Die Aufführung findet auf dem wunderschönen Anwesen von Prinz Simon de Merode statt.
Der Adel ist eine separate Zelle in der Gesellschaft, die bis vor kurzem viel Macht hatte. Die Familie de Merode ist eine der 5 fürstlichen Familien des hohen belgischen Adels. Alle heutigen Merodes stammen von Pierre-Béranger, dem dritten Bruder von Alphonse II., König von Aragonien, ab. Seine Stammreihe geht somit ganze 27 Generationen zurück. Bei Adel denken wir sofort an Wohlstand. Müssen wir diesen „Reichtum" mit Vermögenswerten füllen oder eher mit geistigem Reichtum, oder mit beiden? Er wurde mit den Werten und Kriterien der adeligen Familie „noblesse oblige" erzogen. Seit 2006 unterliegt das wunderschöne Schloss de Merode seiner Verantwortung. Der heutige Schlossherr unterhalten und modernisiert die Gebäude. Ein gewöhnliches Haus zu unterhalten ist bereits eine Aufgabe, geschweige denn ein Schloss mit den umliegenden Ländereien. Das kostet Geld, Säcke voll Geld. Dank des Vereins Freunde des Schlosses von Westerlo wurden 2013 großangelegte Renovierungsprojekte gestartet.
Viele Personen von Adel oder wohlhabende Menschen traten früher und auch heute noch als Mäzene für Künstler aller Art auf. Simon de Merode ist ein Unternehmer im Herzen und der Erfinder, Inspirator und Organisator von Historalia. Dies in einem Bewusstseinsstrom, einer Art Verpflichtung gegenüber früheren Generationen. Er möchte historische Orte wieder zum Leben erwecken. Historalia wählt ein Repertoire, das sich zwischen Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft einnistet.
Nach den erfolgreichen Musicals „Marie-Antoinette", „Albert I", „Rubens", „1830" und „Jeanne d'Arc" präsentiert Historalia jetzt
NAPOLEON
Die Besucher bekamen Mittwochabend zwei Spektakel zum Preis von einem. Die Sonnenfinsternis und der komplexe Lebenslauf und die Geschichte dieses Feldherrn in Höhepunkten und Desastern verdichtet zu einer Aufführung von über 3 Stunden mit einer beeindruckenden Besetzung von 140 Personen. Napoleon, in diesem Zeitraum eine nahe liegende Figur mit einigen Staatsoberhäuptern, die sich ebenfalls für Gott halten. Es gibt viele Parallelen zu ziehen. Die Bühne wird zu einem Zeittreffpunkt mit historischen Kostümen und Resonanz mit der heutigen Welt. Die Geschichte wiederholt sich immer wieder!
Dekor und Kostümierung
Das Dekor ist eine geneigte Ebene in einer umgekehrten V-Form mit zwei Klappen in der Mitte, durch die schnell viel Volk auf- und abtreten kann, neben côté cour und côté jardin. Hier und da sind holzerne, beschädigte Räder zu sehen (später macht man die Assoziation mit Wagen, die die Kanonen fortziehen mussten), Köpfe gefallener Pferde und ganz hinten ein silberner Zweig eines Lorbeerkranzes und dahinter die eleganten Konturen des Schlosses.
Eine geneigte Ebene zu bespielen ist für Schauspieler, Sänger und Tänzer eine zusätzliche Aufgabe. Diese Aufstellung ist gut durchdacht von Bühnenbildner Eric Van Der Palen und bietet während der Aufführung visuell beeindruckende Bilder von Kriegsszenen. Links und rechts befinden sich noch zwei kleine Spielflächen, darunter das Boudoir von Joséphine.
Für die Kostümierung wurde Elvira Van Bavinckhoven engagiert und sie ist eine Augenweide. Make-up-Künstlerin Virginie Verpoucke sorgte mit Auge für Detail für die komplizierten Frisuren und Perücken.
