Mit der Gesamtaufführung von Má Vlast von Bedřich Smetana (1824-1884) setzte Anima Eterna Brugge am Samstag, den 13. September im Concertgebouw Brugge unter der Leitung des tschechischen Maestro Václav Luks ein musikalisches Monument. Der Klang war so authentisch und einfühlsam, dass man sich für einen Moment in einen Prager Konzertsaal versetzt fühlte.Ein persönliches Vorspiel
Als ich 2019 das Ensemble Collegium 1704 unter der Leitung von Václav Luks zum ersten Mal bei Händels Messiah am Werk sah, war ich sofort von der Authentizität dieser tschechischen Vollblutmusiker begeistert. 2021, mitten in der Coronazeit, brachte dasselbe Collegium während des Prager Frühlingsfestivals Má Vlast. Wieder wurde ich umgehauen: Was für eine Wiedergeburt einer Partitur, die oft in Routine verfällt!
Als ich also hörte, dass Luks mit Anima Eterna Brugge dieses Meisterwerk erneut aufführen würde, zweifelte ich keinen Moment: Das musste ich erleben.
Und dass es keine Wiederholung, sondern eine Wiederentdeckung sein würde, zeigte sich bereits während der Einspielprobe, die ich nachmittags beiwohnen konnte. Was ich dort hörte – und sah – gab dem späteren Konzert noch mehr Gewicht.
Die Kunst des Erzählens
Václav Luks ist kein Dirigent, der das Spektakel sucht. Was er stattdessen tut, ist erzählen – in Klang, in Farbe, in Atem. Sein Zugang zu Má Vlast – sechs symphonische Dichtungen über die Landschaft, die Legenden und den Geist Böhmens – atmete Transparenz und natürlichen Verlauf. Nirgends zwang er, immer fühlte er. Luks wusste, wann er tragen musste, wann er loslassen musste.
Unter seinen Händen blühte Anima Eterna Brugge zu einem Orchester auf, das nicht nur ausführte, sondern sang, sprach und flüsterte. Der Einsatz historischer Instrumente – Darmquartette, Holzbläser mit warmem, gedämpftem Ton, Blechbläser ohne die moderne Schreierigkeit – machte diesen Abend zu einer klanglichen Zeitreise nach Prag und Böhmen des späten 19. Jahrhunderts.
Während der Probe am selben Tag bekamen wir einen besonderen Einblick. Anima Eterna Brugge suchte zunächst nach den richtigen Instrumenten, diskutierte über Stimmung, Saiten und Spielweise. Erst dann begann die eigentliche Arbeit in der Vorwoche. Für viele Musiker war dies die erste Begegnung mit dieser bezaubernden Partitur. Es fühlte sich an, als würden sie selbst die Uraufführung spielen – mit Neugier, Staunen und Respekt.
Sechs Sätze – sechs Gesichter eines VaterlandesVyšehrad – die Burg als Klangmonument
Der Zyklus eröffnete mit einer Evokation der mythischen Prager Burg Vyšehrad. Die Aufstellung der beiden Harfen – links und rechts auf der Bühne – schuf ein faszinierendes Stereobild. Sie zeichneten die Konturen der alten Mauern, Erinnerungen in Stein und Saiten. Die feierlichen Blechbläserklänge fungiert als Wächter am Tor, während die Streicher wie Nebel über die Moldau glitten. Luks ließ das Orchester wie ein Fresko spielen: verhalten, würdevoll, eine stille Ehrerbietung an die Vergangenheit.
Vltava – ein Fluss mit Seele
Wer Vltava als bloße Erkennungsmelodie erwartete, wurde überrascht. Luks entkleidete das Werk aller Routine und Bombast. Die beiden Flöten sprachen wie Quellen, die zusammenfließen, und bald wuchs der Strom zu einer musikalischen Landschaft voller Phantasie: Jagdfanfaren, eine Bauerenhochzeit, Nymphen, die bei Mondlicht auf dem Wasser tanzen. Der Fluss glitzerte, floss – niemals mechanisch, immer lebendig. Die Flöten glänzten, buchstäblich und im übertragenen Sinne. Am Ende kehrte das Vyšehrad-Thema zurück, als poetische Geste: Der Fluss trägt die Vergangenheit mit sich. Das Klischee wurde aufgelöst; die Musik klang wiedergeboren.
Šárka – Rache im WaldŠárka führte uns in einen düsteren Wald, wo die Legende der kriegerischen Jungfrau, die ihre verführten Opfer tötet, zum Leben erwachte. Die Eröffnungspassagen klangen schwül, unterschwellig bedrohlich. Als Šárka ihre Falle aufstellte, brach das Orchester los: rhythmisch, scharf, schneidend. Das hätte groteskersk klingen können, aber unter Luks blieb es dramatisch geschichtet. Eine Tragödie ohne Worte, mit musikalischer Präzision erzählt.
Bemerkenswerte Besonderheit: Warum nach diesem dritten Satz eine Pause eingelegt wurde, bleibt rätselhaft. Man sitzt mitten in der Geschichte – und wird plötzlich aus dem Roman gerissen. Glücklicherweise brachte die Kraft der Aufführung dich nach der Pause schnell zurück ins Universum von Smetana.
