Nachdem ich im vergangenen Jahr während der Domstufenfestspiele eine unvergessliche Aufführung von Puccinis La Bohème erlebte, wollte ich in diesem Jahr gerne wieder dabei sein, da das Theater Erfurt Jesus Christ Superstar von Andrew Lloyd Webber (°1948) und Tim Rice (°1944) auf den Stufen des Doms aufführt.
Es gibt Aufführungen, die eine Geschichte erzählen, und es gibt Aufführungen, die dich vor allem zum Nachdenken darüber bringen, wie Geschichten entstehen. Jesus Christ Superstar gehört – gerade in der neuen Produktion des Theater Erfurt – in die zweite Kategorie. Wer auf den Domstufen eine religiöse Erzählung über die letzten Tage von Jesus von Nazareth erwartet, bekommt etwas anderes vorgesetzt: eine Rockoper über Macht und Manipulation, über Bewunderung und Angst, aber vor allem auch darüber, was geschieht, wenn ein Mensch zu einer Ikone gemacht wird – und wenn jemand, der ihm nahestehen, anfängt, an dem Bild zu zweifeln, das von ihm entsteht.
Darüber hinaus ist es ein besonderer Ort, um diese Aufführung zu sehen. Die Domstufen sind die Treppen, über die über Jahrhunderte Gläubige hinaufgingen, auf der Suche nach Ruhe, nach Hoffnung, nach Erlösung, nach Antworten auf Fragen. Ganz oben, am Eingang des Doms, hängt ein Bild von Jesus am Kreuz; davor spielt sich eine ganz andere Version derselben Geschichte ab. Der Dom und die Severikirche bilden das historische Bühnenbild, vor dem sich alles abspielt. Auf den Treppen stehen sieben goldene Bilderrahmen, verteilt über den Spielbereich, mit einem zentralen Rahmen in der Mitte, in dem die wichtigsten Ereignisse stattfinden. Unten steht das Wort Love wie ein Grundton der Aufführung. Liebe ist die zentrale Botschaft, aber gleichzeitig auch genau das, über das die Charaktere ständig miteinander in Konflikt geraten. Dass diese Produktion immer noch ein großes Publikum anzieht, zeigte sich auch an diesem Abend: die Aufführung war vollständig ausverkauft.
Ein technischer Punkt verdient es, vorher erwähnt zu werden, da er den ganzen Abend über wiederkehrte. Orchester und Rockband spielen nicht auf den Domstufen selbst, sondern ein Stück weiter im Theater; die Musik wird über Lautsprecher synchron mitgesandt, während Chor und Solisten wirklich live auf den Treppen singen. Sobald die Rockband einsetzte, verschwand das Orchester oft in den Hintergrund; manchmal bekam man fast den Eindruck, dass nur die Band spielte. In den kahlen, zurückhaltenden Passagen – dunkle Streicher, wenige Instrumente – konnte das Orchester dagegen zeigen, was es wirklich zu bieten hatte.
Unten hing ein Bildschirm, auf dem zu Beginn die Musiker zu sehen waren und auf dem während des Stücks die verschiedenen Ereignisse angekündigt wurden. Das wirft sofort die Frage auf, warum es, wenn man sich ohnehin die Mühe macht, die Ereignisse zu benennen, keine Übertitel gab. Die Sänger wurden regelmäßig übertönt, auch wenn sie verstärkt sangen. Für diejenigen, die das Werk nicht im Deutschen kennen, war der Text daher nicht immer leicht zu verstehen.
Ein Jesus, der sich selbst verliert
Ein Krankenwagen fährt vor mit kreischenden Sirenen und Jesus wird herausgeworfen. Es ist ein Bild, das erst später seine volle Bedeutung erhält, aber sofort den Ton für das angibt, was folgt. Dieser Jesus ist nicht die unantastbare Figur, die über seiner Umgebung steht; manchmal scheint er selbst nicht mehr genau zu wissen, womit er sich befasst. Und genau das scheint Judas als Erster zu durchschauen.
