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Klassik Zentral

Vorsicht beim Spielen und Unwissenheit behindern den Durchbruch der Komponistinnen

Das Komponistinnenfestival her:voice in Essen fand in der vergangenen Woche bereits zum dritten Mal statt und besticht nicht nur durch seine Konzerte mit wiederentdeckten Werken. Auch die Vorträge und Diskussionen sind äußerst lohnenswert. Und am Rande des Festivals bin ich bei den Essener Philharmonikern sogar auf eine »alte Bekannte« aus Antwerpen gestoßen. Ein guter Moment für einen Vergleich zwischen damals und heute sowie zwischen Flandern und Deutschland: Gibt es nun mehr Interesse an Komponistinnen?

Chloë Herteleer (Foto) war jahrelang für die Programmgestaltung der klassischen Konzerte in deSingel in Antwerpen verantwortlich. Ich interviewte sie damals für mein Buch Frau am KlavierLeiterin der Programmplanung bei Theater und Philharmonie Essen (TuP), und wollte gerne wissen, wie sie heute die Stellung von Komponistinnen in der Musiklandschaft sieht und ob sie einen Unterschied zwischen Flandern und Deutschland wahrnimmt. Konzertveranstalter sind, wie sie mir damals in deSingel erklärte, bei den großen, sehr begehrten Namen und Orchestern davon abhängig, was diese selbst anbieten. »Musiker reisen mit zwei bis drei Programmen pro Saison herum. Im besten Fall kann man daraus wählen. Sie selbst werden nicht leicht unbekannte Werke anbieten, denn sie wissen, dass Säle sicher spielen. Programmatoren stellen Konzerte mit Werken zusammen, die das Publikum bereits kennt«, erzählte sie mir. Und: »Das Publikum möchte Wiederkennung und Wiederholung. Menschen, die neugierig sind, sind eine absolute Minderheit.« (

SparmaßnahmenFrau am KlavierAn einem Tischchen in einer Kaffeebar gegenüber ihrem neuen Arbeitsplatz zerschlägt sie schnell meine Hoffnung auf irgendwelche Verbesserungen. Dennoch, wenn wir uns das Publikum und die

Programmgestalter*innen

anschauen – die elegante deutsche Schreibweise, um sowohl auf Männer als auch auf Frauen hinzuweisen; in der gesprochenen Sprache hört man sogar eine subtile Pause vor *innen ‘Die Programmgestalter*innen spielen nach wie vor – oder sogar noch mehr als früher – sicher«, stellt Chloë Herteleer fest. Das hat alles mit Sparmaßnahmen aufgrund des Zeitgeists zu tun. »An vielen Orten in Deutschland wird weniger in Kultur investiert, denn der Lebensstandard ist gesunken. Es muss mehr in Gesundheitswesen, Infrastruktur und Verteidigung investiert werden. Und selbst dort, wo die Kulturbudgets noch gut sind – nicht zuletzt dank des Unternehmertums, das in Deutschland immer noch bemerkenswert gut sponsort – wagt man damit selten noch etwas Extravagantes, weil man fürchtet, dass das Publikum nicht mitgeht. Die Einnahmen aus dem Ticketverkauf werden immer wichtiger, und das führt dazu, dass Säle weniger abenteuerlustig programmieren.« »Hier und dort gibt es noch Lichtblicke, wie das). 

Emilie Mayer Festival

der Akademie für Alte Musik, das letzten Herbst in Berlin stattfand. Oder unser eigenes Komponistinnenfestival her:voice , das vor drei Jahren zum ersten Mal stattfand. Aber ich frage mich, ob solche Veranstaltungen in den kommenden Jahren noch eine Chance haben. Ich vermute sogar, dass es derzeit mehr Sinn für Initiative in Flandern, den Niederlanden oder dem Vereinigten Königreich gibt.« Komponistinnenfestival her:voice, das vor drei Jahren zum ersten Mal stattfand. Aber ich frage mich, ob solche Veranstaltungen in den kommenden Jahren noch eine Chance haben. Ich vermute sogar, dass es derzeit mehr Sinn für Initiative in Flandern, den Niederlanden oder dem Vereinigten Königreich gibt.'

