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Rezensionen

De battre mon coeur s'est arrêté

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· 7 Min. Lesezeit
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De battre mon coeur s'est arrêté
Nichts Schöneres, als sich mit Familie und Freunden umgeben zu können. Und so wurden, dank Les frères Francoeur, die barocken Bande zwischen Théotime Langlois de Swarte und Justin Taylor einmal so intensiv, inspirierend und innig angezogen. Nur so bringt dieses französische Duo, aufgenommen mit einer Jacob Stainer und einem Cembalo „mis au grand clavier par Joseph Colesse", himmlische Verehrung sowohl einem musikalischen Geschlecht als auch jenem einen, ‚rebellischen' Gefährten von Francoeur dem Jüngeren dar. Denselben Vornamen hatten sie bereits, aber noch mehr wurden es zwei Hände auf einem Bauch. Und vier auf einer Tastatur? Nicht wirklich. Denn François Francoeur (1698-1787) und François Rebel (1701-1775) lernten sich als Violinisten kennen, im Opernorchester, und sollten sich anschließend bis weit in das 18. Jahrhundert hinein zusammen einer kompositorischen Ko-Urheberschaft avant la lettre widmen. Mit ihren bildhaften Arien beschallten sie gemeinsam das Theater: eine ebenso zarte wie gemeißelte Gavotte „pour les Muses et les Plaisirs", eine berauschende Musette – leider nicht „pour les guerriers" – oder glücklicherweise noch vieles andere herzerwärmend Unterhaltsames. „Impossible de savoir la part de l'un et de l'autre dans l'élaboration de ces partitions. Ils font représenter des tragédies, des ballets et plusieurs miniatures en un acte, tant à la cour qu'à Paris, avec un succès certain", schreibt Benoît Dratwicki darüber im CD-Booklet von Les frères Francoeur. Wie beispielsweise in dem (h)errlich schmachtenden Erfolgstitel, der gleichsam zur 2. Trophäe auf dieser unvergleichlichen Aufnahme wurde. Parbleu, mit ihrem Deuxième air kommen jene rebellierenden François (w.) sofort voll herein:
Flüchtige Verführer Sowohl das Schauspiel, das Sie gerade hörten, als auch jene zarte Gavotte, mit der diese glänzende Scheibe den Tanz eröffnet, wurden damals, 1745, geschrieben für eine überlebenswichtige Zerstreuung, betitelt Le trophée: Musik, um das Elend zu vergessen, das der Sieg der französischen Armee bei Fontenoi und die Eroberung von Tournai mit sich gebracht hatten? Denn das war ungefähr die damalige Kriegsbeute. Auf CD geben beide musikalische Triumphe quasi sofort Kloß im Hals, als super-sinnliche Vorgänge, die nach mehr verlangen. Der Klarheit halber nicht unmittelbar nach dem Air pour les guerriers aus der Liebestragödie Pyrame et Thisbé (1726), auch „l'Opéra des enfants" oder „l'Opéra des deux François" genannt. Wohl aber nach einer fünfteiligen Sonate für Violine und Basso continuo eines gewissen Jean-Jacques Baptiste Anet (1676-1755). So ist namentlich das wehmütige Vivace aus dessen elfter Sonate in c-Moll überraschend weniger heiter als per definitionem erwartet, aber von Théotime Langlois de Swarte vor allem auf eine besonders ergreifende Weise phrasiert. Im darauf folgenden Allegro entpuppt sich Justin Taylor dann wiederum als treibende Kraft – die Kraft von zehn Fingern in Aktion. Abschließend werden alle Windungen auf die Spitze getrieben, um ebenso brüderlich wie entschieden in den Dialog zu gehen (Giga – Allegro). Jene berauschende Musette aus einem neuen Prolog zu Les Augustales (1744) später ist ein Zwischenstand bekannt. Zwei Worte, um dieses Album einigermaßen zu charakterisieren: (f)lüchtige Verführung. Mit Justin und Théo:

Wahrhaft Offenherzig

Eine ehrlich dumme Frage: Wer von den Francoeur-Brüdern war eigentlich der fähigere Komponist? War es Louis Francoeur, „l'Aîné" also (ca. 1692-1745). Oder doch François „le Cadet". Nun, sie waren sich fraglos ebenbürtig, wie sich zeigt. Sowohl aus dem abschließenden Rondeau aus der Sonate in g-Moll von François (opus 2, Nr. 6, 1730) als auch aus Louis' unbeschreiblichem Largo aus der Sonate in h-Moll (opus 1, Nr. 6, 1715). Mit diesen beiden Teilen wird der Kern von Les frères Francoeur erreicht. Werden Register aufgezogen, und die Seele ihrer Musik herrlich hell freigelegt und erläutert. Diese wahren Aufführungen lassen uns zudem erkennen, dass wir heute, potenziell, die schönste aller musikalischen Zeiten erleben und auch wertschätzen können. Eine Zeit, in der Dichotomien allzu oft Hochkonjunktur haben, ja sogar lustig bis ins Mark gefeiert werden, aber die in der klassischen Musik, wie besonders zwischen Sprechen und Singen, scheinbar ohne jede Mühe überwunden werden. Wie man die ungeheuer Offenheit von Louis' Largo deutlich machen sollte, müssen sich die Macher dieser Platte gedacht haben. Als der Eindruck eines Abdrucks, der um ewigen Neudruck bittet? Oder durch ein ebenso schleichendes wie ergreifendes Aufstiegchen aus Les Augustales vorzusehen – „Le théâtre s'éclaire". Genau richtig! Diese Hauptvögel, als Balsam für das Herz, musst du einfach anhören. Höre, höre, Gegenhöre:

