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Weihnachten als Klangerzählung: Eric Whitacre in Flagey

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· 9 Min. Lesezeit
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Weihnachten als Klangerzählung: Eric Whitacre in Flagey
© Marc Royce

Die dunklen Tage vor Weihnachten erhielten am Samstagabend, 20. Dezember, in Studio 4 von Flagey eine besondere Gestaltung, anlass der Gelegenheit subtil mit Sternen geschmückt. Das Weihnachtskonzert The Boy Who Laughed at Santa Claus verband Humor und Besinnlichkeit und wechselte mühelos verspielte Momente mit kontemplativeren Passagen ab. Unter der Leitung von Eric Whitacre (°1970) – Komponist und Dirigent, der der Chormusik in den vergangenen Jahrzehnten eine ausgesprochene zeitgenössische Stimme gab – brachten der Flämische Rundfunkchor, das Brussels Philharmonic und der Flanders Boys Choir zusammen mit einer Reihe von Solisten ein Programm, das klassische Tradition mit einer zeitgemäßen Herangehensweise an das Weihnachtsthema verband. Die warme und zugleich transparente Akustik von Studio 4 unterstützte dabei vor allem die feine Dynamik und Klangnu­ancen des Chores.

Besinnlichkeit und zeitgenössischer Chorklang

Das Konzert eröffnete mit Lux Aurumque von Eric Whitacre, ein Werk, das sich mittlerweile einen festen Platz im zeitgenössischen Weihnachtsrepertoire gesichert hat und zu meinen Favoriten gehört. In einer nüchternen musikalischen Sprache besingt Whitacre das sanfte, goldene Licht rund um die Geburt Christi. Die transparenten Harmonien und sorgfältig aufgebauten Spannungsbögen erhielten in dieser Aufführung vollständig Platz, sodass sich das Werk langsam und konzentriert entfaltete. Der Klang blieb leicht und ausgewogen und setzte sogleich den Ton für ein Vorprogramm, das eher auf Besinnlichkeit als auf Ausgelassenheit ausgerichtet war, wobei Details und Klangfarbe Vorrang vor direkter Expressivität erhielten.

Es folgte dann Es ist ein Ros entsprungen von Michael Praetorius (1571-1621) in der bekannten Bearbeitung von Jan Sandström (°1954), einer der persönlichen Favoriten von Whitacre, wie er selbst erklärte. Der jahrhundertealte Choral wurde in langen, getragenen Linien niedergelegt, während darunter eine sanft bewegende harmonische Unterströmung entstand. In einer klaren und gut ausgewogenen Aufführung blieben die einzelnen Stimmenlinien deutlich hörbar, wodurch Sandströms geschichtete Schreibweise vollständig zur Geltung kam. Die vertraute Melodie klang rein und ungezwungen und verstärkte den kontemplativen Charakter, den das Konzert inzwischen angenommen hatte.

Mit Brightest and Best von Shawn Kirchner (°1970) verschob sich das Klangbild merklich. Der Komponist setzte den Text über den Stern von Bethlehem in eine rhythmisch lebendige und melodisch zugängliche Chorsetzung um, in der eine offene, fast volkstümlich anmutende Freude durchklingt. Die Aufführung war hell und energisch, mit einem natürlichen Schwung und einer präzisen Zusammenfassung zwischen den Stimmen. Das Werk brachte einen ausgesprochenen hoffnungsvollen und hellen Akzent in das Programm und sorgte für eine willkommene Abwechslung nach den gemäßteren Werken, die vorausgingen, ohne in beliebige Festlichkeit zu verfallen.

Von Whitacre folgte dann Stopping by Woods on a Snowy Evening, zum berühmten Text von Robert Frost (1874-1963), das hier seine europäische Uraufführung erlebte. Erst nach fünfundzwanzig Jahren konnte das Werk endlich auf dem Originaltext aufgeführt werden, nachdem das Urheberrecht abgelaufen war. Whitacre erzählte, wie er sich lange Zeit mit einem alternativen Text behelfen musste, geschrieben von einem befreundeten Dichter mit einer ähnlichen Wortfolge und Rhythmik. In Frosts verhaltenem Winterszenario fand der Komponist schließlich einen Text, der nahtlos an seine kontemplative Klangsprache anknüpft. Die Aufführung war gehalten und transparent, mit großer Aufmerksamkeit für Details und Phrasierung, wodurch die poetische Melancholie des Werkes sich langsam entfalten konnte, und in der Stille ebenso bedeutungsvoll wurde wie Klang.

Das Ganze bildete ein atypisches Vorprogramm für ein Weihnachtskonzert. Statt auf Wiederkennung und festliche Grandeur abzuzielen, lag der Schwerpunkt auf Klangfarbe, Textur und zeitgenössischer Reflexion. So bot es einen klaren Einblick, wie aktuelle Chorkomponisten das Weihnachtsthema angehen: nicht so sehr als Geschichte, sondern als Stimmung, Meditation und – manchmal explizit – als Zeichen der Hoffnung. Gleichzeitig fungierte es als vorbereitendes Rahmenwerk für das eigentliche Herzstück des Abends: die beiden theatralischen Weihnachtserzählungen von Whitacre selbst, The Boy Who Laughed at Santa Claus und The Gift of the Magi, in denen Humor, Drama und musikalische Farbe auf überzeugende Weise zusammenkamen.

