Eine faszinierende und gleichzeitig abenteuerliche Erkundung der Intrigen der Finsternis: Das stellt die in den Niederlanden lebende ukrainische Anna Fedorova dem Hörer vor allem in Aussicht: Musik, die einerseits programmatisch gefärbt und andererseits äußerst virtuos ist. Keine geringe Aufgabe, nicht einmal für den erlesensten Meisterpianisten, aber Fedorova enttäuscht auf keiner Ebene.
Dieses Recital atmet pures Zauberwerk in einer erregenden Reise, die uns ans Ende der Nacht führt (allerdings hoffentlich nicht so, wie Louis-Ferdinand Céline sie uns vorstellt), aber aus der Finsternis ins wahre Licht führt, abwechselnd gespenstisch, geheimnisvoll und verführerisch, von Skrjabins von Angstträumen geplagter Neunter Sonate zu Ravels romantisch-transzendenten Gaspard de la nuit und anschließend zu De Fallas gespenstischem El amor brujo, um in Mussorgskis gleich kraftvoll imaginativen Bilder einer Ausstellung zu kulminieren, das beim tumultartigen Finale das Licht am Ende dieses langen Tunnels in Kiew's Großem Tor fast greifbar macht (das für Fedorova sicherlich eine starke assoziative Bedeutung gehabt haben muss).
Das äußerst chromatische Eröffnungswerk, Skrjabins Klaviersonate Nr. 9, genannt „Schwarze Messe", setzt faktisch den Ton für das ganze visionäre Programm. Selten wird in einer nur einteiligen Sonate mit einer Dauer von kaum neun Minuten so viel expressive Schichten übereinander gestapelt wie in diesem Werk. In diesem Opus wohnt so viel Fantasie und Geheimnis, dass es ein atembeaubendes vielseitiges Panorama liefert. Allerdings muss man sagen, dass die formale Gestaltung dagegen verloren hat. Zweifellos Skrjabins bewusste Wahl.
Dass Fedorova in diesen so unterschiedlichen Klavierwerken ohne jede Lücke den richtigen interpretativen Ton gefunden hat, mag an sich schon eine Leistung von großem Format genannt werden: Sie bewegt sich chamäleonhaft durch die zahllosen, vielfach sogar kaum greifbaren Stimmungsbilder mit Hilfe ihrer fehlerlosen Technik. Die von Jared Sacks gemachte Aufnahme ist ebenso glänzend, mit noch einem separaten Kompliment für den Klaviertechniker Charles Rademaker, der für einen sublimen Flügelklang (wie zu hören ein Steinway D) gesorgt hat.