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Klassik Zentral

Martijn Buser (Gaudeamus): "Neue Musik verdient es, entdeckt zu werden"

Vom 6. bis 10. September ist Utrecht das Zentrum der zeitgenössischen klassischen Musik weltweit. Seit seiner Gründung 1946 zeigt das Gaudeamus-Festival, womit sich junge Komponisten heute beschäftigen. Der Schwerpunkt des Programms liegt auf neuer Musik, zumeist Weltpremieren von Komponisten und Künstlern unter 40 Jahren. Ein Gespräch mit Martijn Buser, künstlerischer Leiter des Festivals.

"Wir begannen aus einer westlich orientierten Perspektive heraus und versuchen das ständig zu korrigieren", sagt Buser, "das bedeutet viele Aufträge an farbige Künstler aus anderen Gegenden, Regionen, Ländern. Es sind schließlich immer noch neue Klänge, neue Instrumente, die uns verbinden. Unsere Programmierung ist nicht thematisch, was uns zusammenbringt sind Künstler, die nicht zu sehr zurückblicken, sondern vorausschauen wollen. Wir vergeben viele Aufträge, organisieren viele Residenzen und diese haben alle ihre Auswirkungen auf das Festival. Damit ist auch ein Risiko verbunden, denn das Ergebnis ist noch unbekannt. Wir finden, dass wir solche Risiken eingehen müssen. Denn wenn Organisationen wie wir dieses Risiko nicht eingehen würden, könnte sich die Entwicklung der neuen Musik verlangsamen."

Wie können Sie mehr Publikum für zeitgenössische klassische Musik gewinnen?

"Wir haben uns vor einigen Jahren bewusst dafür entschieden, auch außerhalb von Sälen aufzutreten. Ich spreche von Klanginstallationen oder Aufführungen im Freien, wo wir gezielt das Publikum aufsuchen, also nicht nur im formalen Rahmen eines Konzertsaals. Außerdem ist ein Teil unseres Programms kostenlos. Das zieht natürlich auch Publikum an. Auch junge Menschen, zum Beispiel unsere 8+-Vorstellung, sehr niedrigschwellig. Insgesamt verzeichnen wir in 5 Tagen etwa 5.000 Besucher beim Festival. Als ich zu Gaudeamus kam, habe ich sofort gesagt: Wir müssen daraus ein Publikumsfestival machen. Achtzig Prozent der Musik, die erklingt, ist neu und unbekannt. Viele der Komponisten sind auch noch unbekannt. Die Musiker in einigen Fällen auch, also habe ich gerufen: Wir müssen ein 'Entdeckungs'-Festival daraus machen. Wir arbeiten jetzt nur noch mit Tagestickets. Wie ein Popfestival organisiert ist. Da kannst du auch ein bisschen mehr aus verschiedenen Elementen an einem Abend wählen, kannst dir deine eigene Route zusammenstellen und bist nicht gezwungen, anderthalb Stunden auf demselben Platz zu sitzen."

© Paulus van Dorsten

Nennen Sie drei Konzerte, die charakteristisch für Gaudeamus 2023 sind

Buser: "Ohne die anderen schlecht machen zu wollen: Die britische Songwriterin und Produzentin Klein präsentiert ein neues immersives Multimediaprojekt. Das ist mit Schlagwerk, Elektronik und Visuals, mit viel Licht und Effekten. Sie bringt eine andere Perspektive auf zeitgenössische Musik, aus einer großstädtischen Straßenkultur. Die Ästhetik kommt aus der Popkultur, mit stehendem Publikum. Das zweite Event, auf das ich mich sehr freue, ist der junge Künstler Mees Vervuurt. Er ist am Konservatorium hier in Utrecht abschlossen. Dort gibt es eine neue Ausbildung, Musician 3.0, und das geht um den Musiker der Zukunft. Das ist eigentlich viel stärker auf Künstler ausgerichtet. Das klassische Konservatorium ist traditionell aufgebaut zwischen einerseits der Kompositionsabteilung und andererseits allen Instrumenten. Musician 3.0 dreht sich um die Kombination dieser beiden Bereiche, also selbst erschaffen, selbst spielen, selbst produzieren, machen. Das geht um den Künstler der Zukunft. Mees Vervuurt ist letztes Jahr dort abgeschlossen und seine Abschlussaufführung ist eine eigene Version des Stabat Mater. Er kommt aus einer klassischen Tradition, wollte aber ein Stabat Mater auf eigensinnige Weise schaffen. Die dritte charakteristische Aufführung ist ein Utrechter Kollektiv BUI, das wir für zwei Jahre zur Residenz haben. Ihre Arbeitsweise ist in den Niederlanden einzigartig. Sie arbeiten ausschließlich ortsspezifisch, machen also nur Werke für spezifische Orte. Sie entwickeln eine Toolbox, buchstäblich einen Werkzeugkasten, den sie zu einem Ort mitnehmen und damit einen spezifischen Ort sehr schnell übernehmen können und damit spielen. Sie haben das Herrenhaus Doornburg, das ist ein unglaublich schöner Ort an der Vecht, also eine großartige Gelegenheit."