Humor und Verwirrung

In The Boy Who Laughed at Santa Claus skizziert Dichter Ogden Nash (1902-1971) ein humorvolles Weihnachtsszenario, in dem das traditionelle Bild der Feiertage auf verspielte Weise umgekehrt wird und sich unerwartete Ereignisse in schnellem Tempo folgen. Nash ist vor allem für seine „light verse" bekannt, kurze, witzige und verspielte Gedichte oft mit absurdistischer Wendung. In unserer Region wurde dieses Genre unter anderem durch Annie M.G. Schmidt bekannt.

Das Gedicht erzählt die komische und leicht moralisierende Geschichte von Jabez Dawes, einem ungezogenen Jungen aus Baltimore, der höhnisch ruft, dass „es keinen Weihnachtsmann gibt". Sein Unglaube verbreitet sich unter den anderen Kindern, die deswegen am Weihnachtsabend weinen und sogar zögern, ihre Socken aufzuhängen aus Angst vor seinem Gelächter. Am Ende hört er den echten Ton des Schlittens und sieht den Weihnachtsmann selbst am offenen Kamin erscheinen. Dort wird ihm gesagt, dass, obwohl es den Weihnachtsmann wirklich gibt, kein Platz für Jabez ist. Durch eine magische Wendung verwandelt er sich in eine Art Jack-in-the-box-artiges Spielzeug, während die anderen Kinder ihre Weihnachtstradition ungestört fortsetzen können. Das Gedicht ist leichtfüßig, absurd und rhythmisch, und spielt auf verspielte Weise mit Glaube, Unglaube und deren Konsequenzen.

Whitacres musikalische Übersetzung erfasst diesen Geist vollständig. The Boy Who Laughed at Santa Claus ist eine verspielte und absurde Weihnachtsgeschichte, voller Humor, rhythmischer Wendungen und überraschender Artikulationen. Der Flanders Boys Choir schloss sich dem Vlaams Radiokoor und dem Brussels Philharmonic an, um das Gedicht zum Klingen zu bringen. Das Ensemble wurde zu leichter, lebendiger Klanggestaltung herausgefordert, mit präzisem Timing und dynamischen Kontrasten, während das Publikum in ein magisches und fröhliches Universum hineingezogen wurde. In besonderen Momenten weinten die Kinder in der Geschichte bei der Erkenntnis, dass der Weihnachtsmann nicht existierte; dies wurde vom Kinderchor auf ergreifende Weise dargestellt, wodurch sowohl Verwunderung als auch Gerührtheit hörbar wurde. So verband das Stück Absurdität, Verspieltheit und Wärme und veranschaulichte die theatralische und ausdrucksstarke Kraft von Whitacres Herangehensweise an Weihnachtsgeschichten, die konsequent auf Kommunikation und narrative Klarheit setzt.

Liebe und Selbstaufopferung

The Gift of the Magi entfaltete sich danach als ein intimes und vielschichtiges musikalisches Drama. Das Werk basiert auf der berühmten Kurzgeschichte von O. Henry (1862-1910), in der ein junges Ehepaar, Jim und Della, Weihnachten feiert, indem sie sich gegenseitig kleine Geschenke schenken. Um ihre Liebe zu zeigen, verkauft Della ihr langes Haar, um eine Kette für Jims Uhr zu kaufen, während Jim seine Uhr verkauft, um einen Kamm für Dellas Haar zu kaufen. Die Geschichte zeigt auf entwaffnende Weise, dass wahre Liebe oft mit Selbstaufopferung verbunden ist und dass die Geste wichtiger ist als das materielle Geschenk.

Whitacre übersetzte diesen Kern in eine halbszenische Mini-Oper, in der lyrische Serenität und subtile Dramatik Hand in Hand gingen. Harmonien flossen langsam, Klangfarben waren ätherisch, und die Dynamik folgte dem emotionalen Bogen der Charaktere. Das Vlaams Radiokoor übernahm eine erzählende Rolle, vergleichbar mit der narrativen Funktion in der klassischen Tragödie: es lieferte Kommentar, begleitete die Handlung und verstärkte die emotionale Wirkung.

Das Solistentrio aus Laurence Servaes, Aline Goffin und Lucas Cortoos gab den Charakteren überzeugend Form. Ihre kristallklaren Stimmen, präzise englische Aussprache und durchlebte Phrasierung machten die intimen Momente hörbar, während kleine halbszenische Gesten die Aufopferung und die Liebe des Ehepaares visuell und musikalisch unterstützten. Einige Chorsolisten übernahmen ergänzende Schauspielrollen, wodurch die Geschichte eine zusätzliche Dimension erhielt.