Unentgeltlich

Bei den einzelnen Musikern hingegen stellt sie im Vergleich zu vor zehn Jahren durchaus mehr Offenheit und Bereitschaft fest, unbekannte Wege zu erkunden und also auf der Suche nach weiblichen Komponistinnen zu gehen. "Aber ihre Vorschläge werden den Sälen aus dem genannten Grund schwer verkauft. Deshalb organisieren sie dann lieber kleinere, lokale Konzerte oder Festivals mit befreundeten Musikern, die oft unentgeltlich mitmachen wollen. Dann haben sie mehr Freiheit bei ihrer Programmwahl, verdienen aber nichts daran."

Dieses Interesse der Musiker an unbekannten Werken können wir auch aus den CD-Aufnahmen der vergangenen Jahre ablesen, merke ich an. Kaum eine Woche vergeht, ohne dass wieder eine Platte mit "vergessenen" oder weniger bekannten Werken weiblicher Komponistinnen erscheint. Aber auch darüber bremst Chloé meinen Enthusiasmus etwas. "CD-Aufnahmen oder Streamings bringen den Musikern nicht viel ein. Die großen Plattenlabels bieten nur noch Chancen für Musiker, die viele Follower in den sozialen Medien haben. Ich las ein Interview mit jemandem von Deutsche Grammophon, der das sogar offen zugegeben hat."

In der Schlange

Es sind Ausnahmen für diejenigen, bei denen die Marketingmaschine noch läuft, wie jemand wie Ólafur Arnalds oder die Schwestern und Brüder aus der englischen Musikfamilie Kanneh-Mason. Was Aufnahmen von Komponistinnen betrifft, darf sich die deutsche Cellistin Raphaela Gromes glücklich schätzen, einen Plattenvertrag zu haben.

Sie eröffnete das Komponistinnenfestival mit einem Cellokonzert von Maria Herz (1878-1950), ein Werk, das sie dank des Enkels der völlig vergessenen Komponistin kennenlernte. Sie nahm es letztes Jahr als erste für ihre Doppel-CD Fortissimaauf, auf der u. a. auch noch ein wunderschönes Cellokonzert von Marie Jaëll (1846-1925) zu entdecken ist. Außerdem veröffentlichte sie ebenfalls unter dem Titel Fortissima zusammen mit der Musikwissenschaftlerin Susanne Wosnitzka ein Buch. Es geht um Verdrängte Komponistinnen und wie sie meinen Blick auf die Welt verändern, wie der Untertitel lautet. Drei Jahre zuvor brachte sie die ebenso enthusiastisch bewertete Doppel-CD Femmes heraus mit nicht weniger als 33 Werken von Frauen. Während der Pause und nach dem Konzert in der Philharmonie in Essen standen Menschen dafür Schlange. Ihr mitgebrachter Vorrat an Büchern und CDs war viel zu klein.

Nebenbei bemerkt

Nebenbei bemerkt: In Bezug auf die Konzeption zeigt Gromes' Buch viele Ähnlichkeiten mit Frau am Klavier (2018). Wie ich von meiner Entdeckungsreise als (Amateur-)Pianistin berichtete, tut sie das als professionelle Cellistin. Wir beide wunderten uns darüber, dass wir während unserer Ausbildung nie etwas über weibliche Komponistinnen gehört hatten und wollten diese Ungerechtigkeit auf eine für ein breites Publikum zugängliche Weise korrigieren.

Als man mich fragte, ob eine Übersetzung meines Buches geplant sei, antwortete ich, dass es meiner Meinung nach in Deutschland (oder Frankreich oder dem Vereinigten Königreich) vielleicht kein Interesse dafür geben würde, da man dort bereits viel weiter in der Forschung fortgeschritten ist und bereits viele Monographien über weibliche Komponistinnen veröffentlicht worden sind. Wenn ich aber jetzt feststelle, wie erfolgreich Gromes mit einem ähnlichen Buch ist – "Von der Nummer 1 der Klassik Charts" prangt auf dem Cover – dann fange ich an, daran zu zweifeln …