Spielleitung und Spiel
Jef Hoogmartens kristallisierte aus dem außergewöhnlichen Parcours von Napoleon eine handhabbare Geschichte heraus und Jelle Cleymans sorgte für die Liedtexte in einer gegenseitig verflochtenen, inspirierenden Musikgeschichte. Napoleon reflektiert über sozialpolitische Strömungen, Stolz und Menschenrechte, Entwurzelung und Individualität. Musikdirektor Sam Gevers komponierte die Musik in einem breiten Spektrum von Stimmungen und Farben mit einigen schönen Ausreißern. Regisseur Luc Stevens lieferte ein Meisterstück ab. Seine Erfahrung mit anderen großangelegten Spektakeln hat er auch hier eingesetzt. So eine Masse an Menschen in Bewegung zu halten ist nicht jedem gegeben. Das Dekor wird so erfindungsreich wie möglich genutzt, zusammen mit Roy Jonathans, der sich um die Choreografien kümmerte.
Man kann nicht sagen, dass „Napoleon" schlecht ist, aber es hätte mehr sein können. War es der Druck der Premiere, aber Jelle Cleymans überzeugt nicht ganz als junger Revolutionär und Draufgänger. Der ehrgeizige, starke Mann, Visionär, der sich rücksichtslos an die Spitze arbeitete, aber wachsweich in den Händen einer Frau ist. Das Glück ist wurmstichig. Während er die eine Schlacht nach der anderen liefert, amüsiert sich seine Ehefrau Joséphine, verkörpert durch die Niederländerin Piek Van Der Kaaden, mit anderen Herren, ihren Bonbons, eine Schauspielerin/Sängerin mit einer reizvollen sinnlichen Energie.
Während des Duetts „Dolce Amore" mit seiner frischen Braut Joséphine singt und tanzt der immense Chor mit und erfasst den ganzen Raum. Der Tanz hat einen spanischen Hauch und sieht sehr schön aus, wenn sie gleichzeitige Armbewegungen machen, aber zwischendurch machen alle mit den Armen, was tun, und das ist äußerst chaotisch! „In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister". Die Feldschlacht, Mann gegen Mann, ist dann wieder brillant orchestriert und illustriert die Grausamkeit der Kriegsführung. Der Gesangskommentar von Murat: „Wer denkt im Krieg an Ästhetik?" kommt scharf an. Der Zuschauer bekommt etwas Faktenmaterial aus Napoleons Feldzügen mit. Wir können uns das kaum vorstellen: Seine Soldaten mussten, bepackt, 30 km pro Tag vom einen Schlachtfeld zum anderen marschieren.
Karin Jacobs als Napoleons Mutter hat keine große Rolle, aber sie zeigt eine starke und überzeugende Leistung. Eine unerschütterliche Dame mit Willensstärke und Lebensweisheit. Auch sängerisch macht sie Eindruck.
Erik Goris als politieke figuur Talleyrand steht da wie ein Haus: beherrscht, prominent präsent. Ein Mann, der manipuliert, aber auch Dinge und Personen durchschaut. Ebenso glaubwürdig ist Jervin Weckx als politische Figur Murat, und er hat schöne Gesangspartien. Ludo Hoogmartens verkörpert eine Doppelrolle: Barras und Zar Alexander. Wout Selles spielt die Rolle von Lannes, sozusagen die rechte Hand Napoleons, und Melia Loi ist als Eléonore zu sehen, die Kammermädchen und Ankleiderin von Joséphine und Prinzessin Marie-Louise.
Mit einer Ansprache Napoleons werden die Soldaten und das einfache Volk getäuscht. Die Musketenschüsse knallen herrlich. Große Siege wie die Schlacht von Austerlitz, bei der er die vereinigten Armeen Russlands und Österreichs besiegte, werden thematisiert. Junge Menschen fallen zu Hunderten, fallen wie Fliegen. Die Schräge verstärkt die Dimension des Massakers. Der Wahnsinn des Krieges!
Der Ruhm seiner Feldzüge geht von Mund zu Mund. Napoleon wird eingeredet, sich gegen das mächtige Direktorium zu widersetzen. Das Schreckensregime, das die Macht zur wohlhabenden Bourgeoisie brachte. Das Regime kämpfte mit großer Korruption und stützte sich stark auf die Armee. Er führt einen Staatsstreich durch, unterstützt von einem Teil der Soldaten; die andere Hälfte überredet er. Darauf folgt ein großes Volksfest in einem Reigentanz auf der riesigen Bühne. Lied und Choreografie sind etwas infantil, über the top. Es lehnt sich an eine Parodie an. Auch hier wieder: Less is more.
