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Rezensionen

Opéra National de Lyon: Verdi-Festival

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· 7 Min. Lesezeit
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Opéra National de Lyon: Verdi-Festival

Das jährliche Mini-Festival der Opéra de Lyon (seit vielen Jahren erfolgreich geleitet vom Flame Serge Dorny), das gewöhnlich ein weniger bekanntes Repertoire präsentiert, war dieses Jahr Verdi gewidmet. Auf dem Programm Macbeth, Don Carlos in der ursprünglichen französischen Fassung, komponiert für die Parijse Opéra, und Attila. Mit diesem Festival wollte Lyon auch seinen neuen Generalmusikdirektor in den Fokus rücken: den jungen Mailänder Daniele Rustioni, der die drei Opern dirigierte.

Die ganze Aufmerksamkeit galt naturgemäß Don Carlos in seiner vollständigen, heute so gut wie nie mehr aufgeführten Fassung. Die Inszenierung wurde Christophe Honoré anvertraut, der sich bislang vor allem im Theater und Film einen Namen gemacht hat und in Lyon bereits seine Versionen von Dialogues des Carmélites und Pelléas et Mélisande präsentieren durfte. Nach eigenem Bekunden wollte Honoré die ganze Theater-Maschinerie in Bewegung setzen: Vorhänge, Fallklappen, Dekorationsstücke, Tücher usw. und die Oper so darstellen, als würden Menschen von heute die Geschichte erzählen und deren Zeitlosigkeit aufzeigen. Ich muss ehrlich bekennen, dass mich das Ergebnis nicht überzeugen konnte. Das Bühnenbild von Alban Ho Van, in dem Schwarz dominiert (Beleuchtung Dominique Bruguière), besteht hauptsächlich aus immensen beweglichen Vorhängen. Es gibt ein paar große bemalte Paneele mit einem gekreuzigten Christus und Maria für die Szenen im Kloster von Saint-Just, eine riesige dunkle Zelle für Carlos und für die Autodafé-Szene ein Gebäude mit drei Galerien, das jede dramatische Aktion (allerdings im Libretto vorgesehen) unmöglich macht. Die Kostüme (Pascaline Chavanne) kombinieren Stile und Epochen und sorgen mehr als einmal für Stirnrunzeln (die frechen Damen des spanischen Hofes!). In diesem Rahmen, der nicht wirklich inspiriert, variiert die Regie der Protagonisten und des Chores je nach Szene mit unterschiedlichen Ergebnissen: sehr überzeugend in der Szene mit den Holzfällern, die die Aufführung eröffnet, ziemlich unerwartet für die Szene in den Gärten von Saint-Just, eher störend und sogar lächerlich in der Autodafé-Szene und verwirrend für die Szene des „Ballet de la reine". Was das Ballett selbst betrifft: welche Idee, dieses galante Divertissement in einen Kampf von vier halbnackten Tänzern zu verwandeln, die sich in alle möglichen Verrenkungen verdrehen und sich aneinander zu schaffen machen unter und in herabströmendem Wasser (Choreografie Ashley Wright). Die Bühnenfiguren haben insgesamt ein gutes und richtiges Profil mit Ausnahme der Prinzessin Eboli, die hier als eine eher vulgäre Verführerin dargestellt wird, die zudem in einem Rollstuhl sitzt!

Das Ensemble wird beherrscht von Michele Pertusi als Philipp II., Monarch mit Autorität, strenger Vater, desillusionierter Ehemann und verletzlicher Mann angesichts der Macht der Kirche, ein Sänger mit edler, sonorer Stimme, expressiver Vortragweise und vorzüglichem Französisch. Stéphane Degout, der als Posa debütiert, macht einmal mehr Eindruck durch seine Musikalität, seine Phrasierkunst, seine klare Textprojektion, seinen vornehmen Gesang, bleibt aber doch etwas zu diskret. Sergey Romanovsky zeigt einen eher schüchternen und rührenden Carlos, doch entschlossen gegenüber seinem Vater, und singt mit einem geschmeidigen und gut beherrschten Tenor. Roberto Scandiuzzi leiht seine immer noch beeindruckende Bassstimme dem dominierenden und drohenden Großinquisitor. Elisabeth de Valois findet in Sally Matthews eine sensible Interpretin, verliebte Frau und Opfer, würdige und zarte Königin, sich ihrer Pflicht bewusst, und singt mit breitem Sopran und deutlichem Vibrato. Eve-Maud Hubeaux gibt der Prinzessin Eboli Jugendlichkeit und Temperament und überzeugt das Publikum mit ihrem geschmeidigen und kräftigen Mezzo-Sopran und ihrer engagierten Interpretation. Gute Leistungen von Patrick Bolleire (ein Mönch) und Jeanne Mendoche (Thibault). Die Chöre und das Orchester der Opéra de Lyon behaupten sich tapfer. Die Leitung von Daniele Rustioni verliert während der langen Stunden, in denen er uns durch diese Fassung führt, keinen Moment an Kraft; er leitet sie mit viel Gefühl und Subtilität und lässt uns den Reichtum der Partitur, die Farben und Kontraste, die Atmosphäre, die Poesie und die dramatische Kraft entdecken.

