Dvořák komponierte die zehn im Frühling 1881 vollendetenLegendenursprünglich für Klavierduett, um sie kurz darauf auf Wunsch seines Musikverlegers Simrock zu orchestrieren, der einen Wiederholungserfolg wie bei denSlawischen Tänzensuchte. Dieser Erfolg stellte sich bei den Legenden allerdings nicht ein – bedauerlicherweise hat sich daran bis heute nichts geändert, denn merkwürdigerweise gehören dieLegendennicht zum Standardrepertoire der meisten Orchester. Dabei hätten sie wirklich alles in sich, um genau das zu werden, denn auch diese Musik ist mit Dvořáks böhmischer Idiomatik verbunden, wie sich unter anderem in der farbigen und volksmusikalisch gefärbten Melodik und der ebenso fantasievollen Instrumentation zeigt.
Die dreiSlawischen Rhapsodien(1878) sind zwar unter einer Opusnummer zusammengefasst, inhaltlich und thematisch haben sie aber kaum etwas miteinander gemein – vom rhapsodischen Charakter abgesehen. Auch diese Rhapsodien erfreuen sich keiner allzu großen Bekanntheit, aber farbig sind sie durchaus, mit unverkennbaren Einflüssen von Bedřich Smetana (Dvořák wird zwischen 1875 und 1877 zweifellos die Uraufführung von dessenMein Vaterlandgehört haben), aber auch von dem virtuosen Liszt, der die Rhapsodie zwar nicht erfunden hat, ihr aber seinen unauslöschlichen Stempel aufgedrückt hat.
Tomáš Netopil ist ein ausgezeichneter Dirigent mit tschechischen Wurzeln – Qualitäten, die in diesen Aufnahmen leider weniger deutlich zur Geltung kommen. Die Schuld liegt sowohl bei Netopil als auch bei den Aufnahmetechnikern.
Beginnen wir mit dem Dirigenten: besonders seine Interpretation derLegendenwirkt ziemlich blass aus den Lautsprechern, zumal nicht geholfen durch die Aufnahme, die wie in den nachfolgenden Rhapsodien zu wenig Definition mit mangelnder Transparenz verbindet. Als würde man durch ziemlich dicke Gardinen lauschen. Aber interpretatorisch ist Netopils Charakterisierung hier wirklich der eigentliche Engpass, denn aus dieser so bildhaftenLegendenkönnte sicherlich mehr gemacht werden, wie unter anderem Iván Fischer, Jakub Hrůša, Charles Mackerras und Rafael Kubelik bereits zeigten. Oder um noch weiter zurückzugehen: der großartige Karel Sejna mit demselben Orchester, wobei es sich um eine Monoaufnahme vom Januar 1956 handelt, wie auch dieses neue Album, aufgenommen im Dvořák-Saal des Rudolfinum in Prag (Ich besitze die von Supraphon veröffentlichte LP). Mit der bemerkenswerten Feststellung, dass diese Monoaufnahme eine bessere Fokussierung und Positionierung des Orchesterapparats bietet als die diffuse Pentatone-Aufnahme.
Die drei Rhapsodien schneiden interpretatorisch glücklicherweise besser ab, was möglicherweise durch ihre erheblich breitere Anlage erklärt werden kann, wobei jeder Satz etwa dreizehn Minuten dauert. Die expansiv angelegten Melodielinien sprechen für sich, und Netopil hat davon reichlich Gebrauch gemacht, es gelang ihm aber auch, der typisch tschechischen Folklore ein lebhafteres Profil zu geben. Mit der Qualität der Aufnahme bleibt es leider auch diesmal befriedigend, möglicherweise bedingt durch den akustisch offenbar schwer zu zähmenden Saal, obwohl man meinen könnte, dass Pentatone damit mittlerweile mehr als genug Erfahrung gemacht hat. Naja, so ist es eben.





