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Stimmen aus der Stille – ein ergreifendes Debüt von Miguel Bonal

W
· 6 Min. Lesezeit
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Stimmen aus der Stille – ein ergreifendes Debüt von Miguel Bonal

Ein Soloalbum für Viola da gamba ohne Basso continuo oder andere Instrumente ist selbst in der Frühmusiikwelt kein alltägliches Phänomen. Wer das Instrument nur mit den langsamen, schwülen Klängen einer basse de viole in einem französischen Barockensemble assoziiert, wird auf diesem Debütalbum von Miguel Bonal sofort eines Besseren belehrt. From Silence ist keine bloße Übung in historischer Rekonstruktion, sondern ein durchdachter Parcours durch gut drei Jahrhunderte Gambamuzik – von der rauen, soldatenhaften Kühnheit von Tobias Hume bis zur verträumten Nachtstimmung von Gabriel Fauré.

Bonal, 1999 in Zaragoza geboren, studierte nacheinander an der Escola Superior de Música de Catalunya bei Emmanuel Balssa und erwarb sein Masterdiplom mit großer Auszeichnung am Koninklijk Conservatorium Den Haag bei Mieneke van der Velden. Sein Unterricht, den er durch Lektionen bei unter anderem Wieland Kuijken und Vittorio Ghielmi ergänzte, hat deutlich seine Spuren hinterlassen: dies ist kein junger Virtuose, der seine technischen Muskeln zur Schau stellen kommt, sondern ein Musiker, der weiß, was er erzählen will und wie er das tun muss.

Eine durchdachte Dramaturgie

Die Programmwahl ist zunächst überraschend, aber bei näherem Hinsehen kohärent. Captain Humes Pavin von Tobias Hume (1569-1645) eröffnet die Scheibe mit einer straffen rhythmischen Aussagekraft, die die Gamba sofort ihres delikaten Images entledigt. Bonal spielt dies mit einer direkten, aber warm geladenen Energie, die die nahezu militärisch gefärbte Rhetorik des Komponisten greifbar macht. Von den ersten Takten an ist der Ton gesetzt: die Instrumentalstimme steht scharf im Raum, getragen von einer Akustik, die jedes Detail atmen lässt, ohne die Schärfe zu verlieren.

Danach folgt die Sonate in D majeur von Georg Philipp Telemann (1681-1767), in der er wie so oft die französische Eleganz, die italienische Cantabile und die deutsche kontrapunktische Klarheit in einer Stilsprache verschmilzt. Bonal nutzt diese hybride Natur als Ausgangspunkt für eine spielerische, aber kontrollierte Lesart. In den fünf kurzen Teilen entfaltet sich eine breite Palette von Charakterwechseln: das Recitativo bekommt etwas von gesprochener Rhetorik, während das Vivace in einen federnden, fast tänzerischen Energiestrom mündet.

Les Voix humaines von Marin Marais (1656-1728) bildet zweifellos das emotionale Herz der ersten Hälfte. Bonal spielt dieses verhaltene Charakterstück mit einer selbstverständlichen Beherrschung, die sofort überzeugt. Er sucht nach keinem Effekt, sondern nach einer inneren Stille, in der sich die Musik selbst entfalten darf. Die Spannung scheint nicht konstruiert, sondern in der Musik selbst vorhanden zu sein, als ob sie bereits im Klanggewebe eingeschlossen läge. Sie kommt und geht ohne Nachdruck, aber lässt gerade deshalb einen subtilen Nachklang zurück, der weiterhin wirkt.

Die Sonate in d mineur aus den Scherzi Musicali von Johannes Schenck (1660-ca. 1712) stellt andere Anforderungen: Doppelgriffe, Abwärtsverschiebungen und eine deklamatorische Aussagekraft, die typisch für diesen deutsch-niederländischen Idiom ist. Bonal überwindet diese technischen Herausforderungen mit bemerkenswerte Leichtigkeit und verliert dabei nie die musikalische Linie aus den Augen.