Nicht ausverkauft

Interesse beim anwesenden Publikum war also vorhanden. Allerdings war auch zu bemerken, dass der (zwar ziemlich große) Alfried Krupp Saal der Philharmonie keineswegs ausverkauft war. Das überraschte auch Festivalleiterin Merle Fahrholz, wie sie mir erzählte, denn bei früheren Konzerten hatte Gromes mehr Publikum gezogen. "Möglicherweise liegt es dann doch am Programm. Jedenfalls ist das Publikumsinteresse viel schwerer einzuschätzen als vor Corona. Menschen reservieren auch viel später (eine Feststellung, die auch in Flandern zu hören ist, Anm. d. Red.)". Aber das gilt genauso für beispielsweise Mozart. Programmplanung wird dadurch viel schwieriger. Allerdings bietet es auch Chancen. Denn wenn selbst die Klassiker nicht mehr greifen, dann gibt es vielleicht mehr Bereitschaft, auch unbekannte Namen zu programmieren."

Fritjof-Saga

Für die Unbekannte Fritjof-Saga im Aalto-Theater war der Saal schon sehr gut gefüllt. Diese Oper der schwedischen Komponistin Elfrida Andrée (1841-1921) auf ein Libretto der Nobelpreisträgerin Selma Lagerlöf (1858-1940) erlebte mehr als 120 Jahre nach ihrer Entstehung in Essen ihre szenische Uraufführung und erntete auch wohlwollende Pressekritiken. Besonders und ziemlich einzigartig an dieser Oper über Wikinger ist, dass das kreative Duo dahinter den Fokus auf die Perspektive der weiblichen Hauptfiguren legt. Auch sehr gute Regie von Anika Rutkofsky. Man darf sich auf die angekündigte CD-Veröffentlichung dieser packenden Aufführung freuen.

Netzwerktreffen

Was mich wiederum überraschte, war, dass abgesehen von den Rednerinnen und Rednern auch dieses Jahr nur wenige zum durchaus sehr interessanten und sogar kostenlosen Symposium des Komponistinnenfestivals kamen. Dennoch zeigte sich Fahrholz sehr zufrieden. ‚Mit unserem Festival gelingt es uns, vergessene Komponistinnen und Werke bekannt zu machen. Wobei wir kein Museum sind. Wir fragen immer wieder nach, was ein Werk in unserer Zeit noch bedeuten kann. Daneben ist dieses Festival ein wichtiges Netzwerktreffen für die Wissenschaftler, die zu diesem Thema arbeiten – die Ideen fliegen hin und her. Für das Rahmenprogramm arbeiten wir mit der Universität Wien zusammen. Wir erreichen auch junge Menschen: Studentinnen der Universität Zürich haben Leben und Werk von Maria Herz erforscht und es mit einer Ausstellung und einem Gesprächskonzertpräsentiert. Für die Aufführung der zweiten Symphonie von Elfrida Andrée (1841-1921) erhielten wir, genau wie vor zwei Jahren für die Oper  Fausto von Louise Bertin (1805-1877), Sponsoring durch das Palazzetto Bru Zane in Venedig. Und das Festival Fritjof-Saga wird auch von der Schwedischen Botschaft unterstützt.'

Die Kooperationen und finanzielle Unterstützung für ihr Festival hat die Intendantin gut im Griff, und zwar gleich für vier Jahre. Damit ist auch die vierte Ausgabe vom 4. bis 7. März 2027 garantiert. Aber danach, im Sommer 2027, wird der Vertrag von Merle Fahrholz beim Aalto-Theater nicht verlängert.

Bildung

Die Frage, warum weibliche Komponistinnen ohnehin, trotz zunehmender Forschung und wachsenden Interesses, auf der Bühne immer noch eine Ausnahme bleiben, lag auch während einer Podiumsdiskussion auf dem Symposium vor. ‚Unwissenheit', antwortete Mary Ellen Kitchens ohne zu zögern. Deshalb setzt sie mit dem Archiv Frau & Musik auf pädagogische Projekte. Dieses AFM in Frankfurt am Main ist nicht nur das weltweit umfangreichste Archiv mit Partituren, Aufnahmen und Literatur über Komponistinnen, Musikerinnen und Dirigentinnen vom 9. bis zum 21. Jahrhundert. Es trägt nach Kitchens auch dazu bei, Lehrpläne anzupassen – ‚aber das braucht Zeit' – und sorgte zum Beispiel schon dafür, dass in einem neuen Musikbuch für Anfängerpianisten selbstverständlich Werke von Frauen aufgenommen wurden. Als Dirigentin stellt Kitchens auch fest, dass Gesprächskonzerten sehr gut funktionieren. Das sind Konzerte, in denen über die Werke erzählt wird, die man hört. Etwas, wofür die Konzertreihe Poèmes d'amour des Ensembles Triotique mit mir als Erzählerin tatsächlich auch viel Beifall bekommen hat.

