Anlässlich seines Recitals am Samstag, 14. Februar während des Festivals „Flagey Piano Days 2026" (","), in dem er ein Programm von Miniaturen von Debussy, Mendelssohn, Brahms und Lysenko präsentiert, sprechen wir mit Dmytro Choni über sein Pianospiel. Über die Technik, die er beherrscht, um wieder loszulassen, über die Klangfarbe, die er sucht, und über die Art und Weise, wie er Miniaturen zu persönlichen Zyklen verbindet. Ein Gespräch über Präsenz, Risiko und die Freiheit, die entsteht, wenn Musik sich selbst entfalten darf.https://www.flagey.be/en/activity/12726-dmytro-choniTechnik, Klang und Spielweise
Wenn man Dmytro Choni spielen hört, hört man keinen Pianisten, der seine Technik zur Schau stellt. Für ihn ist Technik niemals Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck: Sie öffnet die Tür zur Freiheit, zur Sprache der Musik, und führt erst dann zu Bedeutung, wenn sie völlig dienbar ist. Er sucht ein subtiles Gleichgewicht, in dem kein Element seines Spiels dominiert, sondern alles zu einem organischen Ganzen zusammenkommt. Klavierspiel ist für Choni ein komplexes Zusammenspiel aus Konzentration, physischer Koordination und mentaler Präsenz. Auf der Bühne darf diese Beherrschung nicht starr sein; die Musik muss atmen können, sich im gegenwärtigen Moment entfalten.
Er vergleicht diesen Prozess mit dem Malen: Studien und Skizzen führen zur Leinwand, in seinem Fall zur Live-Aufführung, einem einzigartigen Moment, der sich niemals wiederholen lässt. Farbe spielt darin eine zentrale Rolle. Sein Klang entsteht aus dem Zusammenspiel zwischen Bewusstsein und Intuition, zwischen Raum, Instrument und innerer Verfassung. Bevor er eine Note anschlägt, stimmt er sich auf den Saal, sich selbst und das Publikum ein, sodass Klangfarbe als direkte Wechselwirkung von Umgebung und innerem Gefühl entsteht.
Für Choni spricht Musik dort, wo Worte nicht ausreichen; manche Gedanken und Gefühle existieren nur im Klang. So entsteht ein Spiel, das zugleich kontrolliert und spontan ist, in dem der gegenwärtige Moment die entscheidende Richtung bestimmt.
Miniaturen, Zyklen und ukrainische Musik
Das Prinzip von Gleichgewicht und Freiheit setzt Choni in seiner Wahl von Miniaturen fort. Für sein Recital entschied er sich bewusst für kurze Formen:
Préludes von Claude Debussy (1862–1918), Lieder ohne Worte von Felix Mendelssohn (1809–1847), späte Klavierstücke von Johannes Brahms (1833–1897). Miniaturen konzentrieren musikalische Ideen; alles muss in kurzer Zeit zum Ausdruck kommen. Klein, konzentriert, aber nicht weniger kraftvoll als großangelegte Werke. Choni stellt oft persönliche Mini-Zyklen zusammen. Stücke werden in Dialog zueinander gesetzt – durch Tonarten, Charakterkontraste oder durchgehende Klänge, die von einem Stück zum anderen fließen. Er sieht diese Miniaturen als in sich geschlossene Welten, und die Reihenfolge der Stücke ist flexibel, sodass er immer wieder aufs Neue mit Struktur und Erzählung experimentieren kann. So entstehen Zyklen, die immer wieder neu arrangiert werden können, je nachdem, was ihn gerade am meisten bewegt. Debussy, Brahms, Mendelssohn und Lysenko: auf den ersten Blick unterschiedliche Komponisten, aber Choni sucht nach Verbindung. Kontrast ist nicht das Ziel; innere Kontinuität schon.