Eine der Szenen, die besonders ins Auge fiel, war die beim Friseur. Hier führte Whitacre deutliche Jazz-Elemente und einen zynischen Blick auf den kommerziellen Aspekt von Weihnachten ein: „Christmas is good for business" klang mit einem frechen Unterton. Gleichzeitig spürte man im ganzen Stück Augenzwinkern zur Musicaltraditionen von Stephen Sondheim (1930-2021) und Leonard Bernstein (1918-1990), mit subtilen rhythmischen und harmonischen Anspielungen, die eine theatralische Spannung und Verspieltheit hinzufügten. Der Satz „Maybe next year" erinnerte sogar unmittelbar an die Schlusszeile von „Send in the clowns" aus Sondheims A Little Night Music.

Der Verlauf des Werks war sorgfältig durchdacht: ruhige, lyrische Passagen bauten Spannung und emotionale Tiefe auf, woraufhin die intime Dramatik zu einem überzeugenden Höhepunkt führte. Whitacres Kombination von reichen Harmonien, transparenter Stimmführung und einer sensiblen Balance zwischen Chor und Solisten sorgte dafür, dass die zentrale Botschaft von O. Henry – uneigennützige Liebe und menschliche Wärme – nicht nur deutlich hörbar, sondern auch tief spürbar wurde. Das Ergebnis war eine Aufführung, in der Musik, Geschichte und subtile theatralische Augenzwinkern vollständig zusammenschmolzen. Das Publikum wurde in ein reiches, ausdrucksstarkes und gleichzeitig verspieltes Universum hineingezogen, in dem die Weihnachtsstimmung auf eine weniger selbstverständliche, aber umso eindringlichere Weise Gestalt annahm.

Weihnachten als gemeinsame Vorstellung

Dieses Konzert zeigte auf überzeugende Weise, wie zeitgenössische Chormusik Weihnachten als eine reichhaltige und vielschichtige Erfahrung angehen kann, weit entfernt von bloßer Tradition oder Nostalgie. In der sorgfältig dosierten Abwechslung zwischen Stille und Ausgelassenheit, zwischen geheimnisvollen Klangfeldern und verspielten, theatralischen Szenen entfaltete sich ein zeitgenössisches Weihnachtsuniversum, in dem Humor, Verwunderung, Lyrik und menschliche Wärme nebeneinander existieren konnten. Werke wie Lux Aurumque, The Boy Who Laughed at Santa Claus und The Gift of the Magi machten deutlich, wie ausdrucksstark und vielschichtig dieses Repertoire sein kann, und wie sehr es sich von den vertrauten Klassikern unterscheidet, die Weihnachten oft eindimensionaler angehen.

Entscheidend für diese Überzeugungskraft war die intensive musikalische Bindung zwischen Eric Whitacre und seinen Ensembles. Seine Direktion kombinierte technische Präzision mit ausgesprochener emotionaler Beteiligung, wodurch Chor und Orchester als ein organisches Ganzes funktionierten. Das gegenseitige Vertrauen war in der natürlichen Dynamik, der transparenten Klangbalance und dem selbstverständlichen Wechselspiel zwischen solistische Momenten und kollektive Kraft hörbar. Unter seiner Leitung klang die Musik frisch und lebendig, als würde sie sich immer wieder neu in dem Moment entfalten, auch wenn sein ausgeprägter narrativer Stil wenig Raum für stilistische Mehrdeutigkeit lässt.

Diese Lebendigkeit wirkte sich auch auf die Beziehung zum Publikum aus. Das Konzert wurde keine distanzierte Hörerfahrung, sondern ein gemeinsames Ereignis, in dem Verwunderung, Lächeln und Gerührtheit Hand in Hand gingen. Das gemeinsam gesungene Zugabenlied Stille Nacht, in verschiedenen Sprachen, krönte diese Verbundenheit und gab dem Abend eine zusätzliche Dimension von Wärme und Menschlichkeit.

Was letzten Endes im Gedächtnis blieb, war nicht nur der Eindruck einer in Klang erzählten Weihnachtsgeschichte, sondern auch die Erkenntnis, dass zeitgenössische Chormusik eine überraschend breite emotionale und Vorstellungskraft besitzt. Innerhalb einer ausgeprägten amerikanischen Sicht auf Weihnachten – als Moment der Stille, Reflexion und Flucht aus dem alltäglichen Hamsterrad – gelang es Whitacre mit diesem Programm, ein Fest aus Klang und Bedeutung zu schaffen, das sowohl das Ohr als auch das Herz berührte, und das in unseren Gegenden selten auf diese Weise erlebt wurde.

Details

Wer
Vlaams Radio Koor, Flanders Boys Choir en Brussels Philharmonic o.l.v. Eric Whitacre met Laurence Servaes, Aline Goffin en Lucas Cortoos als solisten
Wo
Flagey, Elsene
Gesehen am
20 Dezember 2025
Brussels Philharmonic
Website
Bildnachweis
Marc Royce
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