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Rezensionen

'Requiem pour L' ergreifend schön

V
· 5 Min. Lesezeit
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'Requiem pour L' ergreifend schön

Dieses Werk hatte seine Weltpremiere zu Beginn dieses Jahres bei den Berliner Festspiele. Eine neue Produktion des Duos Alain Platel & Fabrizio Cassol wird immer sehnsüchtig begrüßt. Sie arbeiteten bereits zusammen an den Mariavespern (vsprs 2006), der Matthäus Passion von Bach (pitié 2008) und dem westlichen BarockRepertoire (Coupe Fatale 2014).

Beide finden sich darin, neue Geschichten auf der Grundlage bekannten Materials zu schaffen, das vielfach zum klassischen europäischen Repertoire gehört. Ihre Partnerschaft bleibt überraschend und bezaubernd. Mozarts Requiem war bei seinem Tod unvollendet. Auf Bitte seiner Witwe Konstanza wurde das Werk von Franz Xaver Süssmayer vollendet. Dass die Partitur unvollendet war, ermöglichte es Cassol, in das „Requiem" einzubrechen. Aber auch das Original bearbeitete er. Er schuf eine eigene Klangwelt, die sich von Musik aus Afrika, Indien… speist, die immer mit Formen der Spiritualität verbunden waren. Der massive Chorgesang musste einzelnen Stimmen Platz machen. Vierzehn Musiker aus verschiedenen Kontinenten rekonstruieren Mozarts Requiem, indem sie es mit Jazz, Oper und populärer afrikanischer Musik verschmelzen. Kein symphonisches Orchester, sondern als Instrumentarium: eine Akkordeon (Joao Barradas), Elektrogitarre (Kojack Kossakamvwe), Euphonium (Niels van Heerum), Likembe (Bouton Kalanda, Erick Ngoya und Silva Makengo) und Schlagzeug (Michel Seba), Gitarre und E-Bass (Rodriguez Vangama). Unter der inspirierenden Leitung von Alain Platel resultiert dieses „Requiem pour L" in einer unvergleichlichen Wärme und überwältigender Kraft. In diesem Werk beschwören Alain Platel und Fabrizio Cassol gewissermaßen die Macht, die der Tod über uns hat. Die magische Brücke zwischen zwei Welten: Leben und Tod.

Diese Welt existierte bereits, als wir geboren wurden, und bleibt bestehen, wenn wir nicht mehr unter den Lebenden sind. Es gibt für jeden einen Anfangs- und einen Endpunkt. Platel muss keine Wirklichkeit erfinden. Sterben kann in Schmerz und Agonie geschehen, aber auch ergeben und dankbar für ein schönes Leben. Das Publikum erlebt die letzten Stunden einer Frau in einer gelassenen Projektion mit. Die Kamera registriert als stille und respektvolle Zeugin. Ringsum eine Welt von Menschen, die sie liebten und liebevoll Abschied nehmen. L. wusste, dass sie sterben würde, und stimmte zu, gefilmt zu werden und das Bildmaterial in die Produktion zu integrieren. Daher Requiem pour L eine Hommage an diese Frau und im weiteren Sinne ein Requiem pour Elles an alle Frauen, an alle Menschen, an das Leben, von dem Sterben ein Teil ist.

Bühnenbild

Eine große weiße Projektionsfläche, davor ein paar Reihen grauer rechteckiger Objekte, die stufenweise ansteigen. Sofort gibt es die Assoziation mit dem riesigen Feld betonner Blöcke des Holocaust-Mahnmals in Berlin zwischen dem Brandenburger Tor und dem Potsdammer Platz.