Das Recital endet mit
Dumka–Shumka von Mykola Lysenko (1842–1912), in dem Introspection in lebhafte, folkloristische Charakteristika übergeht. Der erste Teil, Dumka, ist meditativ und ruft die Welt der ukrainischen Kobzaren (wandernde Minnesänger) auf; der zweite Teil, Shumka, bricht in lebendige Tanzenergie aus. Lysenko imitiert Volksinstrumente und verbindet seine Kompositionen mit der europäischen Romantik, wodurch das Werk gleichzeitig authentisch und international bedeutsam ist. In Kyiv geboren, trägt Choni seinen ukrainischen Hintergrund selbstverständlich mit sich. Für ihn ist ukrainische Musik kein Kuriositätenstück, sondern eine gleichberechtigte Stimme, die international mehr Anerkennung verdient. Das Repertoire ist zugleich persönliche Erinnerung und kulturelle Verantwortung: Er bringt es in seiner eigenen Stimme zum Leben. Lysenkos Musik ist ihm besonders wertvoll; er spielte seine Miniaturen bereits als Teenager und kehrt nun mit erneuertem Verständnis und Würdigung zu ihnen zurück.
Risiko, Freiheit und Publikum
Auf der Bühne sucht Choni keine perfekte Reproduktion, sondern einen offenen Raum. Jede Aufführung birgt Risiko. Manchmal läuft etwas anders als geplant – und gerade dann kann etwas entstehen, das in den Proben nicht vorhanden war. Unvorhergesehene Momente bieten oft neue Interpretationen und spontane Ausdrücke, die das Spiel lebendig halten. Dabei darf Virtuosität nie in den Vordergrund treten; idealerweise vergisst der Hörer, dass es Technik überhaupt gibt. In der Zerbrechlichkeit und dem Unerwarteten liegt für Choni der Kern künstlerischer Freiheit.
Auf der Bühne sucht Choni keine perfekte Reproduktion, sondern einen offenen Raum. Jede Aufführung birgt Risiken. Manchmal läuft etwas anders als geplant – und genau dann kann etwas entstehen, das es in der Probe nicht gab. Unvorhergesehene Momente bieten oft neue Interpretationen und spontane Ausdrücke, die das Spiel lebendig halten. Dabei darf Virtuosität nie in den Vordergrund treten; im Idealfall vergisst der Zuhörer, dass es Technik gibt. In der Verletzlichkeit und dem Unerwarteten liegt für Choni der Kern der künstlerischen Freiheit.
In einem Rezital aus Kurzstücken ist Spannung fragil. Choni baut diese nicht durch große Narrative auf, sondern durch Aufmerksamkeit: für Übergänge, für Stille, für die zerbrechlichen Momente zwischen zwei Klängen. Diese Pausen sind keine praktischen Unterbrechungen, sondern ein wesentliches dramaturgisches Element, das Musik verbindet und die Konzentration von Publikum und Ausführendem verstärkt.
Für Choni ist das Publikum kein passiver Empfänger, sondern ein Partner. Er spürt Unterschiede zwischen Sälen, Ländern und Hörkulturen. Doch sein Ziel bleibt überall dasselbe: ein aktiver, empathischer Dialog, eine gemeinsame Reise, in der Interpretation zu einem lebendigen Austausch wird. Nach solchen Konzerten scheint sich der Raum verändert zu haben, und wenn der letzte Ton verklingt, bleibt nicht nur die Musik hängen, sondern auch eine subtile Verschiebung in der Art des Hörens – eine Stille, die in Ausführendem und Publikum gleichermaßen nachklingt.
Das Nachklingen der Musik
Und doch bleibt es nicht bei jenen Momenten auf der Bühne. Für Choni reicht die Freiheit der Musik über den letzten Ton hinaus. Sie klingt in ihm und im Publikum nach, als eine stille Verschiebung in der Art, wie gehört wird. Es ist das Echo riskanter Momente, spontaner Interpretation und der gegenseitigen Präsenz des Publikums, das die Erfahrung zu etwas transformiert, das über Technik und Form hinausgeht. So eröffnet Musik immer wieder einen Raum, in dem Hörer und Ausführender sich begegnen, und in dem die Freiheit, die Choni sucht, endlich spürbar wird.



