Zu einer Pressekonferenz an einem wunderschönen Frühlingstag an einem wunderschönen Ort mit anschließendem Konzert eingeladen zu werden – welcher Journalist könnte da widerstehen? Von solchen Frühlingstagen Ende April konntest du sicherlich auch genießen, und vielleicht ist dir dieser Ort bereits bekannt: die Abtei Park in Leuven.
Als Musikliebhaber weißt du vielleicht, dass das erste Torgebäude dieser Abteianlage das Haus der Polyphonie ist, der Sitz der Alamire Stiftung. Aber diese Pressekonferenz fand in einem anderen, noch größeren Torgebäude auf dieser Abteianlage statt, im Norbertustor, denn dort ist auch bereits ein Teil der Stiftunguntergebracht. Es ist ein sehr wichtiger Arbeitsplatz, wenn nicht sogar der wichtigste! Er trägt den Namen 'Library of Voices '. Hier befindet sich nämlich ihr
mobiles digitales Labor, mit dem sie weltweit ausrücken können, um Musikmanuskripte – das gesamte Erbe der Polyphonie aus dem 15. und 16. Jahrhundert überall – digitalisieren zu können. Eine echte Glanzleistung war es doch, als das Team 2012 mehr als 13.500 Einträge aus den Vatikanischen Bibliotheken digitalisieren und in ihrer IDEM -Datenbank erschließen konnte, derIntegrated Database for Early Music Alamire Stiftung . Und es gibt noch viel zu entdecken. Nun wollen sie in den kommenden Jahren auch bekannte und noch unerschlossene Musikquellen aus den Baltischen Staaten und Mitteleuropa, die mit den Niederlanden verbunden sind, systematisch angehen. So möchte die
nicht nur diese wertvollen Manuskripte für wissenschaftliche Forschung durch Musikologen zugänglich machen, sondern auch eine musikalische Aufwertung ermöglichen, diese Werke wieder hörbar machen und nach neuen Aufführungspraktiken suchen – alles in Zusammenarbeit mit professionellen Musikern und spezialisierten Ensembles. Sound Lab können sie auch die Schichtung, die einzelnen Stimmen, die zusammen die polyphon-komplexe Textur bilden, studieren und darüber hinaus mit der historischen Akustik bestimmter Räume experimentieren und diese z.B. hinzufügen. Die Alamire Stiftung nutzt dann auch noch KI (jawohl) und XR („Extended Reality Technology") um immersive Installationen zu gestalten, in denen Besucher diese historische Musik in ihrem ursprünglichen akustischen Kontext erleben können. Ein solcher immersiver Erfahrungsraum, eine virtuelle Kuppel der Polyphonie, entsteht in der Leuven Predikherenkerk. Es ist das nächste Projekt, mit dem Direktor Bart Demuyt bei LOV 2030aufwarten möchte, wenn Leuven dann Europäische Kulturhauptstadt ist. Ein solches Eintauchen in eine multidimensionale Darstellung sowohl der visuellen als auch auditiven Aspekte der polyphonen Musik wurde im letzten Jahr bereits während der Ausstellung “Wissen im Blick realisiert – anlässlich von 600 Jahren KU Leuven – und dafür war das Sollazzo Ensemble verantwortlich.
Höchste Zeit, dachte Bart Demuyt, ihre neue CD vorzustellen: Flamboyance, geschaffen im Auftrag der Alamire Stiftung. Es ist eine Anspielung auf die letzte Phase der Gotik, in der alles üppiger und ausgelassener wurde – und so auch die Musik. Über diesen Klangwandel in dieser Zeit kann man alles in dem gelungenen Essay von Pieter Mannaerts im CD-Booklet lesen. Es bedarf keiner Erwähnung, dass die Begriffe „üppig" und „flamboyant" auch auf die Aufführung zutreffen; man hört ein großes (20!) Ensemble in einer mindestens lebendigen und festlichen Stimmung, unter der Leitung von Anna Danilevskaia.
Phaedrus Ensemble

Mara Winter (Traversflöte), Miriam Trevisan (Gesang), Liane Schneider, Charlotte Schneider und Luis Martinez Pueyo (Traversflöte)
Bei diesen Musikern spielte Mara Winter, eine Spezialistin der mittelalterlichen und Renaissance-Flöte. Sie war an diesem Tag mit ihrer Gruppe Phaedrus zu Gast in der Abteikirche beim Passion der Stimmen Festival. Es war das i-Tüpfelchen. Vier Musiker auf den einfachsten Formen dieser alten Traversflöten, ohne Klappen, ohne Mundstück, vom Sopran bis Bass, begleitet von Trommel und Laute plus einer Sängerin.
Sie brachten eine Auswahl von Chansons aus den Sammlungen von Margarethe von Österreich und Maximilian I., wodurch die burgundische und habsburgische Tradition überbrückt wurde. Kostbarkeiten von Henri Isaac, Josquin des Prez, Johannes Okeghem und Anonymi u.a. aus dem Leuven Chansonnier (La plus dolente…), in Originalfassungen oder in Arrangements von Mara Winter, die es ohne Weiteres wagt, auch mit drei- oder vierstimmigen Bearbeitungen zu experimentieren. Eine bezaubernde Einführung in diese frühere Traversflöten-Consort-Praxis, ergänzt durch Trommel, Laute und Stimme. Ein stimmiges Ganzes mit warmen, sanften, aber auch gelegentlich spitzen Klängen. Noch einmal eine Illustration dieser Leidenschaft, weniger bekanntes Repertoire „anders" freizulegen. Alamire Stiftung Abtei Park. Leuven