Napoleon verfällt dem Größenwahn und lässt sich zum Kaiser krönen.
Besonders pikant ist Napoleons Duett mit Zar Alexander; mit leichten Hüpfschritten machen sie eine Parodie auf die Ernsthaftigkeit der Situation. Kurz darauf wird Freund Zar Alexander zum Feind. Auch Russland will Napoleon unter seine Kontrolle bringen. Er bekommt Gegenwind von seinem Gefolge, aber sein Machtdurst ist nicht mehr zu bändigen. Er findet mühelos Argumente, um seine Macht und Gewalt zu legitimieren, und dreht dem Volk einen Bären auf. Bei dieser Mission scheitert er jedoch. Das Publikum sieht ein schönes und poetisches Bühnenbild. Es rieselt Schneefall in Westerlo bei einer Temperatur von 25 Grad! Napoleon sieht, dass es schiefgeht. Anstatt seine Soldaten zu unterstützen, flieht er mit eingezogener Schwanz an sicherere Orte, während die Jungen an Wunden und beißender Kälte sterben.
Seine Mutter hat ihm inzwischen mitgeteilt, dass seine schöne Joséphine nicht abgeneigt ist, etwas Schiefes zu versuchen. Dieses Reich wird von kurzer Dauer sein, weil keine Kinder geboren werden und er keinen männlichen Thronfolger hat. In französischer Wut wirft er Joséphine hinaus und knüpft an mit der Kammerdienerin seiner Frau, die ihm später einen Sohn schenkt. Zunächst ist er begeistert vom Kind, aber kurz darauf will er sie nie wiedersehen, denn das Kind ist ein Bastard. Er holt Joséphine wieder herein. Seine Mutter macht ihm klar, dass er dringend einen legitimen Thronfolger braucht. Er heiratet erneut eine junge österreichische Prinzessin und Joséphine wird beiseitegeschoben. Eine der schönsten und eindrucksvollsten Szenen ist das Lied Joséphines "Wie wagst du", in dem sie ihre ganze Frustration, Hass und Liebe ausdrückt. Sie erlebt die Musik mit jeder Faser ihres Körpers. Innere Turbulenzen werden mit Ausdruckskraft erfüllt. Eine Interpretation, die noch lange nachwirkt.
Dann begeht Napoleon den ultimativen Fehler: Waterloo. Seine Armee wird von einer großen Koalition von Armeen in die Pfanne gehauen: der britisch-alliierte Armee und der preußischen Armee. Auch hier wieder ein herrliches Lied und straffe Choreografie, aufgeführt von einer erstaunlichen Gruppe von Tänzern/Sängern. Die Choreografien mit den Soldaten spiegeln Kraft, Widerstandsfähigkeit, aber auch Verletzlichkeit wider. Ein Feuerwerk für Auge und Ohr. Ergreifender Realismus mit einer zeitgenössischen Note.
Je mehr Napoleons Führung schwindet, desto mehr färbt sich der Lorbeerkranz allmählich rostfarben. Nichts wird dem Zufall überlassen; jedes Detail wird genutzt.
Dann ist für Talleyrand das Maß voll und Napoleon wird auf die Insel Elba verbannt. Das Endbild nach dem Winken lässt einen kurz nach Luft schnappen. Eine leere Szene/Schlachtfeld voller Gewehre mit Bajonett. Es lässt Raum für die eigene Fantasie.
'Napoleon' ist eine Reise durch die Geschichte. Hut ab vor allen Performern, die bei diesen tropischen Temperaturen in schweren Kostümen und Perücken unter den Scheinwerfern das Beste aus sich herausholen. Auch die vielen Mitarbeiter hinter den Kulissen verdienen diesen Respekt. Wer großartige Freilufteventspektakel liebt, kommt sicher auf seine Kosten. Noch bis zum 19. September.
Ein Think Tank innerhalb Historalia arbeitet bereits an einer neuen Produktion. Nächstes Jahr ist 'Maria von Burgund – die letzte Herzogin' im Schloss Wijnendale zu sehen
