Repertoire

Ist ein Werk einmal wiederentdeckt, bleibt es immer noch eine Herausforderung, es auch ins Repertoire zu bringen. Für Uraufführungen sind Sponsoren noch relativ leicht zu finden, stellt Merle Fahrholz fest. ‚Denn damit können sie angeben – was übrigens auch für unbekannte Werke von Männern gilt. Noch besser finden sie es, wenn es noch keine Aufnahme davon gibt.' Auch bei Musikern bemerkt Mary Ellen Kitchens, dass zweite Aufführungen weniger begehrt sind. Wenn sie im Archiv nach Werken von Komponistinnen suchen, fragen sie explizit nach etwas, das noch nie aufgeführt wurde.

Babykonzerte

Noch kurz zurück zu Chloë Herteleer, denn nicht zufällig kam das Thema Bildung auch in unserem Gespräch am Tag vor dem Festival zur Sprache. Mit Besorgnis sah sie, wie in der Singel die Programmation von zum Beispiel Kammermusik abgebaut wurde und damit ein treues Publikum im Stich gelassen wurde. ‚Jetzt wird alles getan, um junge Menschen anzulocken, aber die haben weder Zeit noch finanzielle Mittel, um zu Konzerten zu gehen. Während man das Kernpublikum, das Zeit und Geld hat, pflegen und bedienen sollte. Und natürlich die jungen Menschen dabei versuchen einzubeziehen. Der Schlüssel dafür ist Bildung. Rund um Emilie Mayer (1812-1883) zum Beispiel hätte ich gerne noch einen Discovery Day (einen ganzen Tag mit Vorträgen und Konzerten rund um einen Komponisten/eine Komponistin) organisiert. Aber auch dieses Bildungsprogramm wurde in Antwerpen eingestellt.'

‚Hier in Deutschland ist diese Bildung wirklich sehr gut', findet sie. ‚Es gibt Projekte für Schulen. Oder Konzerte, bei denen Kinder vor der Pause eine separate Einführung bekommen, danach besuchen sie den zweiten Teil des Konzerts im Saal. Es gibt sogar Babykonzerte!'

Abschließend wies Chloë Herteleer auf den beispiellosen Anstieg der Anzahl weiblicher Dirigentinnen hin. Fast alle Orchester sind aktiv auf der Suche nach Frauen am Dirigentenpult, in dem Maße, dass das Pendel vielleicht sogar zu sehr ausschlägt. Und obwohl nach Chloës Ansicht nicht bewiesen ist, dass Dirigentinnen zusätzliches Publikum anziehen, war es ein Vergnügen, im Konzert mit Raphaela Gromes die türkisch-italienische Dirigentin Nil Vendetti bei der Arbeit zu sehen. Ihr Enthusiasmus war ansteckend und stimmte fröhlich, nicht nur das Publikum, sondern Berichten zufolge auch das Orchester.

• Die Fritjof-Saga ist am 9. April im Aalto-Theater in Essen zu sehen.
• Diese Besprechung ist auch auf dem Blog notizen.vrouwaandepiano.be erschienen.

Detalhes:

Título:

  • Vorsicht beim Spielen und Unwissenheit behindern den Durchbruch der Komponistinnen

Künstler:

  • Theater und Philharmonie Essen
    Essener Philharmonie u.L.v. Nil Vendetti
    Rafaela Gromes, Cello
    Fritjof-Saga: Regie Anika Rutkofsky, Dirigent Wolfram-Maria Märtig

Ort:

  • Komponistinnenfestival her:voice iii, Aalto-Theater in Essen

Datum:

  • 12. März 2026

Fotografie:

  • Veerle Janssens
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