Der Akkordeonist betritt die Bühne und spielt einen befremdlichen Rhythmus. Allmählich tröpfeln die Schauspieler/Sänger und Instrumentalisten auf die Bühne und wandeln zwischen den Würfeln umher. Legen dort Steine auf, wie Juden es tun. Wir befinden uns auf einem Friedhof. Die Ausstattung um die Leinwand ist wie ein Gemälde mit meisterhaften Linien, koloriert mit Emotionen, Liedern, die ein allgemeines Bild der Welt und des Lebens geben. Eine vibrierende Masse bewegender Körper, warme und wohlklingende Stimmen, tanzend in einer Explosion vokalen Feuerwerks.

Die intime Kohärenz dieser Wirklichkeit erhält durch die Musik Substanz. Musik als heilsame, heilende Balsam auf die Dinge, die jeden von uns innerlich schmerzen. Die Musik resoniert mit den Bildern auf der Leinwand. Man sieht die ganze Zeit nur das Gesicht und den Oberkörper der sterbenden Frau. Es gibt Menschen um sie herum in stiller Nähe. Das sieht man an einer schmetterlingsleichten, streichelnden Hand auf ihrem Oberarm. Jemand, der sie umarmt und noch ein Lächeln auf ihr Gesicht zaubert. Ihre Augen sind größtenteils geschlossen. Hin und wieder schaut sie sich um. Ihre dunklen Augen leuchten in ihrem blassen Gesicht auf. Abschied nehmen in konvergierenden Linien mit anderen Kulturen. Dem bewegungslosen Körper auf der Leinwand gegenüber ist es auf der Bühne voller Bewegung von Körpern. Die Musik folgt einer unvorhersehbaren Bahn. Mozarts „Requiem" scheint darin wie Sonnenstrahlen hindurch, die durch einen Wald gefiltert werden. Boule Mpanya, Fredy Massamba, Rusell Tsiebua: Gesang und Nobulumko Mngxekeza, Owen Metsileng, Stephen Diaz und Rodrigo Fereira, Lyrischer Gesang lassen die verschiedenen Melodien nahtlos ineinander übergehen. Aufgeführt von Künstlern mit einer besonderen Affinität zur afrikanischen Musik. Sie sitzt in ihren Genen verwoben. Durch die Extrapolation von Gefühlen entsteht ein Zweiteiliges. Der beherrschte Abschied des Westlers gegenüber der Extrovertierheit der Afrikaner. Der Kampf zwischen Liebe und Tod angesichts der ambivalenten menschlichen Natur.

Wenn sich ihr Ende nähert, entlockt Niels Van Heertum seinem Euphonium fremde Geräusche wie ein Herold des Todes. Gegen Ende geben der Akkordeonist und der Euphoniumspieler den Herzschlag der Frau wieder: langsamer, unregelmäßiger, stockend. Musik und Gesang verstummen mehrfach: Man hört nur noch ihren Atem… immer stiller. Man ist Zeuge, wie die Frau allmählich in den Tod hinübergleitet, ihr Mund fällt offen. Geliebte streicheln unbeholfen und zart ihr Gesicht. Ich habe selten einen vollen Saal so mäuschenstill erlebt, gefangen in dem Kokon dieses intimen Geschehens. Am Ende erklingt a capella das wunderbare Miserere in einer Mischung aus Reinheit und Tragik. Als Orgelpunkt der Vorstellung tanzt die ganze Besetzung noch eine Art herausfordernden Kampftanz. Das Leben geht weiter wie in einer Wellenbewegung. Geboren werden und sterben.

Eine Aufführung, die auf der Netzhaut nachglänzt, aber auch emotional durch ihre leidenschaftliche Intensität, Schönheit und besonnene Ruhe. Alain Platel und Fabrizio Cassol entlassen das Publikum mit unendlichem Frieden nach Hause.


  • WAS: Requiem pour L
  • WER: Les ballets C de la B / Festival de Marseille / Berliner, Musik Fabrizio Cassol nach dem Requiem von Mozart, Szenographie Alain Platel
  • WO: deSingel, Antwerpen
  • WANN: Donnerstag, 8. März 2018
  • Fotos: © Chris Van der Burgh
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