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Rezensionen

Probebühnenaufführung „Particles of God" von Isabelle Beernaert

V
· 6 Min. Lesezeit
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Probebühnenaufführung „Particles of God" von Isabelle Beernaert

Das Talent von Isabelle Beernaert ist mit den Jahren gereift und kristallisiert. Wie alle andere ist sie von dem Leben geschliffen und poliert worden. Sie ist als Künstlerin auf einen Wendepunkt gekommen, an dem sie das Publikum nicht nur pleasen will, sondern es auch mit ihrer eigenen Gedankenwelt in Kontakt bringt, in einer Verschmelzung von geistiger und physischer Energie, etwas Substantielles, das sich an das Wesen unseres Seins rührt.

In Particles of God gibt es keine Songtexte, die noch einmal extra in Körpersprache umgesetzt werden, sondern abstrakte Musik, die zum Leben vibriert und ihre Tänzer in einer Bündelung von Kraft in höhere Regionen führt. Als Tänzerin und Choreografin ist Isabelle Beernaert fest in Mutter Erde verwurzelt, ihre Arme wie solide Äste einladend zum Himmel ausgebreitet. Sie erlebt Meditation als eine Ouvertüre zu einem Gelände, das das rein menschliche Wollen und Verfügen übersteigt und transzendiert. Darüber kommuniziert sie: „Ich mache meine Produktionen, um Menschen auf verschiedenen Bewusstseinsstufen zu erreichen. Tanz ist eine stille Sprache, die so viel erzählt und gleichzeitig bewegt."

Der Blick nach innen gerichtet


Die tastbare und sichtbare Welt ist Teil einer größeren und umfassenderen Welt, zu der auch das Unaussprechliche gehört. Der Mensch stört ständig das kosmische Gleichgewicht. Die Natur bleibt Herr über Herr und ist prominent in der Vorstellung vorhanden. Ihre neueste Choreografie Particles of God ist sowohl existenziell als auch poetisch. Wir bestehen alle aus demselben Stoff wie die Welt um uns herum. Für sie ist es von einem moral high ground aus eine hypnotisierende Reise zwischen Staub und Ewigkeit. Als Kontrapunkt zum Leiden haben wir Schönheit, Beernaerts' Ausdrucksmittel ist TANZ. Diese Vorstellung zeugt von einem eisernen stilistischen Bewusstsein in den bildnerischen und expressiven Möglichkeiten des Körpers.

Musikauswahl


Sie wählte überwiegend minimalistische Musik, oft mit einem ätherischen Klang. Musik von überwältigender Intensität. Isabelle Beernaert stellt das Geistige dem physischen Leben gegenüber. Eine Welt, in der das nach außen gerichtete und das nach innen gerichtete ständig nebeneinander stehen. In der Vorstellung überwiegend Live-Musik des belgischen Komponisten und Geigers Peter Bogaert, der wie ein roter Faden durch die Vorstellung läuft. Seine Musik zeichnet sich durch eine Suche aus, einen rhythmischen Postminimalismus, der dennoch die Komplexität nicht scheut. Weiterhin Werke von Philip Glass, Max Richter, J. S. Bach, Johann Johannson, Pergolesi, Peteris Vasks, gespielt von der norwegischen Top-Geierin Mari Samuelson. In der Vorstellung geht Peter Bogaert oft damit in Dialog. Dies führt zu einer wunderschönen, beeindruckenden Soundscape.
© Kim Vos / Kleding: Cortana
© Kim Vos / Kleding: Cortana

© Kim Vos / Kleding: Cortana
© Kim Vos / Kleding: Cortana

© Kim Vos / Kleding: Cortana
© Kim Vos / Kleding: Cortana

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Ein meditatives Bad


Beim Betreten des Saals sieht das Publikum einen Text auf den Vorvorhang projiziert, der etwas vorbereitet, das gezeigt werden soll. Ein tiefgründiger philosophischer Text. Die Essenz davon ist: „All of the external forms are lovely, but the real work is your inner connection".

In einer nächsten Phase wird das Publikum eingeladen, die Augen für einen meditativen Moment zu schließen, summende Stimmen mit einer glanzvollen Sopranstimme, die sich daraus erhebt, helfen dabei. Phase drei: In gefilterten Licht steht eine Figur in einem schwarzen Kimono zentral auf der Bühne positioniert. Geiger Peter Bogaert streicht sanft sein Instrument an, melodische atmosphärische Musik, die plötzlich von harten Dissonanzen durchdrungen wird. Ein Unfall oder eine Krankheit kommt auch plötzlich und unerwartet aus der Luft gefallen. Die Erde stoppt nicht, dreht sich weiter. Die Musik setzt auch wieder ganz harmonisch fort. Zwölf Tänzer, eine internationale Top-Besetzung, schreiten würdevoll auf die Bühne. Ihre Ausstattung, viele hauchdünne Stofflagen übereinander, in einer Farbpalette von Beige- und Brauntönen wirkt Orientalisch. Ein wunderschönes Handwerk der spanischen Designerin Rosa Esteva. Die Tänzer öffnen ihre Arme, beugen sich demütig, richten sich wieder auf, strecken die Arme zum Himmel reichend. Beernaert setzt alle Naturelemente ein: Wind, Sturm, Blitz, Regen, die Woge von Ebbe und Flut. Wie Blätter im Wind wirbeln die Tänzer über die Bühne. Eine wunderbar atmosphärische Beleuchtung und Wolkenformationen, die vorbeischweben, machen das Bild vollständig. Die Tänzer werden vom Wind mitgeführt oder kämpfen dagegen an. Die auffliegenden leichten Stoffe der Kostüme verleihen dem Ganzen zusätzliche Dynamik.