Zwischen diesen größeren Gesten entfaltet sich eine intimere, galante Schicht: das lyrische Arpeggiata aus dem Drexel-Manuskript von Carl Friedrich Abel (1723-1787), das den Übergang zur Bach-Suite mit einer weichen, fast improvisatorischen Färbung vorbereitet.

Bach als Krönung des Ganzen

Die Suite Nr. 2 in d-Moll, BWV 1008, von Johann Sebastian Bach (1685-1750) ist das einzige Werk auf diesem Programm, das jeder kennt – oder zu kennen meint. Gerade das macht die Wahl interessant. Denn auf der Viola da gamba klingt das Vertraute plötzlich anders: das Instrument hat mehr Saiten, eine andere Bogenführung, eine andere Körpersprache. Keine Imitation des Violoncellos, sondern eine Neuinterpretation – und Bonal nutzt diesen Raum.

Seine Lesart vermeidet jedes Gefühl von Rekonstruktion und macht aus der Suite eher eine Studie in Atem und Gewicht als in Virtuosität. Das Prélude entfaltet sich weniger als motorische Geste als vielmehr als eine Reihe leicht verschiebender Spannungsfelder. Die Sarabande zieht sich in einen nahezu immateriellen Kern zurück, in dem jeder Ton nicht so sehr klingt als vielmehr im Raum stehen bleibt. In der Gigue wird diese Introspektive nicht durchbrochen, sondern entfaltet: die Bewegung bleibt klar, trägt aber eine Unterströmung der Zurückhaltung, die das ganze Werk färbt.

Mut belohnt

Der größte Sprung im Programm kommt mit den zwei Transkriptionen am Schluss der Aufnahme. Recuerdos de la Alhambra – jenes berühmte Gitarrenstück von Francisco Tárrega (1852-1909), dessen Tremolotechnik das Erkennungszeichen bildet – wird von Bonal mit Bogen gespielt, wobei er das Tremolo in eine anhaltende, fließende Bogenführung umsetzt. Das Ergebnis ist überraschend überzeugend: die hypnotische Atmosphäre bleibt bewahrt, und es entsteht eine Klangwelt, die die Gitarrenversion nicht imitiert, sondern zu etwas Neuem hin öffnet.

Es folgen das kontemplative Adagio in D major (ebenfalls aus Abels Drexel-Manuskript) und Humes elegisches Loves Farewell, die nach dem Ausflug zu Tárrega das Programm zurück in eine ruhigere, lyrischere Atmosphäre leiten.

Der Abschluss mit Après un rêve von Gabriel Fauré (1845-1924) – begleitet von Jeremy Nastasi auf Laute – ist der lyrischste Moment der gesamten Aufnahme. Die Gambe singt die Melodielinie mit einer Sanftheit, die an die besten Mezzosoprane erinnert, und die Begleitung unterstützt ohne zu überwiegen. Wer dachte, dass Viola da Gamba und spätromatisches Lied eine unwahrscheinliche Verbindung darstellen, hört hier, wie natürlich sich dieses Repertoire zur Gambe übersetzen lässt.

Nach der Stille

From Silence ist ein Debüt, das sofort ein Statement darstellt. Miguel Bonal zeigt sich nicht nur als Instrumentalist mit vollständiger Beherrschung seines Instruments, sondern vor allem als Musiker mit einer klaren künstlerischen Vision. Das Album wurde in der Capella de la Esperanza in Barcelona aufgenommen mit einer Akustik, die die Viola da Gamba wunderbar zur Geltung bringt – warm, klar, ohne den Hallraum, der oft Barock-Aufnahmen beherrscht. Carlos Bonal Asensios begleitender Text situiert das Repertoire gedegen und vermeidet die übliche Hagiographie. Alpha Classics hat daraus eine hochwertige Produktion gemacht.

Kurz gesagt: ein Album, das man nicht so schnell ausgehört hat, sondern das sich bei jedem Hören weiter öffnet. Selten habe ich einen Gambisten dieser Generation mit solcher musikalischer Reife debütieren hören. Miguel Bonal ist ein Name, den man sich merken sollte.

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From Silence
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