Wenn du auf einem Klarafestival-Programm Namen wie Scott Joplin, Cole Porter, Duke Ellington, Fats Waller, Django Reinhardt zusammen mit denen von Erik Satie, Maurice Ravel und Claude Debussy siehst, fragst du dich, wie so eine Mischung klingen wird. Dazu kommen dann noch die Ausführenden: Pianistin Claire Chevalier und Sängerin Claron McFadden.
Es gab viele Neugierige für diese Kreuzbestäubungskombination. Das Festival musste sogar eine geplante Probe zu einem vollwertigen zusätzlichen Nachmittagskonzert aufwerten. So standen zwei Frauen auf der kleinen Bühne des Terarkenzaal in Bozar. Die eine weiß gekleidet, die andere trug Schwarz. Claire Chevalier saß an ihrem Erard aus 1920, Sopranistin Claron McFadden stand da mit ihrer Stimme. Beide hießen uns willkommen in der "Nachtclub" namens Chez Bricktop der rothaarigen („bricktop") afroamerikanischen Tänzerin/Sängerin Ada Smith. Eine Expatriin, die in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts die USA gegen Paris eintauschte. Die beiden Künstlerinnen fühlen sich mit ihr verbunden und erzählen gerne ihre eigene zeitgenössische Expatriin-Geschichte.
Die Französin Claire Chevalier fand die französische Musikausbildung, die sie in ihrem Land erhielt, zu starr. In dem Nachbarland Belgien ging es lockerer zu. Die amerikanische Sopranistin Claron McFadden zog 1984 nach Europa und erlebte hier weniger Rassismus als dort. Wird es eine "Black and White Minstrel Show"? Keineswegs. McFadden: "I'm black and I can say that, but you can't". Zur Einführung erklingt authentischer Django Reinhardt aus den Boxen mit einem Lied, das Cole Porter für diese Lady Bricktop schrieb. Dann folgen die Songs, die die beiden Expatriinnen zusammen für ihre Show ausgewählt haben. Darunter sind Kompositionen von Poulenc, Ravel, Debussy, die Chevalier mit besonderer Leichtigkeit begleitet. In denen von George Gershwin und Cole Porter klingt mehr das klassische Fingertechnik-Spiel durch als die Jazziness, die wir gewohnt sind. Aber wenn wir McFadden mit Top-Titeln wie Sophisticated Lady, Ain't misbehavin' und Lady Be Good hören, sitzen wir doch mitten in diesem Jazzidiom. Der Song, mit dem sie die Radioshow abschlossen, war auf jeden Fall wunderschön. Ein Stück von Duke Ellington, TGTT oder Too Good To Title, aus einem seiner Sacred Concerts, aber in einem prächtigen Arrangement der Afroamerikanerin Jannell Gill, von Claire Chevalier langweilig gespielt, von Claron McFadden herrlich klar gesungen.
Das Spätabend-Happening sollte dann noch kommen! In Erwartung dessen experimentierten in und um die Säle und Gänge von Bozar eine Gruppe von Jugendlichen aus dem Genter und Brüsseler Konservatorium, teilweise mit komponierter Musik, teilweise improvisierend, einschließlich Choreografie. Die Aufführungen trugen Namen wie Sculpture musicale, Deconstructed music, Fauno… Fast impressionistisch anmutend. Sie sollten uns in the mood bringen für das Konzert des Abends. Das war natürlich das ergreifende „Jesus Blood never failed me yet… for he loves me so". Diese Seufzer eines obdachlosen Bettlers in Musik zu setzen war gleichermaßen nicht umsonst. Denn der britische Komponist Gavin Bryars komponierte einen sanften Orgelpunkt-Drohnen unter diese Bettlerhymne, steckte sie in eine Schleife und webte eine eindringliche und auf- und abfallende musikalische Struktur darum. Es ist wirklich zu einem ikonischen Monument des Minimalismus und der Ambient Music geworden. Auch heute noch (das Werk stammt aus 1971) bekommst du eine Gänsehaut, wenn du diese zerbrechliche Stimme fast psalmierend murmeln hörst und besonders wenn die Streicher, die anderen Instrumente und der Chor die Kraft dieser Botschaft minutenlang zu unterstreichen beginnen.
Claron McFadden sang mit dem sozialen Chor Les Choux de Bruxelles mit. Sie hatten zusammen dieses Projekt nämlich sehr intensiv vorbereitet, wodurch der ganze Abend noch tiefer im engagierten Geist des Werkes atmete. McFadden sang vorher übrigens eine neue Schöpfung von Gavin Bryars auf ein Sonett von Petrarca. Bryars fasste den Inhalt davon kurz zusammen: love is not a blessing but a curse.
Ein paar Tage später in Flagey sang diese europäische afroamerikanische Klarafestival-Künstlerin Lieder eines anderen Komponisten aus der (post)minimalistischen Musikszene, David Lang. Aber um in die richtige Stimmung zu kommen, war zunächst diese spektakuläre Aria da, die John Cage einst für diese spektakuläre Sopranistin Cathy Berberian schrieb. Eine Partitur, nicht in Noten sondern grafisch dargestellt, in farbenfrohen Zeichnungen mit einem Text in fünf Sprachen. Claron McFadden holte damit mühelos alle Stimmregister heraus - vom Falsett bis Bariton - die Cage darin steckte. Problemlos glitt sie durch diese verschiedenen Vokaltile und Klänge.
Dann tauchte sie zusammen mit dem französischen Ensemble TaCTUS in diese wunderbare David Lang-Welt ein. Ein Ensemble mit Leidenschaft für Schlagzeug, aber wir hörten auch Saxophon, Vibraphon, Akkordeon, Klarinette und das alles verpackt in einer serenaden Live-Video-Inszenierung und dann noch diese beeindruckende Claron McFadden. Es sind fast immer beschwörende Gesänge in diesem repetitiven Lang-Idiom mit als Höhepunkt natürlich dieses mehrstimmige Hohelied Just. Es wurde überbekannt, weil Lang es verwendete, als Paolo Sorrentino ihn für den Soundtrack seines erfolgreichen Films Youth aus 2014 fragte. Mit ihren friends sang Claron McFadden dieses sinnliche und bezaubernde Liebeslied, wie es sich gehört: ergreifend schön.
Auf einer der Karten mit Zuschauerkommentaren, die unter der Videokamera durchgeschoben wurden, las man: I would simply love to breathe. Eine passende Illustration, um sowohl auf das hinzuweisen, was all diese Künstler mit ihren atemraubenden Stimmen tun können, als auch auf ihr Engagement, auf das I can't breathe der Black Lives Matter-Bewegung.
- WAS: Chez Bricktop, Happening: Jesus Blood Never failes me yet, David Lang's World
- WER: Claron McFadden (Gesang), Claire Chevalier (Klavier), Gavin Bryars, Ensemble TaCTUS, Les Choux de Bruxelles, Studierende Conservatorium Brussel en Gent
- WO: BOZAR (Terarken en Henri Le Boeuf zaal); Flagey (studio 4)
- WANN: Samstag 9. März 2024 (Bozar); Dienstag 12. März 2024 (Flagey)
- FOTOS: © Erik de Jong, © Hanneke Kuijpers, © Sergei Shauchenka, © Sergei Shef; © eigenes Foto - RC/KC