Wenn dann die eigentliche Geschichte beginnt, wird Jesus in dieser Inszenierung als eine Art Blumenkind-Guru dargestellt: jemand umgeben von Anhängern, der in jedem das Gute und die Liebe sieht. Auf der Bühne erscheint sogar ein Shop mit love for sale. Die Gruppe bewegt sich fast wie eine Gemeinde um einen charismatischen Anführer. Judas – gespielt von Til Ormeloh, mit einer Natürlichkeit, die den ganzen Abend tragen würde – fühlt sich dort deutlich nicht am rechten Platz. Man sieht ihn zweifeln, noch bevor er ein Wort darüber singt: kann dies wirklich der Weg sein, den sie gehen müssen? Wenn Simon Zelotes (Lukas Witzel) – eine kleine Rolle mit einer angenehmen Stimme – bewaffnet mit Soldaten auftaucht, wird dieser Zweifel noch konkreter. Jesus weigert sich entschieden: kein Krieg, keine Gewalt, kein Machtkampf.
Damit wird sofort klar, dass diese Inszenierung Jesus nicht so sehr zur zentralen Figur macht, sondern vor allem Judas. Er ist der Zweifler, derjenige, der seinen besten Freund letztlich verrät, aber auch die Figur, in der sich ein Publikum am leichtesten erkennen kann. Denn Judas ist nicht nur der Mann, der Verrat begeht; er ist vor allem der Mann, der nicht länger versteht, was sein Freund dabei ist zu werden. Je länger er auf Jesus schaut, desto stärker wird der Verdacht, dass der Mann, den er kannte, hinter dem Bild zu verschwinden droht, das andere von ihm machen.
Diese Idee hat übrigens eine viel ältere Tradition als die Rockoper selbst. Als ich diese Aufführung sah, musste ich unwillkürlich an den berühmten Altar von Tilman Riemenschneider in der Hauptkirche von Rothenburg ob der Tauber denken, in dem Judas bemerkenswert stark als zentrale Figur hervortritt, neben und nicht nur untergeordnet gegenüber Jesus. Das macht die Wahl von Peter Lund umso interessanter: Judas wird nicht freigesprochen, aber zu einem Menschen gemacht, in dem menschlicher Zweifel, Liebe und letztlich auch Scheitern erkennbar werden.
Lukas Mayer spielt Jesus mit vollem Einsatz und verfügt über eine angenehme, stellenweise sogar fragile Stimme. Er kennt die Rolle deutlich in- und auswendig. Dennoch fehlt ihm manchmal genau jener ausgesprochene Charakter, der notwendig ist, um der Intensität von Ormeloh wirklich Paroli zu bieten. Dass Jesus als Einzelperson weniger stark dargestellt wird, gibt Judas gerade den Raum, um das Drama an sich zu reißen.
Auch die Tempelszene selbst enthält einen der einfachsten und gleichzeitig stärksten Funde des Abends: in allen Bilderrahmen erscheint das Wort sale, sale, sale. Alles ist zu verkaufen, alles kostet fast nichts. Gleichzeitig wird hier der innere Konflikt Jesu buchstäblich dargestellt, wenn er die Händler aus dem Tempel vertreibt: rote Bänder hängen an ihm, gehalten von Figuren, die daran ziehen – ein Mann, der gleichsam von allem auseinandergerissen wird, was von ihm verlangt wird. Die Sale-Symbolik schließt unmittelbar an die Unruhe an, die bei Judas schon von Anfang an wächst: die Botschaft von Liebe und Gemeinschaft steht hier einer Welt gegenüber, in der alles zur Ware geworden ist. Es ist kein kompliziertes Symbol, wirkt aber deswegen nicht weniger.
Maria Magdalena, dargestellt von Ks. Katja Bildt, kommt im ersten Teil anfangs zu kurz. In Everything's Alright bleibt sie zu sehr im Hintergrund. Erst in I Don't Know How to Love Him, am Ende des ersten Teils, hat sie ihren stärksten Moment. Dort macht Bildt überzeugend spürbar, wie seltsam ihre Liebe eigentlich ist: sie und Jesus unterscheiden sich voneinander, aber das macht ihr Gefühl nicht weniger stark. Sie weiß nicht, wie sie ihn lieben soll, aber sie weiß, dass sie es nicht lassen kann.
