zur Geltung bringt. Grund genug also, diesen belgischen Pianisten aus dem Schatten zu holen, den covid-19 über das Kulturleben wirft, und ihm einige Fragen zu seiner Arbeit und seinem Leben als Musiker zu stellen.

Lassen Sie uns mit einer obligatorischen Frage beginnen: Wie haben Sie das vergangene Jahr überstanden?

Eigentlich ganz gut. Zunächst einmal habe ich und mein nächstes Umfeld nicht mit den dunkelsten Seiten von Corona zu kämpfen gehabt. Das hilft schon sehr. Und auch beruflich kann ich nicht klagen.

Da ich mehr als die Hälfte der Zeit in den Niederlanden auftrete und die Coronapolitik dort lange Zeit viel lockerer war als hier, hatte ich das Glück, ein paar Mal aufzutreten, während alles in Belgien stillstand. Darüber hinaus habe ich auch ein paar Livestream-Konzerte gespielt und die Zeit genutzt, um eine neue CD-Aufnahme zu machen, also ich konnte mich durchaus beschäftigen.
Aber ich vermisse natürlich das Konzertleben. Und alles, was dazu gehört. Unterwegs zur Konzerthalle zu sein, kurz bei einer Tankstelle zu halten für einen Kaffee,... Und lange und gut mit Freunden zu speisen, das vermisse ich auch.

Sie berichten von einer neuen CD-Aufnahme, die erscheinen wird. Diese ist ganz Edvard Grieg gewidmet. Darf ich diese CD als eine Fortsetzung der Aufnahme mit den kompletten Violinsonaten von Grieg zusammen mit Violinistin Maya Levy betrachten?

Eigentlich nicht. Zumindest sehe ich das selbst ganz anders. Die CD wird auf einem anderen Label erscheinen, und es ist eher Zufall, dass es eine zweite Grieg-CD geworden ist. Ich wollte schon lange etwas mit Griegs Klaviersonate machen, die ich schon lange mit mir herumtrage. Es ist Griegs einzige Klaviersonate, ein Jugendwerk, das unter Pianisten nicht sehr bekannt ist, und leider fast nie auf den Konzertpodien zu hören ist. Dabei ist es ein besonders attraktives Werk.

Allein das zweite Satz sollte jeder Musikliebhaber kennen. Darüber hinaus ist diese Sonate für mich auch ein symbolisches Werk. Der dritte Satz war das erste Stück, das ich bei einem meiner wichtigsten Lehrer als Teenager studierte. Ohnehin finde ich, dass mit Grieg oft etwas mitleidig umgegangen wird. Außer vielleicht seinem Klavierkonzert - das übrigens Rachmaninoffs Lieblingskonzert war - wird seine Musik in den Konservatorien viel zu oft links liegen gelassen. Völlig zu Unrecht.

Wenn ich mir deine Aufnahmen anhöre, fällt mir sofort eine große poetische Freiheit auf, mit großer Aufmerksamkeit für die linke Hand. Eine Art Klavierspiel, das sich mehr an eine ältere Generation von Pianisten anlehnt.

Können wir das Interview hier lieber beenden? Dann kann ich mit diesen Komplimenten nach Hause gehen! Du erwähnst einige Schlüsselwörter, die für mich wesentlich sind für einen Pianisten und für Musikmachen überhaupt. Weißt du, alle meine Helden sind schon lange tot.

Von wem sprechen wir denn?

Pianisten wie Friedman, Rachmaninoff, Ginzburg, Horowitz, Cortot,... An sich sehr unterschiedliche Persönlichkeiten, aber was sie verbindet, ist, dass sie alle am Klavier singen. Es sind poetische, narrative Interpreten. Das ist mein Hauptanliegen. Singen. Eine Geschichte erzählen.

Haben deine Lehrer dir also auch in dieser Tradition unterrichtet?

Ich bin von tausendundein Dingen beeinflusst worden, aber ich hatte das Glück, ein paar gute Lehrer in den wichtigsten Schlüsselmomenten zu treffen. Wenn ich an meine Klavierausbildung denke, denke ich an drei bedeutende Persönlichkeiten. Die Lehrerin meiner Kindheit, die Lehrerin meiner Teenager-Jahre und der Lehrer am Konservatorium, der wahrscheinlich der einflussreichste war. Bei Vitaly Samoshko ging es ungeheuer viel um Klang. Ich denke, ich habe ihn nie eine aggressive Note spielen hören und dafür bin ich ihm auf ewig dankbar. Aber ich hatte auch weniger fruchtbare Begegnungen.

In Belgien gibt es so etwas wie die kunsthumaniora, eine Mittelschule, die dich auf das Konservatorium vorbereiten soll. Ich habe sehr gute Erinnerungen an diese Schule, aber dort bekam man einfach einen Klavierlehrer zugewiesen. Diese plötzliche Veränderung führte zu einem Konflikt mit den Prinzipien, die mir bis dahin beigebracht worden waren, dass ich mit einem bestimmten Lehrer viele Meinungsverschiedenheiten hatte. Dann dachte ich: Gut, hier lerne ich, wie man nicht spielt. Das ist auch wichtig. (lacht)

Wenn ich deine Konzertprogramme beobachte, dann fällt auf, dass diese hauptsächlich aus dem romantischen Repertoire bestehen.

Ich weiß es. Und manchmal haue ich mir auch selbst auf die Stirn, dass ich etwas mehr klassisches Repertoire programmieren muss. Ich finde, dass ich Haydn oder Mozart nicht so schlecht spiele, aber mit Bach oder Beethoven habe ich mehr Probleme. Aus irgendeinem Grund muss ich bei diesen zwei doppelt so hart arbeiten, um zu einem ähnlichen Zufriedenheitsniveau zu gelangen.

