Nach dem Tod des Sonnenkönigs Ludwig XIV. wurde der fünfjährige Ururenkel Ludwig von Anjou zum Ludwig XV. gekrönt. Der junge König erbte ein Frankreich mit ernsthaften finanziellen Problemen. Regent Philipp II. von Orléans schaffte es, etwas Ordnung zu schaffen, aber die päpstliche Unigenitus-Bulle lastete auf Frankreich und teilte das Land. Absolute Macht war für Ludwig XV. nicht drin. Und le Grand Siècle für die Musik und die Künste war vorbei.
Trotz der finanziellen Einschränkungen, des aufständischen Adels, des schwierigen Verhältnisses zur Geistlichkeit und der politischen Unentschlossenheit Ludwigs XV. selbst unterstützte der König noch immer Künstler und Handwerker an seinem Hof. Der französische Hof blieb ein kulturelles Zentrum. Nicht in dem gleichen Umfang wie sein Vorgänger, aber es führte dennoch zu einigen Perlen des französischen Barock.
Weltliche Musik & Oper
| Rameau: L'orchestre de Louis XV
Einer der bekanntesten Namen am Hof Ludwigs XV. war Jean-Philippe Rameau (1683-1764). Das Verhältnis zwischen Fürst und Komponist war sicherlich nicht mit dem zwischen Ludwig XIV. und Jean-Baptiste Lully zu vergleichen. Rameau stand 25 Jahre lang in den Diensten von Alexandre Le Riche de la Pouplinière, dem Steuerpächter der Französischen Rechnungskammer. Auch nach la Querelle des Bouffons (1752/53) componierte der Komponist weiterhin am Hof, allerdings ohne Mäzen.
Man kann sagen, dass Rameau für die weltliche Musik am Hof verantwortlich war. Er genoss kein Monopol wie Lully, wusste aber dennoch, einige Opern und Ballette für L'Académie royale de musique (Paris) und le Théâtre du château (Versailles) zu componieren. Seine ersten Werke waren die Oper Hippolyte et Aricie (1733) und das Ballett Les Indes galantes (1735).
Die CD Rameau: L'orchestre de Louis XV bringt vier Orchestersuiten aus seinen Balletten und der Oper, beginnend mit Les Indes galantes (1735). Die spitzen Rhythmen der „Ouverture" [track 01] setzen sofort den Ton und bringen den französischen Nationalstil gleich hinüber. Französische Tänze wie die Musette, das Menuett und die Gavotte sind auf diesem Doppelalbum zahlreich vertreten. Gebracht von Le Concert des Nations unter der Leitung von Jordi Savall klingt diese Musik authentisch.
Religiöse, höhere Sphären
| Gervais: Grand motets pour Louis XV
Charles-Hubert Gervais (1671-1744) war der Sohn von Hubert Gervais, einem Diener in den Diensten des Herzogs von Orléans. Im Dienste des Regenten begann Gervais als ordinaire de la musique und wuchs in späteren Jahren zum Superintendent der Musik des Herzogs heran. Gervais hatte die Ambition, in die Fußstapfen von Lully zu treten und sich auf weltliche Musik und Oper zu stürzen. Gervais componierte eine Reihe von Opern, einige davon in Zusammenarbeit mit Marc-Antoine Charpentier (1671-1744), und versuchte vor la Querelle, einen Kompromiss zu finden und den französischen und italienischen Stil miteinander zu versöhnen. Aber dies ist nicht das Werk, für das er heute noch in Erinnerung ist. Nein, es sind die fünfundvierzig grands motets, die er in seinen letzten 10 Jahren seiner Karriere schrieb, die wir noch kennen.
Nach État actuel de la Musique du Roi (1733) hätte der Komponist den Herzog gebeten, die Stelle des Sous-Maître der königlichen Musikkapelle nicht zu erhalten. Der Herzog gab Gervais dennoch diese Position, und das Schicksal des Komponisten war besiegelt. Er würde nicht länger weltliche Musik komponieren, sondern sich der lateinischen Tradition zuwenden. In dieser Eigenschaft componierte er seine grands motets.
Zu Ehren von 300 Jahren Ludwig XV. (1722-2022) wählte das Label Château du Versailles einige dieser Motetten aus und fasste sie auf der CD Gervais: Grand motets pour Louis XV zusammen. Sie sind alle dramatisch und folgen einer vereinfachten Form seines Vorgängers Michel-Richard Delalande (1657-1726). Also keine komplexe Struktur, sondern klare Strukturen, die die Aufmerksamkeit des Hörers auf den Text lenken. Das Jubilate Deo (Psaume 100) [track 10-13] soll eines der beliebtesten Werke der königlichen Musikkapelle gewesen sein. Sowohl Ludwig XV. als auch sein Nachfolger Ludwig XVI. haben nach schriftlichen Quellen dieses Werk mehrfach genossen. Auch die anderen ausgewählten Motetten kennen ein ähnliches, hohes Niveau. Das Ergebnis ist ein schön zusammengestelltes Programm in einer geschmackvollen Aufführung.
Intime Zirkel am Cembalo
| L'aimable: une journée avec Louis XV
Das Cembalo entwickelte sich am französischen Hof zu einem beliebten Instrument. Viele Komponisten, einschließlich Gervais, schrieben Méthodes für dieses Tasteninstrument. Die CD L'aimable: une journée avec Louis XV stellt ein Programm von „réveil-matin" bis „étoiles" zusammen und spiegelt damit die tägliche Kunstausbildung in den beaux arts für adlige Damen wider.
Cembalistin Céline Frisch bringt für dieses Programm Kompositionen von fünf verschiedenen Komponisten zusammen. Natürlich bekommt François Couperin (1668-1733) als einer der wichtigsten französischen Klavierkomponisten aus dem Barock einen Platz auf dieser CD. Die anderen vier Namen sind heutzutage weniger bekannt, aber auch sie hatten erfolgreiche Karrieren. Frisch bringt dieses Repertoire mit leichtem und manchmal sogar spielerischem Anschlag, geschmackvoller Verzierung und subtil gewählten Registern dar.
Information
Rameau: L'orchestre de Louis XV
- WER: Le Concert des Nations u.L.v. Jordi Savall
- WAS: Rameau: L'orchestre de Louis XV
- LABEL: AliaVox (AVSA9882A+B / AVSA 9882A+B)
- BESTELLEN: JPC
Gervais: Grand motets pour Louis XV
- WER: Choeur du Concert Spirituel, Les Ombres u.L.v. Sylvain Sartre
- WAS: Gervais: Grand motets pour Louis XV
- LABEL: Château de Versailles Spectacles (CVS073)
- BESTELLEN: JPC
L'aimable: une journée avec Louis XV
- WER: Céline Frisch [Cembalo]
- WAS: L'aimable: une journée avec Louis XV
- LABEL: Alpha Classics (ALPHA837)
- BESTELLEN: JPC