“Es ist eine Erinnerung an das Landleben, eher der Ausdruck des Gefühls, das ich dabei erlebe, als eine malerische Beschreibung davon.” So schrieb Beethoven den Auftrag zu seiner sechsten Sinfonie, seiner Pastorale. Ich erinnere mich an eine Jurybesprechung vor der Verleihung vor ein paar Jahren der Cecilia-Preise der Belgischen Musikpresse. Die Gesamtaufnahme von Beethovens Sinfonien war nominiert und dennoch blieb die Frage:”Gibt es noch Bedarf für neue Aufnahmen von Beethovens Sinfonien ?” Bei erneutem Anhören eines Fragments dieser beiden CDs war die Reaktion der Jurymitglieder einstimmig. Solche wunderschönen Klänge, eine so persönliche Interpretation hatten sie noch nie gehört. Die Aufnahme erhielt natürlich einen Cecilia-Preis. Und wenn Jordi Savall mit seinem Concert des Nations damit in die Bozar kommt, möchte man das live erleben.
Imposanter Applaus, als der Katalane, zwar auf Krücken, die Bühne betritt und sich setzt. Das darf man in seinem Alter, 82 Jahre alt ist er. Und dann startet Beethovens sechste. Erhaben im Ansatz, noch erhabener in der Ausführung, wo nötig anschwellend, niemals bombastisch, fast zurückhaltend. Diese herrliche Klarheit, Transparenz vom Feinsten, haben wir kaum je gehört. Und es gibt bereits viele Orchester, die eine Gesamtaufnahme veröffentlicht haben. Aber hier spielen natürlich hervorragende Musiker und dann noch auf historischen Instrumenten. Was für einen einnehmenden Klang kann dieser charmante Mann aus seinem Concert des Nations hervorzaubern. In der Tat ganz anders, als wir es gewöhnlich von anderen Orchestern gewohnt sind. Näher daran, was Beethoven vor Augen stand? Vielleicht, denn der Dirigent studierte die Stücke auf Basis der Originalmanuskripte ein. Jede melodische und rhythmische Linie aufgefasert und wieder zu einzigartigen Klangbildern zusammengefügt. Das lyrische Geräusch der Nachtigall und der fröhliche Ruf des Kuckucks aus dieser “Szene am Bach” hast du noch nie so schön durch Flöte bzw. Klarinette hören spielen. Die letzten drei Teile fließen ineinander und es beginnt mit einem fröhlichen Allegro oder “Lustiges Zusammensein der Landleute”, voll von wimmelnden Wendungen eines wohlklingenden Hornchores, bis es mit einem Orchester in voller Stärke und einem hervorragenden Paukisten donnert. Hier hörst du dann doch den besessenen Romantiker Beethoven am Werk, bis der Sturm wieder friedlich verschwindet, als sich der Himmel aufklärt und das Orchester großzügig den Schluss einleitet.
Bevor Jordi Savall nach der Pause die andere bekannte Sinfonie angeht, ruft er zu Frieden im Nahostkonflikt auf, unterstützt durch den ausverkauften Saal, verunstaltet durch eine laute Proteststimme. Diese Siebte von Beethoven – das ist Musik von anderem Kaliber, nicht nur lauter, sondern vor allem aufwiegelnder. Hier schrieb ein vitalistischer Komponist, ein Werk voller Energie und vor allem voller Rhythmus. Raffinement und Subtilität weichen dem extrovertierten und flamboyanten Beethoven. In der Ausführung weniger spektakulär ‘anders’ gebracht als die sechste. Aber wenn es um ‘presto’ und ‘con brio’ geht und galoppierend Passagen anstehen, kann es nicht überzeugender sein.
Der Saal ist natürlich glühend begeistert und Jordi Savall, demütig verbeugend, dankt zusammen mit seinem Orchester dem Publikum und zweifellos auch Beethoven. Wir bekommen noch einen kompletten Symphonieteil als Geschenk.
WAS: Ludwig van Beethoven, Sinfonie Nr. 6 (op. 68) und Sinfonie Nr. 7 (op. 92)
LABEL: Le Concert des Nations, Dirigent Jordi Savall
ORT: Henry-Le-Boeuf-Saal, BOZAR
WANN: Donnerstag, 20. Dezember 2023