Lass es vor allem so sein, dass ich die Musik spiele, die mir am nächsten ans Herz liegt. Und Musik, die ich verstehe. An sich ist es doch fantastisch, dass du tun kannst, was du willst? Es gibt niemanden, der dich zwingt, dreihundert Jahre Musik zu spielen. Wenn du deine ganze Karriere Bach widmen willst, dann kannst du das.

Und wie steht es mit zeitgenössischer Musik?

Es kommt vor, dass ich sie spiele. Vielleicht öfter in Kammermusikformationen als solo. Ich kann mich an neuen Kompositionen sehr erfreuen, aber wenn ich wählen darf, entscheide ich mich immer für Musik, die sich noch in einem tonalen Rahmen bewegt. Wirklich fortgeschrittene zeitgenössische Musik oder Musik mit elektronischen Elementen lasse ich links liegen. Erstens gibt es da viele Pianisten, die das viel besser können als ich, und zweitens liegt mein Herz nicht dafür. Vielleicht hängen diese beiden Dinge zusammen. Wie ich sagte, versuche ich an der Klavier zu singen. Viel zeitgenössische Musik ist mir zu melodielos und zu perkussiv. Ein großer Teil dieser Kompositionen sind eine Art Klangexperimente, die Grenzen ausloten. Es ist mir oft zu konzeptionell, zu mathematisch, zu wenig Herz, und das spricht mich nicht an.

Nun, ich bin davon überzeugt, dass in jedem Genre Qualität zu finden ist, aber oft habe ich das Gefühl, dass der Filter der Zeit noch darüber hinweggehen muss. Ich höre trotzdem viel Unsinn. Aber diese Zurückhaltung ist vielleicht subjektiv. Das Konservatorium, an dem ich studierte, profilierte sich gerne als Konservatorium mit der größten Aufmerksamkeit für zeitgenössische Musik, und in meiner Wahrnehmung ging das oft zu Lasten des klassischen Repertoires. Dort herrschte eine blinde Verherrlichung von allem, was den Ohren wehtat, dass ich von bestimmten Figuren noch etwas abkicken muss. Dort wurden sozusagen Kompositionen für Klavier, Mandarin und zwei Tischtennisbälle aufgeführt, aber als ich bei meiner Kammer­musik­prüfung das Klavierquintett von Schumann spielte, rollte die Jury mit den Augen. Ich hörte sie förmlich denken: schon wieder Schumann. Ihre Absicht war vielleicht gut gemeint, um bei den Schülern die Begeisterung für zeitgenössische Musik zu wecken, aber bei mir hat es das Gegenteil bewirkt.

Hatten solche Erfahrungen auch einen Einfluss darauf, wie du selbst unterrichtest?

Ja. Ich hasse Autorität, und ich fürchte daher, dass ich selbst auch nicht der autoritärste Lehrer bin. Ich mag Vorschläge lieber als Verpflichtungen. Im Leben auch übrigens.
Die eigenen Ideen oder die eigene Persönlichkeit um jeden Preis durchsetzen zu wollen ergibt wenig Sinn. Aber ich genießeUnterricht immer mehr. Ich habe jetzt einige Schüler, die das Konservatorium besuchen möchten, und auch Konservatoriumsstudenten, die ab und zu um Rat fragen. Dann weißt du, dass du älter wirst. (lacht)

In einem anderen Interview las ich, dass Alexander Scriabin dein Lieblingskomponist ist. 2022 wird sein 150. Geburtstag gefeiert. Gibt es dann besondere Pläne?

Nur zur Klarstellung: Wenn man mich nach meinem Lieblingskomponisten fragt, antworte ich normalerweise mit unbewegter Miene: Johann Strauss. Der verwirrte Blick, den man dann bekommt, ist Gold wert. (lacht) Im Ernst: Ich liebe Johann Strauss und Wiener Walzer im Allgemeinen. Aber du hast recht. Wenn man mich zwingen würde zu wählen, könnte die Antwort auf die Frage vielleicht Scriabin sein.
Wenn alles gut geht, habe ich in diesem Jahr zwei Konzerte, die ganz im Zeichen von Scriabin stehen werden, beide in den Niederlanden übrigens. Aber ich fürchte das Schlimmste und denke, dass sowohl in Belgien als auch in den Niederlanden nicht besonders viel rund um Scriabin gemacht werden wird. Er hat allerdings in beiden Ländern gelebt.

Gibt es noch andere Projekte, die du gerne realisieren möchtest?

Was mir in diesem Beruf am meisten gefällt, ist der kreative Aspekt. Zunächst und vor allem an der Klavier, aber auch bei der Konzertreihe, die ich organisiere. Ich hoffe vor allem, das weiterhin tun zu können.
Vielleicht würde ich gerne noch ein paar Konzerte mit einem bedeutenden Liederzyklus spielen. Dichterliebe oder Winterreise mit einem guten Sänger zu bringen scheint mir fantastisch.

Abschließend: Im vergangenen Jahr gab es viel Diskussion darüber, wie unverzichtbar oder nicht Kunst und Musik ist. Was denkst du darüber?

Bestimmte Komponisten haben mein Leben verändert. Wie unverzichtbar willst du es noch haben?

Das ist eindeutig!


  • WAS: Interview mit Matthieu Idmtal durch Johanna De Jong
  • FOTOS: © Yoshie Kuwayama
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