Vergnügen für die Galerie

Nur zwei aufrichtig rhetorische Fragen. Muss es noch Sand geben. Und wer hätte all diese Arrangements für Streicher und Tasten, direkt aus den Tragödien Tarcis et Zélie (1728) und Scanderberg (1735), wohl gemacht. Sind all diese wunderschönen 'partitions réduits', als wären es Eintrittskarten für das Foyer, allein jenen François (Mz.) zu verdanken? Tatsache ist, dass dort nicht nur intime Bekenntnisse stattfinden (Tarcis et Zélie), sondern auch noch das feurigste und verblüffendste Spielvergnügen vorbeizieht (Scanderberg). Bevor man wieder in die Sonaten der Francoeurs eintaucht. Wo neben energischen und scharf getimten Neckereien – die Courante von Louis zum Beispiel – auch besonnene Werke weiter sprudeln. Fälle zu Punkt: die treffend intonierten und damit tröstlichen Allemande und Sicilienne von François. Große Klasse also, mit einem de Swarte, der als kurzes Entremets immerhin noch eine farbenfrohe Improvisation über die Sonate des Älteren in G-Dur ausgleicht. Die Chaconne von Louis-Joseph Francoeur (1738-1804), "qu'il à faitte pour donner à son oncle", ist übrigens nicht die Krönung dieses Musikgeschlechts, sondern eine fröhlich inspirierte Hommage. Denn Tränen der Freude, die bleiben doch – Schwung, Paukenschlag – zu den kostbarsten. Niemand glaubt heute noch, dass die Aufführung von Scanderberg damals ein klingender Misserfolg war, ganz im Gegenteil:

Sich der Leidenschaft überlassen

Es ist eine Überlegung, mit der Les frères Francoeur endet. "Pour plaire l'art ne peut prêter qu'une faible imposture". Ein komischer Untertitel für das heroische Ballett Le Prince de Noisy (1749)? Oder ein subtiler Hinweis auf alle, die Kultur weiterhin mit Freizeit verwechseln; oder sich weigern, sie mit "la condition humaine" zu verbinden. Die Feststellung bleibt jedenfalls, dass Les frères Francoeur von allen Beteiligten als eine mitreißende Geschichte gedacht und ausgeführt wurde. Dass die Titel auf der Rückseite des Covers keine Nummern haben, unterstreicht nur die Absicht der Macher. Wenig bis nichts wurde dem Zufall oder dem Zweifel überlassen, und das spricht auch aus der Abfolge glühender, eindringlicher Plädoyers. Wo Sie sich also immer wieder neu aufwärmen können. Wie an der Leidenschaft, in der auch hier letztendlich Ergebung liegt. "La passion est encore ce qui aide le mieux à vivre", davon war anscheinend auch Émile Zola (1840-1902) überzeugt. Oder wie das Duo Langlois de Swarte–Taylor paraphrasiert: "Plus encore, la musique est ce qui aide le mieux à vivre!" Daher diese freundliche Bitte: mehr Gesang von euch bitte, mit noch einer Pléiade anderer Noten darauf.

There has to be passion A passion for living, surviving And that means detachment

5/5 WER: Théotime Langlois de Swarte (Violine, Jacob Stainer, 1668) & Justin Taylor (anonymes Cembalo aus dem 17. Jahrhundert aus Lyon, "mis au grand clavier par Joseph Colesse" 1747, restauriert 2003 von Laurent Soumagnac) WAS: Les frères Francoeur, mit Musik von Louis und François Francoeur (ca. 1692-1745 / 1698-1787), Louis-Joseph Francoeur (1738-1804), Jean-Jacques Baptiste Anet (1676-1755), François Rebel (1701-1775) und Jean Durocher (18. Jahrhundert) AUSGABE: Alpha Classics, ALPHA 895 (1 CD) FOTOS: © Julien Benhamou & Robin Davies VERDIENT MEHR ALS EINEN UMWEG: la Cité musicale-Metz, 25. März 2023 CD BESTELLEN: JPC
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