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Rezensionen

Virtuoso zwischen zwei Epochen

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· 5 Min. Lesezeit
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Virtuoso zwischen zwei Epochen

Haydn und Mozart prägen noch immer das Bild der Musik des späten achtzehnten Jahrhunderts. Dadurch geraten die vielen Musiker und Komponisten, die zwischen den großen Namen wirkten, leicht in den Hintergrund. Niccolò Mestrino (1748–1789) ist dafür ein bemerkenswertes Beispiel. Der italienische Geiger war ab 1780 als Konzertmeister in der Esterházy-Kapelle von Joseph Haydn tätig, zog später nach Paris und wurde dort von Giovanni Battista Viotti als Orchesterleiter eingesetzt. Er starb dort 1789, im Alter von erst 41 Jahren. Über sein Leben ist vergleichsweise wenig bekannt, von seiner Musik blieb nur eine begrenzte Anzahl von Werken erhalten.

Diese neue Ramée-Ausgabe holt Mestrino aus diesem Schatten hervor. Plamena Nikitassova nimmt als Solistin und künstlerische Leiterin mit Les Élémens zwei Violinkonzerte und eine Sonate für Violine und Violoncello in den Blick – Musik, die bislang kaum verfügbar war und hier erstmals auf CD eingespielt wird.

Ohne Effekthascherei

Dass Mestrino in erster Linie ein außergewöhnlicher Geiger war, wird gleich im Violinkonzert Nr. 6 in E-Dur deutlich. Die Solopartie ist anspruchsvoll, mit hohen Lagen, schnellen Passagen, großen Sprüngen und Doppelgriffen. Dennoch klingt sie bei Nikitassova an keiner Stelle wie eine Anhäufung technischer Hürden. Sie spielt leicht und geschmeidig: Die Virtuosität ist ständig präsent, wird aber nie zum Selbstzweck.

Dabei spielt auch ihr Instrument eine Rolle. Nikitassova spielt eine Geige von Nicolas Lupot aus dem Jahr 1783, die in dieser Aufnahme hell und schlank klingt, mit ausreichend Substanz, ohne schwer zu werden. In der kleinen Besetzung von Les Élémens bleibt die Solovioline eng mit dem Ensemble verbunden. Die Begleitung reagiert aufmerksam auf die Impulse der Solistin. Die stimmungsvolle Einleitung mit dunklen Streichern setzt sogleich einen charaktervollen Ton; Oboen und Hörner fügen Farbe hinzu, ohne das Klangbild zu beschweren.

Das E-Dur-Konzert macht zugleich deutlich, wo die Grenzen Mestrinos als Komponist liegen. Der erste Satz schließt formal an die klassischen Entwicklungen seiner Zeit an, doch scheint Mestrino weniger an der Entwicklung einer musikalischen Idee interessiert als an den Möglichkeiten, die er dem Solisten bieten kann. Themen dienen eher als Ausgangspunkt für neue virtuose Passagen, als dass sie weiter entfaltet werden. Dadurch verläuft die Musik flüssig und gefällig, bleibt kompositorisch aber mitunter an der Oberfläche.

Gerade deshalb bildet die Romance einen interessanten Kontrast. Hier muss Mestrino sein technisches Können nicht ständig zur Schau stellen, und die Violine erhält allen Raum zum Singen. Nikitassova gestaltet dies mit Gespür für Ausdruck und Proportion. Das anschließende Rondo bringt die Beweglichkeit und virtuose Bravour zurück, sodass die drei Sätze zusammen ein klares Bild von Mestrinos Stärken und Grenzen zeichnen.

Zwischen Salon und Konzertsaal

Die Sonate für Violine und Violoncello in D-Dur erweitert das Bild und sorgt zugleich für eine andere Hörerfahrung. Christophe Coin ist ein starker Partner für Nikitassova. Die beiden Musiker behandeln ihre Stimmen als gleichberechtigt und sind perfekt aufeinander eingespielt, wodurch die Sonate einen ausgeprägt kammermusikalischen Charakter erhält. Die Musik besitzt hier einen unmittelbaren Charme, der in der Interpretation vollständig zur Geltung kommt. Besonders das Romance Andantino überzeugt durch seine Intimität. Hier tritt weniger der virtuose Komponist hervor als ein Musiker mit Gespür für Melodie und für einen schlichten, direkten musikalischen Gedanken.