Der erste Teil endet mit dem Blutgeld, das Judas erhält. Hinterher stellt sich das als bedeutsamer Wendepunkt heraus. Die erste Hälfte ist vor allem Vorbereitung: die Charaktere werden vorgestellt, ihre gegenseitigen Beziehungen werden aufgebaut und das Zögern des Judas bekommt immer mehr Gewicht. Erst nach der Pause wird wirklich deutlich, warum Judas zu seinem Verrat kommt und warum Jesus seine Vision nicht mehr ändern kann oder will.
Und die Puzzlestücke fügen sich zusammen
Nach der Pause bekommt die Regie eine leicht blasphemische, aber äußerst effektive Auslegung des letzten Abendmahls. Die Apostel liegen betrunken am Tisch oder wanken herum, zwar sicher gesungen, während Judas und Jesus vorne ihre eigene Auseinandersetzung führen. Verrat mich doch, scheint Jesus zu sagen. Judas antwortet, dass Jesus nicht versteht, warum er es tut, dass er sich selbst verleugnet hat. Der Kontrast zwischen der feiernden, unwissenden Gruppe und den beiden Männern, die ihr Schicksal bereits zu kennen scheinen, gehört zu dem Geschicktesten, das die Regie an diesem Abend zeigte.
Dann folgt Gethsemane, der Moment, in dem Jesus explizit fragt, ob der Kelch an ihm vorbeigehen kann. Es ist ein eindringlicher Moment, denn die Rockoper verstummt hier fast vollständig und es bleibt nur noch ein Mensch mit seiner Angst. Jesus erzählt, wie lange er sich damit bereits auseinandersetzt: drei Jahre, dreißig Jahre, irgendwann sogar neunzig Jahre – eine Zeitskala, die keine Wirklichkeit mehr zu sein scheint, sondern ein Maßstab für die Erschöpfung, die sich seiner bemächtigt. Der Superstar verschwindet; was bleibt, ist jemand, der erkennt, was auf ihn wartet und dem er trotz allem nicht entkommen kann. Lukas Mayer findet in dieser Szene darüber hinaus mehr von dem Charakter, der zuvor manchmal fehlte. Hier wird Jesus nicht länger der charismatische Guru, sondern der Mensch hinter dem Bild.
Der Verrat selbst bekommt dann durch den Chor eine besondere Kraft. Aus der Ferne erklingt Warum, warum, als würde eine Stimme außerhalb der Ereignisse auf das reagieren, was sich auf den Treppen abspielt. Der Chor ist nicht immer sichtbar, was ihm etwas Unfassbares verleiht: manchmal scheint es eine Stimme von oben zu sein, manchmal ein kollektives Gewissen, manchmal einfach nur die Reaktion einer Gemeinschaft, die nicht versteht, was geschieht.
In den Verhörszenen sitzen zwei starke Nebenrollen. Rainer Zaun als Pontius Pilatus braucht anfangs in seiner Militäruniform wenig darzustellen, aber wenn er Jesus verurteilen muss und seine Hände in Unschuld wäscht, wird die Verzweiflung spürbar – der Blick von jemandem, der nicht mehr weiß, was er mit dem Mann gegenüber anfangen soll. Dieser menschliche Zweifel macht diesen Pilatus zu mehr als nur einem Funktionär, der einfach eine Entscheidung ausführt.
Máté Sólyom-Nagy macht aus Herodes dann etwas ganz anderes. Herodes' Song wird fast zu einer grotesken Show-Nummer, mit einem bunten Ensemble um ihn herum. Jesus wird hier nicht als König, Messias oder besonderer Mensch behandelt, sondern als Entertainer, der sein Publikum unterhalten muss. Die Szene macht damit auf fast absurde Weise sichtbar, worum es in der ganzen Aufführung letztendlich geht: was geschieht, wenn jemand nicht länger als Mensch betrachtet wird, sondern als Spektakel?
