Es gibt Opern, die in erster Linie Drama sein wollen, und es gibt Opern, die vor allem wie ein Gebet klingen. Die meisten Komponisten, die sich an die Passion wagen, entscheiden sich entschlossen für eines dieser beiden Register – Bach für die Kontemplation, Penderecki für das existenzielle Drama – und überlassen es dem Hörer, selbst die Brücke zu schlagen. Charles Calomiris (*1957) weigert sich in seinem Einakter Gethsemane, erschienen bei Da Vinci Classics, diese Wahl zu treffen. Genau in dieser Weigerung liegt die Eigenständigkeit dieses Werkes.
Calomiris schrieb Gethsemane für das Pano Hora Ensemble aus Colorado, dieselbe Gruppe, mit der er zuvor Evlogia für Da Vinci Classics realisierte. Beide Werke gehen von der orthodoxen liturgischen Tradition aus, in der die Karwoche nicht nur gedacht wird, sondern immer wieder aufs Neue durchlebt wird. Wer je eine orthodoxe Osterliturgie oder eine ritualisierte Passionsspieltraditon erlebt hat, weiß, wie fließend die Grenze zwischen Liturgie und Theater dort ist. Calomiris schließt sich bewusst dieser Tradition an. Seine Oper soll keine illustrierte Evangelienerzählung sein, sondern eine zeitgenössische Meditation, in der religiöses Ritual und Musiktheater sich begegnen.
Das Libretto, vom Komponisten selbst, wählt dabei eine bemerkenswerte Perspektive. Die Evangelisten berichten kaum darüber, was sich während der stillen Stunden in Gethsemane abspielt, wenn Petrus, Johannes und Jakobus zweimal in Schlaf fallen. Genau diese Lücke füllt Calomiris aus. Als Petrus nach seinem zweiten Erwachen fragt, ob Jesus sie wach halten kann, indem er seine Lehre noch einmal darlegt, folgt die Arie Bete und wache mit mir. Unterdessen mischt sich Satan fast unbemerkt in die Gedanken der Jünger. Kein theatralischer Verführer mit Donner und Blitz, sondern eine Stimme, die sich der Vernunft, der Müdigkeit und des scheinbar gesunden Menschenverstands bedient. In Arien wie Für ihn ein Kinderspiel und Die einzig vernünftige Wahl erhält diese Einflüsterung eine beinahe utilitaristische Logik: warum ein Opfer bringen, das niemand versteht? Warum an einer Liebe festhalten, die sich selbst hingibt?
Damit berührt Calomiris die zentrale Idee seiner Oper. Selbstlose Liebe erweist sich v o r dem Kreuz für niemanden wirklich vorstellbar. Nicht für Satan, der sie als Schwäche interpretiert, aber auch nicht für die Apostel, die vor allem um die Weitergabe von Jesu Botschaft besorgt sind. Erst die Tat selbst macht ihre Bedeutung sichtbar. So erhält Gethsemane nicht nur die Ausstrahlung einer Passion, sondern ebenso die einer philosophischen Reflexion über die Grenzen der menschlichen Vernunft.
Bemerkenswert ist, wie stark diese dramaturgische Vision auch musikalisch unterstützt wird. Wer eine dunkle, schwere und ausgesprochen tragische Passionsgeschichte erwartet, wird enttäuscht. Calomiris schreibt überraschend melodische und oft beinahe fröhliche Musik. Das scheint auf den ersten Blick paradox, funktioniert aber wunderbar. Der Komponist konzentriert sich nämlich nicht auf Golgota, sondern auf die letzten Stunden v o r der Verhaftung, in denen Hoffnung, Zweifel und menschliche Nähe noch fortwährend nebeneinander bestehen. Die Musik atmet daher eine warme Zugänglichkeit, ohne an Ernsthaftigkeit zu verlieren.
Unter dieser zeitgenössischen, lyrischen Sprache bleibt gleichzeitig ein klares orthodoxes Idiom spürbar. Nicht dadurch, dass Calomiris fortwährend liturgische Melodien zitiert, sondern durch die kontemplative Ruhe der Phrasierung, die fast ikonische Einfachheit mancher Vokallinien und die Art, wie die Musik fortwährend den Text atmen lässt. Das Ergebnis befindet sich irgendwo zwischen zeitgenössischem Oratorium und Kammeroper: modern, ohne avantgardistisch sein zu wollen, spirituell, ohne sich in liturgischer Ernsthaftigkeit zu verschließen.
Dieser Zugang wird überzeugend von dem Pano Hora Ensemble und den fünf Solisten realisiert. Der Gesang ist homogen, gepflegt und auffallend textorientiert. Keine der Stimmen versucht sich ausdrücklich in den Vordergrund zu spielen; gerade die geschlossene Ensembleklangfarbe unterstreicht das Gemeinschaftsgefühl, das so wesentlich für diese Oper ist. Die Figuren bleiben Menschen aus Fleisch und Blut; nirgends verfallen sie in Bombast oder übertriebene Operneffekte. Gerade diese natürliche Vortragsweise verstärkt die Glaubwürdigkeit von Calomiris' psychologischer Ausarbeitung der Geschichte. Auch das Ensemble spielt mit hörbarer Überzeugung. Die instrumentale Begleitung unterstützt die dramatische Entwicklung, ohne je in Effekthascherei oder platte Dramatik zu verfallen. Dadurch bleibt die kontemplative Atmosphäre, die das Werk von Anfang bis Ende trägt, fortwährend erhalten.
Die Aufnahme selbst bietet ausreichend Platz für die Stimmen und bewahrt eine schöne Balance zwischen Ensemble und Solisten, sodass Wort und Musik fortwährend verständlich bleiben. Das ist keine geringe Leistung in einem Werk, in dem Textverständnis und spirituelle Konzentration mindestens ebenso wichtig sind wie die musikalische Spannung.
Gethsemane beansprucht nicht, die große Passionstradition umzuschreiben. Dafür ist das Werk zu bescheiden in seiner Dimension und zu konzentriert in seiner Anlage. Aber gerade diese Bescheidenheit erweist sich als Stärke. Calomiris verzichtet auf monumentale religiöse Rhetorik zugunsten eines menschlichen Zugangs zum entscheidenden Moment, bevor sich das Leidensgeschichte entfaltet. Sein größter Fund ist vielleicht, dass er die Verführung nicht als dämonisches Spektakel darstellt, sondern als die sanfte Stimme von Müdigkeit, Pragmatismus und Kompromiss. Damit verschwimmt auch bewusst die Grenze zwischen Oper, Oratorium und liturgischer Meditation, genau wie der Komponist es beabsichtigte.
Das macht Gethsemane zu mehr als einer Kuriosität. Es ist eine zeitgenössische Passion, die ihre spirituellen Wurzeln nicht verleugnet, sondern sie in eine zugängliche, melodische Musiksprache übersetzt. Ohne die Tradition überlagern zu wollen, fügt Calomiris ihr eine überraschend persönliche Seite hinzu.