Beernaert baut ihre Szenografie um mehrere Kerngedanken auf: Meditation, Guiding, Like a Phoenix, Beliefs, And Sorrow, Radiant, In Broken Ashes. Zum Stabat Mater von Pergolesi steht eine Figur in der Masse und wird nicht gesehen. Man wird von der unermeßlichen Schönheit der Komposition berührt. Ein Beispiel für spirituelle Verbundenheit, ein unfaßbares Phänomen. Der Kontrast ist um so heftiger. Individuen stehen füreinander, aber sehen sich nicht, blicken aneinander vorbei. Gleichgültigkeit herrscht. Menschen verbinden sich nicht mehr miteinander noch mit der Natur. Sie läßt die Naturelemente stark zur Geltung kommen. Die Körper der Tänzer bewegen sich in der befreienden organischen Kraft, die sie mit dem Universum verbindet, aus dem sie entstanden sind. Sie versucht, ins Innere einzudringen, um dort einen Schalter umzulegen in verbindenden Momenten.


© Kim Vos / Kleidung: Cortana


© Kim Vos / Kleidung: Cortana


© Kim Vos / Kleidung: Cortana

Vielseitige Künstlerin


Beernaert zeigt ihre Vielseitigkeit in den verschiedenen Tanzstilen, die zur Geltung kommen: verfeinerte Eleganz mit anmutvollem klassischen Ballett, zeitgenössische Bodenarbeit, Yoga und Qi Gong. Andere Techniken, andere Haltungen, andere Formen voller Spannkraft und Relief. Dies mit Solowerk, Duetten, Gruppenszenen. Sehr ergreifend ist das Duett: In Broken Ashes. Beeindruckend ist die Gruppe von sechs Paaren mit gleichzeitigen Hebefiguren. Sie zaubiert auch mit Licht und Dunkelheit. Im einen Moment steht ein Tänzer auf der Bühne, das Licht geht aus, geht wieder an und die Bühne ist mit zwölf Tänzern bevölkert. Dies geschieht mehrmals in völlig anderen Figurationen. Der Geiger in seinem dunklen Kimono ist sehr präsent auf der Bühne. In bestimmten Momenten ist er Leader of the game. Er spielt vorn auf der Bühne und sein Schatten wird riesig vergrößert auf die Bühnenwand projiziert. Dagegen steht der winzige, kleine Mensch. Die Aufführung endet mit dem Lied ‚If you go away' in einer Fassung von Tout va bien. Als das Lied allmählich ausklingt, übernimmt Geiger Peter Bogaert wieder mit einem wunderschönen Schlussakkord die Sarabande von Bach in einer Bearbeitung von Peter Gregson. Die Mischform Musik/Tanz berührt.

Selbst das Verbeugen wird zu einem Kunstwerk. Eine nach der anderen wird der Name der Tänzer auf die Bühnenwand projiziert, sie kommen nach vorn, verbeugen sich, und bilden dann zusammen ein tableau vivant. Von Perfektionismus gesprochen.

Particles of God ist meiner bescheidenen Meinung nach die authentischste und reinste Kreation von Isabelle Beernaert. Sie spielt mit Extremen: Naturkraft versus das Ätherische und das Transzendente. Eine großzügige Aufführung, die die Erwartungen mehr als erfüllt. Ein Wirbel aus Musik, Licht und Bewegung. Man bleibt davon einen Moment sprachlos.


  • Künstlerische Leitung, Choreografie und Produktion: Isabelle Beernaert
  • Geiger: Peter Bogaert
  • Musik: Philip Glass, Max Richter, Bach, Johann Johannson, Pergolesi, Peteris Vasks
  • Tänzer: Annlydie Groenen, Manon Beernaert Riflettivo, Riccardo Sbrighi, Sofie Konings, Dries Verstreepen, Benjamin Herder, Isabella Halek, Finn Fransen, Emma de la O , Julia Canard, Erik Cataldo, Iuri Da Silva Costa, Klaudia Mierzejewska

Spielplan

OKTOBER

So 30
Antwerpen
Stadsschouwburg

NOVEMBER

So 13
Heist Op Den Berg
CC Zwaneberg

So 20
Oostende
Kursaal

DEZEMBER

So 4
Kortrijk
Schouwburg

JANUAR

Sa 28
Brugge
Concertgebouw

So 29
Hasselt
CC Hasselt

FEBRUAR

Fr 10
Gent
Capitole

So 19
Vilvoorde + Einführung
CC Bolwerk

MÄRZ

So 5
Turnhout
De Warande

Fr 17
Genk
C-Mine

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