Die beiden anderen Opern auf dem Spielplan neben Don Carlos (1867) entstanden etwa zwanzig Jahre früher. Und obwohl zwischen Attila (1846) und Macbeth (1847) nur ein Jahr liegt, ist die Gegenüberstellung der drei Partituren mehr als interessant und bot Daniele Rustioni und seinem Orchester viel Gelegenheit, ihre Interpretationen zu beleuchten. Mit viel Elan und Dynamik packte Rustioni Attila an und ließ uns eine stürmische Lesart dieser Oper des jungen Verdi hören, aber sorgte auch für schöne lyrische Momente und subtile beschreibende Seiten (aufgehende Sonne, Mondnacht). Auf diese Weise erhielten auch in dieser konzertanten Fassung Aquilea und die Adria vor unseren Augen Form, und die Konfrontation zwischen Hunnen und Römern wurde lebendig. Dies natürlich auch dank des Engagements und der Interpretation der Solisten, allen voran der Bass Dmitri Oulianov, der Attila Autorität und Temperament verlieh, triumphierend und verraten, singend mit einer homogenen und soliden Bassstimme, die auch subtil zu nuancieren vermochte. Odabella fand in Tatiana Serjan eine Interpretin mit großer dramatischer und expressiver Kraft und einer stahlharten Sopranstimme, die die anspruchsvolle Partie virtuos beherrschte. Alexeï Markov lieh dem Römer Ezio, der von der Herrschaft über Italien träumt, seinen geschmeidigen Bariton und eleganten Gesangsstil und war ein würdiger Gegner des Hunnen-Anführers in ihren Konfrontationen. Foresto hatte den lyrischen und klaren Tenor von Massimo Giordano, der manchmal an Kraft mangelte, aber eine engagierte Interpretation bot. Gute Leistungen der Chöre in ihren verschiedenen Rollen.

„Macbeth" wurde in der Produktion der Opéra de Lyon aus 2012 präsentiert in einer Inszenierung des gefeierten flämischen Regisseurs Ivo van Hove, Bühnenbild und Beleuchtung von Jan Versweyveld, Kostüme Wojciech Dziedzic, Video Tal Yarden. Es ist eine Produktion, die mit großem Professionalismus realisiert wurde, visuell oft beeindruckend, aber die auch eine Reihe von Fragen aufwirft. Für Ivo van Hove ist Macht nicht in der Politik zu suchen, sondern in der Finanzwelt. Er verlegt daher die ganze Handlung in einen großen Börsenhandelsplatz voller Computer und Touchscreens, wo die Arbeitnehmerinnen die Rolle der Hexen erfüllen. In diesem Kontext ist es oft schwierig, den Ablauf des Dramas einzuordnen (z.B. der Mord an Duncan, der offenbar von seiner Enkelin begleitet wird, die Szene mit den Hexen oder das Ende der Oper, wenn die Truppen von Malcolm sich in die indignados von Occupy Wallstreet verwandeln und Macbeth (der selbst seiner Lady den Hals umgedreht hat) als trauriger Zeuge daneben sitzt. Die vielen Videobilder sind manchmal zu aufdringlich, aber auch besonders suggestiv (die Ermordung von Banco oder die Szene der Erscheinungen). Ich muss zugeben, dass die Aufführung besonders gut inszeniert ist und dass die Führung der Sänger und der Chöre bemerkenswert ist, auch wenn sie nicht immer überzeugend ist. In der Titelrolle liefert der Bariton Elchin Azizov eine schöne Leistung: klare, schön gefärbte Stimme, warm in der Farbe, expressive und nuancierte Gesang und überzeugender Schauspieler. Seine Lady Macbeth hatte die schöne Erscheinung und den muskulösen Sopran von Susanna Branchini, eine engagierte Interpretin, der aber etwas Persönlichkeit und Kraft fehlte. Als Banco ließ Roberto Scandiuzzi seinen immer noch sonoren Bass erklingen. Arseny Yakovlev (Macduff), der seinen Auftritt prima begonnen hatte, bekam offenbar Probleme, als er seine bekannte Arie „Ah, la paterna mano" ansetzen musste. Louis Zaitoun war ein Leichtgewicht Malcolm, Patrick Bolleire (Arzt) und Clémence Poussin (Hofdame) machten ihre Sache prima. Die Chöre der Opéra de Lyon (Leiter Marco Obzic) leisteten in ihren verschiedenen Funktionen prima. Daniele Rustioni leitete das gut disponierte Orchester mit Enthusiasmus, vermisste aber manchmal etwas Präzision und Nuancen.

Dieses Verdi-Wochenende wurde auch voller Begeisterung von einer großen Gruppe der Vrienden van Opera Ballet Vlaanderen unter der inspirierenden Leitung von Peter van Damme und mit Erläuterungen durch Jan Vandenhouwe, Dramaturge bei Ivo van Hove's Inszenierung von Macbeth und zukünftiger Intendant von Opera Vlaanderen, besucht.


  • WAS: Minifestival Opéra de Lyon (Macbeth, Don Carlos, Attila
  • WER: Ivo van Hove, Louis Zaitoun, Patrick Bolleire, Clémence Poussin, Marco Obzic, Tal Yarden, Wojciech Dziedzic, Jan Versweyveld, Massimo Giordani, Daniele Rustione, Jeanne Mendoche, ...
  • WO: Lyon (Frankreich)
  • WANN: April 2018
  • Foto:© JP Maurin
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