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Rezensionen

'Vlaemsch' (chez moi)

V
· 5 Min. Lesezeit
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'Vlaemsch' (chez moi)
© Filip Van roe

Diese Aufführung hatte ihre Premiere beim Zeeland Nazomerfestival 2022. Am vergangenen Himmelfahrtswochenende war sie vier Mal in deSingel zu sehen. Jedes Mal ausverkauft.

Das Publikum hat Sidi Larbi Cherkaoui eindeutig ins Herz geschlossen. Das Gesamtkonzept realisierte dieser herausragende Künstler mit einigen flämischen Wegbegleitern. Für die Inszenierung zeichnete Bildkünstler Hans Op de Beeck verantwortlich, Modedesigner Jan-Jan Van Essche für die Kostüme und Floris De Rycker komponierte Musik für drei Solisten und zwei Musiker.

Sidi Larbi Cherkaoui nimmt in dieser Aufführung seine doppelte Nationalität als Ausgangspunkt. Der niederländische Politiker Biesheuvel sagt in einem seiner Schriften: „Man wird in eine Geschichte, eine Zeitspanne hineingeworfen." Sidi Larbi Cherkaoui bestätigte sich künstlerisch selbst. Die Künste im Allgemeinen als Entschädigung, Perfektion und Unvollkommenheit, das Rohe und Ungeschminkte, der sehnsüchtige Mensch nach Schönheit. All dies führte zu einem reich strukturierten Leben mit sublimem Glanz. Er katapultierte sich sofort in die erste Liga des zeitgenössischen Tanzes. Sein Curriculum ist mittlerweile schwindelerregend.

Spiegelung


Ein Mann, der grundlegende Dinge aus autobiografischem, innerem Antrieb zu sagen hat. Eine doppelte Herkunft: Flämisch von der Mutterseite und Marokkanisch durch die Gene seines Vaters ist teilweise eine Bereicherung, manchmal aber auch zwei Wetterfronten, die zusammenkommen und deinen Kopf zum Sturm bringen. Er sagte einmal in einem Interview: „Als Kind von Migranten hat man sofort das Gefühl, gleichzeitig zu Hause zu sein und ein Besucher zu sein." Leben bedeutet Weitergabe. Von Wissen und Verständnis, aber auch von Gefühlen, Wärme und Sanftheit. Er stellte seine doppelte Nationalität in Konfrontation und Dialog miteinander, in gegenseitiger Befruchtung.

Das Leben bleibt grau, wenn man es nicht färbt. Das kann sicherlich nicht von diesem Künstler gesagt werden. Cherkaoui wandelt in der Grauzone zwischen lokaler Verankerung und interkulturellem Dialog. Er stellt den Reichtum seiner multikulturellen Herkunft in den Fokus und befreite sich von Klischees. Die Bühne dient als Gedächtnispalast, in dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sich in einem ästhetischen und philosophischen Manifest treffen.

Inszenierung


Wenn sich der Vorhang öffnet, sieht man eine Art veredelte Lagerhalle mit Metallspanngliedern und einer Dachgaube. Eine Rohbauhülle, in der Räume geschaffen wurden. Grautöne überwiegen. Vorne rechts wurde eine Art graues, staubiges Stillleben mit vergrößerten Accessoires geschaffen: ein Krug, ein Becher, ein Leuchter, ein Buch, ein Totenschädel...

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Eine Gruppe von vierzehn Tänzern aus aller Welt (Japan, Amerika, Russland, Ukraine, Kongo, Kanada, Deutschland, Israel, Belgien…) tritt in Schwarz/Weiß mit einem Pinsel in der Hand an. Sie ziehen Linien in den Raum zu den wunderschönen Klängen des Musikers und Lautenspielers Floris De Rycker und seinem Ensemble Ratas del Viejo Mundo. Die Laute, ein typisch flämisches Instrument mit der arabischen Oud als Vorgänger. Es wird zu zweit getanzt, in Gruppen von drei oder vier, um in einer Art Reigen zu enden. Dazwischen läuft ein Mann mit einem Räuchergefäß durchs Haus, um es zu segnen und böse Geister zu vertreiben.

