Dass die Musik von Mieczyslaw Weinberg (1919-1996) sich noch immer im Schatten derjenigen seines Zeitgenossen Dmitri Sjostakovitsj (1906-1975) bewegt, lässt sich aus rein qualitativer Perspektive unzureichend erklären, während die Chancen auf einen echten Durchbruch äußerst gering erscheinen. Dass wir Weinberg und seiner Musik relativ viel Aufmerksamkeit gewidmet haben, wird, fürchte ich, daran langfristig auch wenig ändern können. Auch die vielen Top-Musiker, die sich Weinbergs Oeuvre angenommen haben, werden dies in Kauf nehmen müssen (und haben es zweifellos bereits getan). Selbst das phänomenal spielende, 2006 gegründete rumänische Arcadia Quartet sieht sich damit schon im Voraus dieser uneinzunehmbaren öffentlichen Festung gegenüber.
Mit der Aufführung aller siebzehn Streichquartette (dies ist der fünfte und gleichzeitig vorletzte Teil der Reihe) tritt es in die Fußstapfen des ebenso eminenten französisch-belgischen Quatuor Danel (das sich ebenfalls überaus verdient gemacht hat in den vollständigen Streichquartetten von Sjostakovitsj).
Wie die vorherigen Teile ist das Programm nicht in chronologischer Reihenfolge zusammengestellt, sondern nach den verschiedenen Perioden in Weinbergs Entwicklung als Komponist. Das liefert an sich bereits beachtliche Kontraste. Darunter auch das, was überall als Weinbergs erstes „reifes" Quartett betrachtet wird, das 1944 komponierte dreiteilige dritte Quartett. Das neunte Quartett (1963) stammt aus einem Jahrzehnt, in dem Weinbergs Komponieren durch eine einflussreiche Gruppe von Musikern viel Lob erhielt, darunter das Borodin Quartet, die Dirigenten Kirill Kondrasjin und Rudolf Barsjaj, der Pianist Emil Gilels und der Violinist Leonid Kogan. Im vierzehnten Quartett (1978), komponiert drei Jahre nach dem Tod seines guten Freundes und Mentors Sjostakovitsj, spiegelt sich Weinbergs Suche nach seiner künstlerischen Identität wider. Als damit nicht übereinstimmender schöner Schlusssatz fungiert die kurze Improvisation und Romance aus 1950.
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Weinberg (r.) und seine Frau Olga Rakhalskaja während der Uraufführung der Fünfzehnten Symphonie von Sjostakovitsj (l.) am 8. Januar 1972[/caption]
In der Aufführung durch das Arcadia wohnt so viel künstlerische Reife und Leidenschaft, dass sie ein bemerkenswertes Hörerlebnis schafft. Die Stimmungswechsel, von melancholisch oder sarkastisch bis ausgesprochen düster oder sogar bedrohlich werden vom Ensemble sublim „eingefangen"; und das auch noch auf außergewöhnlich hohem spieltechnischem Niveau. Die messerscharfe Artikulation, die reichhaltig variierte Klangfarbung, die dynamische Intensität, die verfeineroten Phraisierungen: alles trägt zu wirklich hervorragenden Aufführungen bei, die durch die glänzende Aufnahme keinen Moment behindert werden.