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Klassik Zentral

Diptychon der menschlichen Unerreichbarkeit

Opéra Royal de Wallonie präsentiert ein interessantes Doppelwerk, das aus der Uraufführung einer neuen Oper von Benoît Mernier (*1964) besteht, Bartleby, kombiniert mit dem Einakter von Francis Poulenc (1899-1963), Die menschliche Stimme.

Bartleby, komponiert im Auftrag von ORW, ist Benoit Merniers dritte Oper. Seine beiden vorherigen Opern, Frühlings Erwachen (2007) und Der Streit (2013) wurden jeweils in der Opéra de Wallonie uraufgeführt. Mernier vollendete auch Man entleert das Baby, die Oper, die Philippe Boesmans bei seinem Tod 2022 unvollendete hinterließ.

Karikatur bagatellisiert die Tragik

Für Bartleby basiert Mernier auf einer Kurzgeschichte von Herman Melville. Die Titelgestalt ist ein Angestellter, der von einer Anwaltskanzlei engagiert wird, weil die beiden Bediensteten die Menge an Dokumenten nicht mehr bewältigen können. Librettistin Sylvain Fort lässt die Anwältin von einer Frau spielen, ausgezeichnet dargestellt von Patricia Ciofi. Bartleby erweist sich von Anfang an als Sonderling, der sich überhaupt nicht in die Kanzlei integriert, was perfekt in der Regie dadurch ausgedrückt wird, dass er in ein Nebenzimmer verbannt wird. Der Kontakt zu den anderen ist ausgeschlossen. Er fügt sich überhaupt nicht in die Arbeitsumgebung ein, was sich durch seine beharrliche Weigerung, an irgendeiner Aktivität teilzunehmen, äußert - immer mit seinem wiederholten Satz: "I would prefer not to".

Auch die Anwältin findet keinen Zugang zu dem Mann, der am Ende tragisch wie ein Verrückter eingesperrt wird. Schade, dass sich die Regie bei dieser doch ergreifenden Geschichte zu vielen komischen Gags hingegeben hat. Die beiden Bediensteten der Kanzlei, Turkey und Nippers, sind so karikatural dargestellt, dass die Geschichte auf dem Grat zwischen dem Lächerlichen balanciert. Die fragmentarische Struktur der Oper in kurzen Szenen unterstreicht diese dummen Streiche noch, wodurch Bartlebys Unerreichbarkeit minimiert wird. Schade, denn am Ende ist das das Wesen und überdies der Aspekt, an den sich der zweite Teil der Aufführung nahtlos anschließt.

 

Emotionale Intensität

Auch in Die menschliche Stimme von Francis Poulenc werden wir mit einem absoluten Mangel an Kommunikation konfrontiert, diesmal in Form eines Privatgesprächs. Eine Frau telefoniert mit ihrem Ex-Partner und ruft Erinnerungen an die vergangene Beziehung wach. Die Leitung ist nicht die beste, aber auch der Inhalt des Gesprächs ist voller Störungen und das Bewusstsein für die Unerreichbarkeit des anderen wächst immer mehr. Die städtische Abendstimmung der Kulisse unterstreicht die Einsamkeit. Anna Caterina Antonacci lebt sich wie eine echte Tragödin in die Verzweiflung und Verlorenheit der Frau ein. Sie beherrscht vokal die lange Solopartie und krönt den Opernabend emotional zu einem Ganzen aus Verlust und Verlassenheit.

Nüchterne Inszenierung

Vincent Boussard setzt auf absolute Nüchternheit, sowohl bei den Dekorationen (Vincent Lemaire) als auch bei der Personenregie. Ein nüchternes und modernes Interieur kann mit angepassten Details für beide Teile dienen. Damien Pass und Santiago Bürgi verkörpern die Rollen von Turkey und Nippers komisch, aber in dieser Regie - wie bereits erwähnt - auf billige Slapstick-Art. Patrizia Ciofi und Anna Caterina Antonacci Die Akteure spielen lebensecht und Edward Nelson zeigt eine bewundernswerte Leistung als der weltfremde und in sich gekehrte Bartleby.

Stimmlich sind alle Partien ausgezeichnet besetzt und in Merniers zeitgenössischer Komposition erhalten die Stimmen perfekte Ausdruckskraft. Die wunderbare Passage, in der Bartleby über Rosen und Grab singt, erinnert an die Lyrik von Benjamin Britten und die Schlussszene gemahnt an das herbe Ende von Strawinskys Rake's Progress. Mernier hat sehr schöne – vor allem lyrische – Passagen für den Chor geschaffen, der übrigens in Bartlebys Standardphrase „Ich würde es lieber nicht tun" wiederholt erklingt wie ein Hintergrundchor. Die Orchestersprache verstärkt die emotionale Aufladung durch häufige Hervorhebung bestimmter Instrumente in Bläsern und Schlagwerk, meisterhaft von Dirigentin Karen Kamensek in den richtigen Nuancen und emotionaler Kraft umgesetzt. Ein Opernabend von ungewöhnlich starker Intensität.

Detalhes:

Título:

  • Diptychon der menschlichen Unerreichbarkeit

Künstler:

  • Karen Kamensek, Dirigentin - Vincent Boussard, Regie - Sänger: Patricia Ciofi, Anna Caterina Antonacci, Edward Nelson, Santiago Bürgi, Damien Pass - Orchester und Chor der Opéra Royal de Wallonie

Ort:

  • Opéra Royal de Wallonie-Lüttich, Lüttich

Datum:

  • 15. Mai 2026

Fotografie:

  • J-Berger ORW-Lüttich

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