Das Violinkonzert Nr. 9 in Es-Dur knüpft stärker an die virtuose Konzertpraxis an, die sich in Frankreich rund um Viotti entwickelte. Die Solovioline erhält hier mehr Raum zum Glänzen, doch Nikitassova macht aus diesen Momenten keine Demonstration. Sie hält die Musik beweglich und elegant, auch wenn die technischen Anforderungen hoch werden, und verliert dabei nie den großen Bogen.

Der erste Satz, Maestoso, beginnt auffallend verfeinert und leicht, weniger feierlich, als die Bezeichnung vermuten lässt. Die Violine erhält allen Raum zum Singen, während das Kammerensemble sie hell und geschmeidig umgibt. Ein kurzes Zwischenspiel des Continuo bringt für einen Moment eine andere Farbe ins Geschehen. Besonders eindrucksvoll ist auch die Romance, in der das Portamento eine auffallende Rolle spielt. Die kleinen Glissandi verleihen der Violinstimme eine warme, ausdrucksvolle Geschmeidigkeit, die für heutige Ohren schnell romantischer klingt, als sie im historischen Kontext gemeint sein mag. Nikitassova setzt sie so natürlich ein, dass sie nirgends als Effekt für sich selbst wirken.

Doch hier beginnt sich auch die Wiederholung bemerkbar zu machen. Mestrino verfügt über verfeinerte Mittel, kehrt innerhalb dieses Konzerts aber regelmäßig zu ihnen zurück. Was zunächst als wiedererkennbarer Stil wirkt, verliert dadurch allmählich an Überraschung. Auch das Rondo Allegro wird mit Sorgfalt und Eleganz gespielt, vermag der Hörerfahrung aber kaum noch eine neue Richtung zu geben. Nach den vorangegangenen Sätzen hat dieses Finale deshalb etwas von mehr vom Gleichen.

Die Aufnahme aus der Martinskirche in Basel ist klar und räumlich. Die Solovioline steht deutlich im Vordergrund, ohne dass das Ensemble in den Hintergrund verschwindet. Besonders in den langsameren Sätzen funktioniert diese Balance gut: Die Musik erhält Raum, ohne ihre Intimität zu verlieren.

Ein Musiker aus dem Schatten

Als Komponist ist Mestrino zu ungleichmäßig, um ihn neben Haydn oder Mozart zu stellen. Seine Stärke liegt vor allem in der Verbindung von Virtuosität, melodischem Charme und unmittelbarem Ausdruck; wenn ein musikalischer Gedanke länger getragen und entwickelt werden muss, verliert seine Musik mitunter an Spannung. Gerade dadurch wird deutlich, wohin er gehört: an eine interessante Schnittstelle zwischen der italienischen Violintradition, dem Umfeld Haydns und der französischen Konzertpraxis rund um Viotti.

Diese Aufnahme holt diesen Musiker aus dem Schatten. Nikitassova und Les Élémens spielen Mestrino mit Eleganz und spürbarer Spielfreude und machen neugierig auf einen Komponisten, der lange Zeit außer Sichtweite blieb. Das Ergebnis ist kein vergessenes Meisterwerk, wohl aber ein überzeugendes Porträt eines Geigers, der sich an der Schnittstelle zweier musikalischer Welten befand.

Besprochene CD

Niccolo Mestrino - Violin Concertos and Chamber Music

Plamena Nikitassova, Les Elemens

Label
Ramee · RAM2503
Erscheinungsdatum
28 August 2026
Anhören Spotify Apple Music
Vollständige Angaben →

Titelliste

  1. 1 Violin Concerto No. 6 in E Major: I. Maestoso
  2. 2 Violin Concerto No. 6 in E Major: II. Romance
  3. 3 Violin Concerto No. 6 in E Major: III. Rondo Allegro
  4. 4 Sonata for Violin and Cello in D Major: I. Allegretto
  5. 5 Sonata for Violin and Cello in D Major: II. Romance Andantino
  6. 6 Sonata for Violin and Cello in D Major: III. Rondo
  7. 7 Violin Concerto No. 9 in E-Flat Major: I. Allegro
  8. 8 Violin Concerto No. 9 in E-Flat Major: II. Romance Adagio
  9. 9 Violin Concerto No. 9 in E-Flat Major: III. Rondo
  10. 10 Variations for Solo Violin in A Major: Thème varié. Moderato
  11. 11 Variations for Solo Violin in A Major: Var. I
  12. 12 Variations for Solo Violin in A Major: Var. II
  13. 13 Variations for Solo Violin in A Major: Var. III
  14. 14 Variations for Solo Violin in A Major: Var. IV
  15. 15 Variations for Solo Violin in A Major: Var. V
  16. 16 Variations for Solo Violin in A Major: Var. VI
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