Was bedeutet eine Residenz bei Gaudeamus?

Buser: "Das ist wirklich maßgeschneidert. Wir haben kein festes Format für einen Musiker oder einen Künstler oder einen Komponisten. Wir führen Gespräche mit dem Künstler, dem Musiker oder dem Komponisten darüber, worauf er oder sie Bedarf hat. Coproduzierung also, wir helfen dem Künstler mit einem Netzwerk, mit einem Team, zum Beispiel einem technischen Team. Viele Musiker denken heute anders über die Art, wie sie dem Publikum präsentieren, sie denken viel mehr an Elemente wie Lichtdesign, Setting usw. Dann schauen wir, welche Coaches wir ihnen empfehlen können. Scouting machen wir durch Besuche von Abschlussaufführungen an den Konservatorien. Internationales Scouting machen wir mit einem europäischen Netzwerk, Ulysses. Elf Partner in Europa suchen mit uns nach den Talenten von heute in Frankreich, Deutschland, Finnland, Spanien usw. Es gibt auch Austausche.

Welches Profil sollten Kandidaten haben?

Buser: "Ich gestehe ehrlich, dass wenn jemand einen klassischen Hintergrund hat und wirklich gut in Kammermusik werden will, dann werden diese bei uns etwas weniger interessant sein im Vergleich zu jemandem, der sich von beispielsweise künstlicher Intelligenz oder Spielekultur oder politisch dringenden Themen inspirieren lässt. Das ist für uns spannender, weil wir vermuten, dass so ein Kandidat das zeitgenössische Musiksegment übersteigen kann und vielleicht auch andere Netzwerke und Spielstätten ansprechen kann."

Was ist Ihre größte Herausforderung für die kommenden Jahre?

"Wir müssen uns immer wieder bewusst machen, dass einige Aspekte für ein uninformiertes Publikum ziemlich abstrakt sein können. Und wie können wir diese mitnehmen? Wie können wir sie für zeitgenössische Musik gewinnen? Ich denke, es ist wichtig, dass wir das Setting so verändern, dass sich jeder willkommen fühlt. Lichtpläne und Inszenierung werden immer wichtiger und wir müssen akzeptieren, dass das Zeitdruck auf den Sälen und dem Programm ausübt. Das müssen wir dann eben in Kauf nehmen.

Wir versuchen, sehr nah bei unserem Publikum zu bleiben. Nach jedem Festival senden wir Publikumsumfragen aus. Die Informationen, die wir erhalten, sind für uns notwendig, um zu wissen, ob wir richtig vorgehen. Menschen dürfen uns Noten geben. Bisher schneiden wir sehr gut ab und wenn wir auf diesem Niveau bleiben können, bin ich zufrieden. Das ist jedes Jahr ein Sprung ins Ungewisse. Es geht jedes Jahr wieder um neue Hörerfahrungen, Dinge, die man vorher noch nicht gehört hat. Auch mit jüngerem Publikum. Dieses Publikum steht immer mehr für Klänge und Erfahrungen offen, die es nicht kennt. Ich hoffe, dass sich dieser Trend fortsetzt."


WAS: Gaudeamus Festival

ORT: In und um Utrecht

DATEN: 6 – 10 September 2023

INFO: www.gaudeamus.nl

Detalhes:

Título:

  • Martijn Buser (Gaudeamus): "Neue Musik verdient es, entdeckt zu werden"

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