Z českých luhů a hájů – Lobgesang auf das Land
Wörtlich: Aus böhmischen Wäldern und Feldern. Diese pastorale Bewegung wurde unter Luks zu einer sonnenüberfluteten Miniaturoper. Die Holzbläser pfiffen wie Vögel, die Streicher webten Licht durch die Bäume, das Blech funkelte wie Tau auf offenen Feldern. Das Orchester zeichnete sich durch Transparenz aus: jede Stimme erhielt Platz. Der Höhepunkt – eine fast tanzenartige Fuge – war eine Explosion der Freude, hell und natürlich. Selten klang eine Pastorale so frisch.
Tábor – streitbar und streng
Mit Tábor begann das Finalduo des Zyklus, in dem das Hussitenled Kdož jsú boží bojovníci zentral steht. Dieses Kampflied aus dem 15. Jahrhundert ruft zu Mut und Glauben im Kampf für Gerechtigkeit auf:
Ihr, die Streiter Gottes seid und seines Gesetzes,
bittet um die Hilfe des Herrn und um seine Gnade.
Nachfolger Jesu Christi, seid mutig im Kampf!
Der Klang war kantig, eigensinnig, entschlossen. Kein bombastisches Volumen, sondern innere Kraft. Das Liedthema wurde wiederholt, verzerrt, widerspenstig, wie ein Kampf, der sich hinzieht. Luks baute den Spannungsbogen langsam auf, in Richtung eines unvollendeten Endes – als würde der Kampf noch nicht zu Ende sein. Das Orchester spielte hier mit schlanker Kraft, ohne romantische Schwere.
Blaník – Hoffnung im Herzen des Berges
Wo Tábor in Bedrohung endete, bot Blaník Erlösung. Das Hussitenlied kehrte zurück, transformiert zu einem hoffnungsvollen Motiv. Die Ritter aus der Legende schlafen im Berg Blaník, wartend auf die Stunde der Not. In diesem Schlusssatz erklang das Hussitenlied erneut, aber nun transformiert zu einem hoffnungsvollen, fast triumphalen Thema. Die Musik bekam Flügel. Luks machte daraus ein Gebet und einen Siegeszug zugleich. Die Rückkehr des Vyšehrad-Themas brachte alles zusammen: das Vaterland als Erinnerung, als Verheißung, als Traum. Kein schreiender Schluss, sondern ein Schlussakkord voller Trost – das Vaterland wurde besungen, bedacht und geheilt.
Die Kraft der Vorbereitung
Was während des Konzerts so selbstverständlich klang, war das Ergebnis intensiven und durchdachten Probens. Während der Probe sah ich, wie Luks arbeitet: keine autoritäre Geste, sondern ein offener Dialog. Er gab gezielte Anweisungen über Klangfarbe, Phrasierung, Rhythmus. Er konsultierte den Konzertmeister, sprach mit Musikern, spürte das Orchester.
Bemerkenswert: Luks dirigiert normalerweise ohne Stab, aber für dieses romantische Repertoire entschied er sich dafür. „Es ist einfach klarer für das Orchester," sagte er mir. Er folgt Smetanas Anmerkungen minutiös – etwas, das selten vorkommt. „Es stehen so viele Anweisungen in der Partitur. Er war taub, als er Má Vlast schrieb, und trotzdem klingt es, als hätte er alles gehört."
Luks' Tempi sind oft frischer als gewöhnlich. Er stützte sich dabei auf die erste Aufnahme der Tschechischen Philharmonie unter Václav Talich aus 1929. „Dort höre ich eine enorme Freiheit im Musizieren. Das ist für mich authentisch: zu erforschen, wie es damals geklungen haben muss, nicht wie wir es heute gewohnt sind."
Farbenfülle und Balance
Was diese Aufführung wirklich auszeichnete, war die Farbe. Keine massiven Blöcke, sondern transparente Schichten. Die Streicher spielten mit natürlicher Artikulation und leichtem Portamento, das die Volksmusik subtil hervorruft. Das Blech spielte nicht aus Kraft, sondern aus Charakter. Und die Holzbläser – oh, die Holzbläser – zeichneten Konturen wie nie zuvor.
Kein Museumsstück, sondern lebende Musik
Smetanas Vaterland ist kein geografischer Ort, sondern eine Idee, eine Sehnsucht, eine Erinnerung. Anima Eterna Brugge und Václav Luks machten aus Má Vlast kein verstaubtes Museumsstück, sondern lebende Musik. Die historische Aufführungstradition wurde nicht als Beschränkung behandelt, sondern als Quelle der Kreativität.
Für Luks war es erfrischend, diese Musik mit einem Orchester zu spielen, das nicht in der tschechischen Tradition verwurzelt ist. Má Vlast ist nämlich kein plattes Patriotismus, sondern hat einen universellen Charakter, der jeden berühren kann.
Und so geschah es. Má Vlast wurde ein ergreifendes musikalisches Porträt, das dir die Kehle zuschnürte. Smetanas Traum erklang erneut – nicht als Erinnerung, sondern als lebendige Kraft. Ein Vaterland in Klang: mit Respekt, mit Tiefe, mit Feuer.
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