„Klassik mit Klasse" ist diese Matinee in der Bijloke betitelt. Mozart und Mendelssohn, klassischer geht es nicht. Mozart bleibt das Summum der Klassik und Mendelssohn der Mozart des neunzehnten Jahrhunderts.
Pianist Ronald Brautigam hat sich seine Sporen verdient, er ist einer der Pianisten, der das Pianoforte in diesem Repertoire zu einem Mainstream-Instrument gemacht hat. Er ist auch dafür bekannt, ein frühes Klavierkonzert von Beethoven entdeckt zu haben, noch vor seinem ersten, also Beethovens sogenanntes nulltes Klavierkonzert. Auch das heutige Orchester, die Kölner Akademie, wurde mehrfach gelobt für die Entdeckung weniger bekannter Werke, die sie in Weltpremiere aufführen.
Um drei Uhr punktlich sitzt die Kölner Akademie bereit und gestimmt. Die Art und Weise, wie Dirigent Willens hereinkommt, erinnert mich daran, wie Musiker die Bühne betreten, an das, was Radiomoderator Katelijne Boon sagte, als Pianist Vondracek bei der Königin-Elisabeth-Wettbewerb 2016 auftrat. „Er tritt auf wie ein Gewinner auf", sagte sie, bevor er wusste, dass er den Wettbewerb gewinnen würde. Maestro Willens ist das Gegenteil, er kommt mit einem zögernden Schritt herein, als würde er mich sofort zweifeln lassen am guten Ausgang dieses Konzerts, noch bevor eine Note geklungen hat.
Die Hebriden-Ouvertüre drückt den Nebel der schottischen Landschaft aus. Bei Tempo und Dynamik ist bei diesem professionellen Ensemble nichts zu bemerken, aber schon von den ersten Noten an fällt das Ungleichgewicht zwischen Bläsern und Streichern auf. Besonders tiefe Bläser klingen zu laut, Streicher spielen dagegen mit einem ausgeprägten dünnen Ton. Ich sitze auf der linken Seite des Saals, ziemlich nah bei der Bühne, aber an der Akustik dieses erneuerten Konzertsaals kann es nicht liegen. Mit einigen kleinen Unvollkommenheiten beim Tempo und beim Zusammenspiel denke ich, das geht in den Nebel. Vielleicht war es auch so beabsichtigt.
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© Marco Borggreve[/caption]
Mit Solist Ronald Brautigam genießen wir Mendelssohns zweites Klavierkonzert und das bekannte „Rondo" glänzend. Ein Pianoforte klingt natürlich nicht wie ein Konzertflügel. Es ist ein Saitenkasten, der schärfer aber zusammen mit dem Orchester weniger voluminös klingt. Brautigam phrasiert mit Flair und Klasse. Lyrisch mitreißend in den langsamen Passagen, bei den schnellen Fortes holt er alles aus der Kiste.
Nach der Pause steht ein Höhepunkt der klassischen Musik auf dem Programm, Mozarts letzte Symphonie, seine einundvierzigste. Besonders der letzte Teil der Jupiter-Symphonie ist ein Beispiel von Mozarts Genie, eine fünfstimmige Fuge in Sonatenform. In keinem anderen Stück klingt Mozart so unübertroffen. Wiederum finde ich die Balance zwischen Streichern und Bläsern störend. Eine Begleitungsfigur des Fagotts klingt, als würde er neben mir sitzen. Die Streicher scheinen miteinander ein Pakt geschlossen zu haben, niemals zu vibrato und niemals einen vollen Klang zu produzieren. Das mag bei der historischen Aufführungspraxis durchaus Gewohnheit sein, es klingt manchmal schrill und dürftig, ein federnleichter Klang, der nicht gegen die Hörner, Trompeten oder Fagotte ankommt. Gegenüber den zurückhaltenden Streichern schlägt der Pauker fröhlich darauf los. Man kann weich und hart auf den Pauken schlagen. Manchmal gibt er einen Schlag, als würde er eingedöste Hörer bei der Stange halten.
Durch die hohen Tempi vermisse ich dem ganzen Stück seine Spannung, finde ich. Es wird wahrscheinlich historisch gerechtfertigt sein, und ich werde zu oft langsame Aufführungen gehört haben, aber die ganze Symphonie klingt gehetzt. Als würde die Kölner Akademie das Konzert nicht nur pünktlich beginnen, sondern auch pünktlich beenden wollen. Denn wie immer ist die Pause ausgelaufen durch Konzertbesucher, die die Pause für den wichtigsten Teil des Konzerts halten.
Historisch oder nicht, mir fehlt die Gewichtigkeit im ersten Teil der Jupiter-Symphonie, dem „Allegro vivace". Der langsame Teil „Andante cantabile" ist eher hüpfend als gehend. Das „Menuetto" wird beinahe ein schneller Walzer und verliert die Würde eines Menuetts. Mit dem höllischen Tempo scheint es manchmal, als würde die großartige Fuge ihre Tragweite verlieren, mehr wird heruntergerattert als aufgeführt. Es klang alles sehr gut zusammen, professionell und historisch gerechtfertigt, aber trotzdem verlasse ich den Saal etwas enttäuscht.
Was hätte das Publikum davon gehalten, fragte ich mich beim Hinausgehen. Eine Frau hält mir die Tür auf, worauf sie in der kalten Abendluft verschwindet mit den Worten: „ein schönes Konzert, aber..."
WER: Ronald Brautigam & Kölner Akademie WAS: Klassik mit Klasse. WANN: 13. Februar, Matinee WO: Bijloke, Gent