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Eine lebensechte Migrationsgeschichte in der Oper

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· 4 Min. Lesezeit
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Eine lebensechte Migrationsgeschichte in der Oper

„Wer ist Ali?" Mit dieser Frage beginnt die Oper mit gleichem Namen. Die Antwort ist kurz: Es ist eine Geschichte eines Flüchtlings, die auf wahren Begebenheiten beruht. Opern dieser Art findet man nicht so häufig.

Dies ist eine Geschichte aus einer Welt, die wir mittlerweile ausreichend aus den Medien kennen und manche auch aus persönlicher Erfahrung. Dieser Ali ist nämlich 2019, nach einer zwei Jahre langen Reise über tausende Kilometer, als Flüchtling und Asylbewerber in Brüssel gelandet, bei Ciska V., die seine Pflegemutter wurde. Sie kennt Regisseur Ricard Soler Mallol, dem Ali eines Abends seine Geschichte erzählt. Beeindruckt von dem Erlebten reift in ihm das Libretto für ein Musiktheaterprojekt.

Peter de Caluwe, immer interessiert an neuen künstlerischen Kreationen, greift zu und drei Komponisten entwickeln zusammen ein grenzüberschreitendes Sounddesign. Sie tun dies u.a. mit Aufnahmen von Geräuschen, die diese Höllenfahrt illustrieren sollen: Somalische Gesänge vom Ort, wo die Geschichte begann, Aufnahmen aus dem Flüchtlingslager von Calais, arabische Melodien, vermischt mit elektronischer Musik und vor allem unterstützt durch einen kräftigen afrikanischen Rhythmus. Sie erstellten Computerentwürfe, schickten die Partitur hin und her, brachten Änderungen an, bis schließlich eine brauchbare Partitur herauskam.

„Wir waren Komponisten ohne Stift oder Papier, die dennoch zusammen eine Oper schrieben, es war eine Demokratisierung des Komponierens, jeder hatte sein Mitspracherecht." Jeder von ihnen legte seine eigene Identität hinein: Der amerikanische Schlagzeuger Grey Filastine war mit Rhythmen aus verschiedenen Kulturtradtionen vertraut, Walid Ben Selim mischte marokkanischen Hiphop ein und der amerikanische Komponist Brent Arnold vermischte all diese nicht-westlichen Einflüsse zu einem ganz besonderen Soundtrack und goss diese Klänge in eine Partitur. Man kann darin regelrecht die Hitze des harten Wüstenmarsches spüren und beim Nähern der Küste die Meeresluft riechen.

Das Kammerorchester der De Munt setzte alles fehlerfrei im Orchestergraben um, der sich über der Bühne befand. Besondere Erwähnung verdienen die Schlagzeuger, die zusammen mit dem Bassisten den aufgeheizten Rhythmus während der Fluchtroute betonten, aber auch die Streicher, die die tagelangen Stille in Gefangenschaft suggerieren mussten, und die Bläser, die die gewalttätigen Szenen mit Schleppern unterstrichen, alles unter der Kontrolle von Dirigent Michiel Delanghe.

In der Inszenierung kamen diese schmerzhaften Momente ihrer Route erfinderisch zur Geltung: das zermürbende Gehen und nächtliche Fliehen, fast stroboskopisch in Szene gesetzt, die schockierenden Fahrten in Kleinbussen auf unmöglichen Fluchtrouten, das wogend und wirbelnd Mittelmeer und die Rettungen. Und dann gab es natürlich noch jenen zynischen „Welcome in Europe" Moment mit einem frechen Augenzwinkern zu jener bitteren „Willkommen, Bienvenue, Welcome, fremde, étranger, stranger" aus dem Film Cabaret aus den siebziger Jahren, szenisch mit großer Kraft von der Gruppe der Tänzer untermalt. Für Countertenor Brennan Hall, der die Rolle des Ali spielte, war dieser ganze Abend definitiv ein Kraftakt. Dasselbe kann man von Alis Mutter sagen, gefühlvoll gesungen von Mezzosopranistin Raphaële Green und für Bariton-Bass Kamil Ben Hsaïn Lachiri, der u.a. die undankbare Rolle des Schleppers spielte.

Trotzdem ein kühner Initiative der De Munt und KVS – wo die Aufführung stattfand – diese Uraufführung ihrem Publikum zu präsentieren. Nach der Vorstellung konnte dieses auch die echte Pflegemutter des echten Ali in einem Dialog über die Rolle der Organisation Pleegzorg België kennenlernen. Über die Rolle von S.O.S. Méditerranée, der Organisation, die Ali inmitten dieses rauen Meeres aufgriff, rettete und ihn (sowie viele andere Asylbewerber) an Land brachte. Es war gut zu hören, dass die Rettung von Menschen in Seenot nach internationalem Seerecht eine Pflicht ist.

[embed]https://youtu.be/4YNeeY0Zpfs[/embed]


  • WAS: Oper Ali, Uraufführung.
  • WER: Musik: Grey Filastine, Walid Ben Selim und Brent Arnold - Libretto: Ali d'Ali Abdi OMar und Ricard Soler Mallol. Kammerorchester De Munt, Ltg. Michiel Delanghe; Countertenor Brennan Hall (Ali); Mezzosopranistin Raphaële Green (Mère-Femme-Vedette) und Bass-Bariton Kamil Ben Hsaïn Lachiri (Menschenschmuggler) - Regie: Ricard Soler Mallol
  • WO & WANN: KVS BOL, Brüssel 25. April 2024
  • FOTOS: © Simon Van Rompay
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