'Vlaemsch (chez moi)' hat etwas von Pointillismus. Kurz und fragmentarisch werden Besonderheiten angedeutet, Flandern im Griff der Kirche, die Juden, die in Antwerpen ihren Platz fanden, die Pfadfinder, Rubens macht seinen Auftritt und trägt sogar ein kleines Gedicht vor, das stark an den Stil und die sprachliche Gewandtheit von Guido Gezelle erinnert. Schrittweise wird den Kostümen mit einer Vielfalt von Charakteren Farbe verliehen: eine Krankenschwester, ein Metzger, ein Soldat, eine Braut, ein temperamentvolles junges Mädchen, ein Biersteker…

In einem Himmelbett ruht die mater familias, dargestellt durch die Sängerin Christine Leboutte. Sie ist der rote Faden durch die gesamte Aufführung und gibt Erklärungen und Kommentare auf Französisch und Niederländisch ab. Zur Hälfte der Aufführung zieht sie sich in eine Rüstung wie Dulle Griet aus dem berühmten Gemälde von Bruegel. Sie bekommt Gesellschaft von Radtouristen und tritt selbst ordentlich auf einem Heimtrainer in die Pedale. Eine gegenseitige Befruchtung an mehreren Fronten.

In eins, zwei, drei wird ein enormer Tisch gedeckt. Zunächst ein Quadrat, kurz darauf wird es zu einem langen, rechteckigen Tisch. Es wird ein Tableau geschaffen, das Bilder des Gemäldes „Das Letzte Abendmahl" aufruft. Sidi Larbi Cherkaoui beschränkt sich nicht nur auf eine beeindruckende Choreografie, sondern arbeitet in seinen Aufführungen immer mit Attributen. Hier sind es Rahmen. Was man alles damit machen kann, schöpft Sidi Larbi Cherkaoui bis ins Detail aus. Schafft sogar eine Wunderkammer mit Familienporträts, in denen die mater familias mit Nadelstichen die wahre Natur der Personen enthüllt.

Sidi Larbi Cherkaoui versteht es, das Publikum zu verzaubern und zu fesseln in einem perfekten Aufbau von ernsten, lyrischen und komischen Zwischenspielen. Die Tänzer zeigen phänomenale Dinge wie Lappenkino, eine Charlie-Chaplin-Imitation, einen Capoeira-Kampf, es gibt auch eine Sightseeing-Tour. Er gibt auch mit, dass mittlerweile etwa 32% der belgischen Bevölkerung Migrationswurzeln haben oder eine ausländische Nationalität besitzen.

Wie in vielen seiner Aufführungen greift er auch hier auf Polyphonie zurück, auf die verschiedenen Stimmen, sanft, kraftvoll, hoch, ätherisch vibrierend, umeinander windelnd. Es erklingen wunderbare arabische und afrikanische Klänge, die Emotionen freisetzen. Töne, die in der gleichen Frequenz wie die verborgenen Plätze in deiner Seele schwingen, in einer kulturellen Reflexion. Der Reichtum anderer Kulturen. Es gibt altfranzösische Musik, eine verzerrte flämische Volkshymne und das wunderbare dreistimmige „Mijn platte land, mijn Vlaandrenland" von Jacques Brel, der eine Hassliebesbeziehung mit Flandern hatte.

Am Ende tragen die Tänzer wieder ihre schwarz/weiße Ausstattung, wirbeln um sich herum, malen sich gegenseitig im Raum. Die Synergie zwischen Tanz, Musik und Gesang ist beeindruckend. Sidi Larbi Cherkaoui macht erneut den Unterschied zwischen konzeptioneller Kunst und Kunst, die dich einfach ergreift, rein durch ihre visuelle Kraft und die zugrunde liegende Botschaft aus.

Details

Wer
choreografie: Sidi Larbi Cherkaoui, dansers: Eastman, muziek: Floris De Rycker, ensemble: Ratas del Viejo Mundo, decor: Hans Op de Beeck, kostuums: Jan-Jan Van Essche
Wo
deSingel (Antwerpen)
Gesehen am
10 Mai 2024
Bildnachweis
Filip Van roe
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