Die Nachricht, dass das Mandat von Giampaolo Bisanti, Musikdirektor der Opéra Royal de Wallonie, bis 2031 verlängert wurde, kann nach der Aufführung von Gounods Faust, mit der die neue Saison der ORW eröffnet wird, nur begrüßt werden. Dieses Meisterwerk aus dem französischen Repertoire erhielt unter seiner Leitung eine wunderbare Interpretation.
Charles Gounod war bereits früh vom Stoff von Goethes Faust fasziniert. Die Figur des Faust, der Mann, der sich gegen die Alltäglichkeit der Existenz auflehnt und durch einen Pakt mit dem Teufel die Tür zu einer Welt öffnet, in der Fantasie, Abenteuer und grenzenloser Genuss Trumpf sind, spricht ihn an. Nachdem er 1839 den Prix de Rome gewonnen hat, sieht er das Theaterstück von Michel Carrés "Faust et Marguerite". Michel Carrés und Jules Barbier entwerfen für ihn das Libretto, in dem Faust nicht mehr als der ewig Suchende und Unzufriedene auftritt, sondern in dem die Episode Faust-Marguerite im Mittelpunkt steht. Die Oper konzentriert sich auf die Geschichte der einfachen betrogenen Unschuld Margaretes, ihren Gewissenskonflikt, ihren Untergang und ihre letzte Erlösung, die im Himmel aufgenommen wird. Die Uraufführung findet im März 1859 in Paris statt. Gounod gelingt es, die dramatische Handlung auf faszinierende Weise zu vertonen, und jede Szene hat eine starke emotionale Wirkung. Die Partitur bietet raffinierte Orchestermusik mit ergreifenden Arien und spannenden Chorpassagen. Ein anspruchsvolles Ganzes, das Spitzenqualität erfordert.
Halluzinierende Bildwelt
Bereits vom Anfang des ersten Aktes an macht Regisseur Thaddeus Strassberger deutlich, dass er sich für eine Welt entscheidet, in der das Irreale eine Hauptrolle spielt. Der alte Faust – der dämonische Mächte beschwört – befindet sich hinter einem Vorhang aus haarfeinen Gittern, der Grenze zwischen Realität und der magischen Welt, in die er verstrickt ist. Sobald Méphistophélès erscheint, gibt es keine Grenzen mehr für die Welt der Imagination. Zwei Türen wie aus einer Bibliothek in einem Renaissance-Palast beherrschen das Bühnenbild. Vielleicht eine Anspielung auf die Welt des Wissens und der Wissenschaft, in die sich Faust vertieft hat. Um deutlich zu machen, dass es in der Oper auch um den Kampf zwischen Gut und Böse geht, öffnen sich die Türen wie ein Diptychon auf ein Gemälde von Adam und Eva mit der Schlange. Ein bemerkenswertes Detail sind die Reihe von Totenschädeln in der Oberkante der Türen. Totenschädel spielen während der gesamten Vorstellung eine Rolle als düstere Anspielung auf die Schicksalhaftigkeit des Lebens, auch Skelette sind nie weit entfernt. Eine Schicksalhaftigkeit, die im letzten Akt ihren Höhepunkt erreicht, wo die Totenschädel eine bizarr grauenvolle Vergrößerung erhalten. Abgesehen von den Bibliothekstüren bildet eine astronomische Uhr mit Sternbildern und Planeten einen auffälligen Hintergrund im Bühnenbild, bizarre Sträucher wachsen üppig in Margaretes Garten. In der ersten Szene der Walpurgisnacht sind karnevalistische Figuren aufgestellt, die an düstere Krypten mit Leichen erinnern. Regisseur und Bühnenbildner haben sich ausgetobt, um eine möglichst groteske und fantastische Welt zu schaffen, die manchmal etwas zu viel des Guten ist. Selbst die – letztendlich – Nüchternheit der Art Wochenstube von Margarete – die an Filmaufnahmen aus "The Handmaid's Tale" erinnert – ergreift dann kaum noch (trotz ihrer Grausamkeit). Die Engelflügel, die Margarete am Ende in den Himmel führen, sind doch einen Schritt zu weit und grenzen leider ans Lächerliche.
Ergreifende musikalische Interpretation
Was weiterhin ergreift, ist der musikalische Zugang des Dirigenten, des Orchesters und der Solisten. Hierin wird Spitzenqualität erreicht, die die ORW-Produktion auf hohes Niveau hebt. Das Orchester folgt seinem Dirigenten Giampaolo Bisanti fehlerfrei. Es lässt sich bereitwillig in den dramatischen und heftigen Passagen mitreißen, spielt aber zart und poetisch in den Passagen von Liebe und Unschuld, wie in dem herrlichen Lied von Margarete, "La chanson de Thulé" oder im Schlussduo des dritten Aktes, in dem die Liebenden ihren verworrenen Gefühlen in fließenden Phrasen und schnellen Modulationen Ausdruck geben. Bisanti hebt wunderbar die fließende Gesangsline und die musikalische Empfindsamkeit von Gounods Oper hervor, die intimeren und lyrischeren Passagen sind sublim.
Das Vokaltrio der Hauptpartien ist kaum zu überbieten. Erwin Schrott ist erwartungsgemäß absolut in seinem Element als Méphistophélès. Mit seinem kraftvollen und doch auch flexiblen Bariton beherrscht er die Partie mühelos, aber vor allem als Schauspieler schlüpft er ganz in die Haut der bösartigen teuflischen Rolle. Genauso sehr wie er sein Spiel zu genießen scheint, genießt das Publikum seinen Auftritt. Großartig ist auch Nino Machaidze als Margarete. Sie färbt ihren klaren Sopran von überschwänglich fröhlich zu ängstlich und betrübt, je nach Szene. Natürlich ist die Juwelenarie ein Höhepunkt, aber sicherlich auch ihr anstrengender Schluss "Anges purs, anges radieux", in dem sie jede hohe Note fehlerfrei singt. Faust wurde ausgezeichnet von John Osborne dargestellt, mit seiner angenehmen Tenorstimme und überzeugender und authentischer Verkörperung des Faust.
Aber auch die kleineren Rollen waren perfekt besetzt, mit Markus Werba (Valentin), Elmina Hasan (Siebel), Ivan Thirion (Wagner), Julie Bailly (Marthe)
Die betörende Schönheit der Musik ermöglichte es, die manchmal zu üppige visuelle Pracht zu akzeptieren und vor allem die wunderbare Oper von Gounod zu genießen.


