Zum Schluss fallen noch zwei Wahlen rund um Judas besonders auf. Sein Tod wird hier nicht, wie traditionell, als Selbstmord gezeigt, sondern als Mord durch einen der Hohepriester. Das wirkt auf den ersten Blick wie eine kleine Regiechoise, verändert aber durchaus die Art, wie man auf die Figur blickt. Judas wird nicht der Mann, der selbst an seiner Schuld untergeht, sondern jemand, der letztendlich durch denselben Machtmechanismus zerstört wird, an dem er selbst mitgewirkt hat.
Nach seinem Tod kehrt er noch einmal zurück, für einen eisernen starken Tanzmoment, in dem er Jesus verspottet. Regelmäßig schließt das nahtlos an den Rest der Vorstellung an. Es ist, als würde Judas, auch wenn die Geschichte ihn bereits abgeschrieben hat, noch ein Mal das Recht einfordern, selbst zu bestimmen, wie er gesehen wird. Es ist eine letzte, fast ironische Bestätigung der Tatsache, dass diese Vorstellung letztendlich mindestens genauso sehr von Judas handelt wie von Jesus.
Die Kreuzigung selbst, dargestellt im mittleren Bildrahmen, ist auffallend zurückhaltend. Weil die Vorstellung anderswo so erfinderisch mit Bildern und Symbolik umgeht, wirkt diese Szene fast überraschend konventionell. Man kann sich fragen, ob die Kreuzigung nicht mehr sein hätte dürfen als dies; andererseits kommt diese Einfachheit nach dem Blingbling bei Herodes hart an, zumal wenn Jesus nach seiner Mutter fragt.
Was nach Jesu Tod folgt, ist musikalisch sehr beeindruckend. Das instrumentale Ende bekommt eine Intensität, die die Kreuzigung selbst nicht hatte. Die Musik übernimmt, wo das Bild schweigt, und macht aus dem Ende kein großes Spektakel, sondern eine Art Rückblick auf alles, was vorangegangen war.
Wer ist hier eigentlich der Superstar?
Was diese Produktion letztendlich am stärksten macht, ist die Verschiebung des Schwerpunkts, die Peter Lund von Anfang bis Ende durchhält. Nicht Jesus, sondern Judas wird zur Figur, in der sich das Publikum am leichtesten erkennt – und das macht Til Ormeloh zum unbestrittenen Zentrum dieser Produktion. Seine Natürlichkeit, sein ständiger Zweifel und seine sichtbare Unzufriedenheit mit der Richtung, in die sich Jesus entwickelt, machen ihn glaubwürdig, ohne ihn freizusprechen. Er ist kein Held und auch kein klassischer Schurke, sondern ein Mensch, der denkt, dass er eine Situation noch kontrollieren kann, und zu spät entdeckt, dass er selbst Teil des Mechanismus geworden ist, den er stoppen wollte.
Dagegen steht Jesus: Der Titel macht ihn zum Superstar, die Masse erhebt ihn zum Idol, die Machthaber machen ihn zur Bedrohung und letztendlich zum Opfer. Aber in Gethsemane fällt das alles genauso weg. Dann gibt es kein Idol mehr, keinen Guru, keinen Messias und keinen Superstar. Es gibt nur einen Menschen, der Angst hat.
Und vielleicht ist genau das, was diese Produktion auf den Domstufen so beeindruckend macht. Hinter der Rockoper, hinter der Masse, den sieben goldenen Rahmen und den monumentalen Kirchen erhebt sich eine einfache, aber unbequeme Frage: Was tun wir mit einem Menschen, wenn wir ihn zum Superstar machen?
Und was bleibt dann noch von ihm selbst übrig?
PS: Für die Erkennbarkeit der Leser habe ich mich dafür entschieden, die Songs auf Englisch zu bezeichnen, obwohl die Vorstellung in der deutschen Übersetzung von Timothy Toller (2023) gesungen wird.