Auf der Bühne zwei international renommierte Künstler, die sich mit ihrem Programm perfekt ergänzen. Der amerikanische Countertenor Reginald Mobley verfügt über einen der faszinierendsten Stimmtypen: hoch, leicht und doch kraftvoll. Ein wohlklingender und subtiler Ton, haarfein wie Filigran, hervorgebracht durch eine biegsame und klare Stimme und vielseitig einsetzbar. Er singt von Barock bis zu Musicals, Jazz, zeitgenössischen Werken und Spirituals. Es gelingt ihm scheinbar mühelos, zu wechseln und eine Brücke zwischen der klassischen Welt und den afroamerikanischen Traditionen und Kulturen zu schlagen. Am Klavier der britische Musiker Ashok Gupta. Neben seiner Karriere als Pianist profiliert er sich als Musikdirektor der Guildhall School of Music and Drama in London und als Dirigent.
African American Spiritual
Das Recital ist vollständig um das African American Spiritual aufgebaut – früher gemeinhin Negro Spirituals genannt. Diese im Kern religiösen Volkslieder entstanden im 18. und 19. Jahrhundert innerhalb der afroamerikanischen Gemeinde, die damals noch unter dem Joch der Sklaverei litt. Doch das Auslöschen der Wurzeln und Traditionen all dieser Sklaven erwies sich als unmöglich. In diesem Kontext entstand das Spiritual als neue, hybride Form des Ausdrucks. Es sind Lieder mit unterschiedlichen Bedeutungsebenen und Stimmungen. Die Sklaven legten ihr Herz und ihre Seele hinein. Musik mit der besonderen Kraft, blockierte und tief verborgene Erinnerungen lebendig zu halten. Singen war für sie Hingabe, Licht, Luft, Trost, Stille und Energie. Spirituals wurden manchmal als geheime Kommunikationsmittel mit verborgenen Codes verwendet, daneben gab es die Arbeitslieder, die während der schweren Feldarbeit gesungen wurden, wobei der Rhythmus half, den Zusammenhalt und das Tempo zu bewahren.

Contratenor Reginald Mobley ist eine warme und charismatische Erscheinung. Mit virtuoser Stimmtechnik und perfektem Timing lässt er die Spirituals anders klingen. Keine Übertreibung oder Euphorie, sondern mit dynamischer Kontrolle und Reichtum in der Dosierung. Er verkörpert auf seine Weise den unerschütterlichen Glauben, die Trauer und die Hoffnung auf ein besseres Leben der Sklaven. Ein Performer, der auf ruhige Weise ausstrahlt. Zusammen mit Ashok Gupta bringt er hauptsächlich Werke von Harry Thacker Burleigh, einem wichtigen Brückenbauer zwischen dem Spiritual und der westlichen Kunstmusik. Ferner die wichtige afroamerikanische Komponistin Florence Price, die das Spiritual in ihre Kunstmusik integrierte, und Douglas Balliett, ein zeitgenössischer amerikanischer Komponist, der sich gerne mit vielfältigen musikalischen und kulturhistorischen Einflüssen von religiösem Barock bis zu romantischen Liedzyklen und traditionellen Spirituals auseinandersetzt. Fasziniert und mit vollem Interesse verfolgst du Mobleys Stimmakrobatik, die er scheinbar mühelos erbringt. Dieser Mann besitzt wirklich eine virtuose Stimmtechnik. Irgendwann setzt er sich versteckt hinter das Klavier und singt a cappella mit einem ätherischen Timbre „Balm in Gilead". Beeindruckend, wie eine Stimme in der Wüste. Seine Stimme ist ein Balsam für die Seele. Die Kombination aus Rhythmus, Melodie und seiner einzigartigen Stimme sorgte für Freude, Trost und Verbindung. Beide Performer kommen auf ihre Kosten. Neben seiner Rolle als Begleiter spielte Ashok Gupta auch einige fesselnde und kontrastreich Piano-Soli.
Ein intimes Recital, das für Entschleunigung und frische Luft sorgte. Klasse!



