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Interviews

Musiker aus ganz Amerika und Europa, ein Klang: Orchestra of the Americas und Penderecki Youth Orchestra finden sich bei Young Euro Classic zusammen

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Musiker aus ganz Amerika und Europa, ein Klang: Orchestra of the Americas und Penderecki Youth Orchestra finden sich bei Young Euro Classic zusammen
© MUTESOUVENIR / Kai Bienert, Werner De Smet

Zwei Jugendorchester, Musiker aus ganz Amerika und Europa – und doch entsteht nach wenigen Proben eine einzige musikalische Energie. Für ihr gemeinsames Konzert bei Young Euro Classic bündeln das Orchestra of the Americas und das Penderecki Youth Orchestra ihre Kräfte in einem Programm, das Penderecki, Brahms und mexikanische Musik von Gabriela Ortiz und Silvestre Revueltas zusammenbringt.

Vor der Generalprobe hatte ich die Gelegenheit, ausführlich mit vier begeisterten jungen Musikern aus beiden Orchestern zu sprechen: die amerikanische Hornistin Tori Boell und der panamaische Kontrabassist Joel Vargas Zaldaña, beide verbunden mit dem Orchestra of the Americas und der OA Academy, sowie die polnische Cellistin Piotr Olesc und Geigerin Marta Kubów vom Penderecki Youth Orchestra (PYO). Ihre Geschichten gehen über Musik hinaus und zeigen, wie zwei Ensembles mit unterschiedlichen Hintergründen sich auch als Menschen kennenlernen.

Vom Bildschirm zur Bühne

Für Tori begann das Abenteuer nicht im Probenraum, sondern online. Als Teilnehmerin der OA Academy absolvierte sie sechs Monate lang Orchesterstudien, Meisterkurse und Unterricht mit ihren Kollegen des Orchestra of the Americas, bevor sie sich persönlich begegneten. Sie erkannten sich gegenseitig, lernten das Spiel des anderen kennen und sahen sich während Meisterkursen auftreten. Doch das Live-Zusammenspiel erwies sich als etwas völlig anderes. Gerade weil sie sich bereits einigermaßen als Mensch und als Musiker kennengelernt hatten, konnten sie ihrer Meinung nach viel schneller als Stimmgruppe zueinander finden.

Joel Vargas erkennt dieses Gefühl wieder. Er erwartete ein hohes Niveau von den polnischen Streichern des PYO – und bekam es auch. Zunächst war er nervös, aber sobald er zu spielen begann, fühlte er sich schnell wohl. Was ihm besonders im Gedächtnis blieb, ist, wie intensiv die polnischen Musiker innerhalb der Streichergruppe aufeinander hören. Er bemerkte, dass er anfangs vor allem versuchte zu hören, was bereits erklang, bevor er selbst einen Ton hinzufügte.

Diese Art des Hörens beeindruckte ihn. Nicht versuchen, sofort deinen eigenen Klang aufzuzwingen, sondern erst verstehen, was die Gruppe bereits aufgebaut hat: Das wurde eine der Lektionen, die er aus der Begegnung mit dem PYO mitnahm.

Ein Kammerorchester entdeckt das vollständige Orchester

Für die polnischen Musiker lag die Herausforderung anderswo. Piotr und Marta spielen bereits seit einigen Jahren zusammen im PYO und kennen sich gegenseitig bis ins Mark. Für Marta war dieses Projekt besonders, weil das PYO normalerweise als Kammerorchester nur mit Streichern musiziert. Zum ersten Mal kamen Blechbläser- und Schlaginstrumentsektionen hinzu. Das war zunächst nicht einfach, erzählt sie, aber letztendlich machte gerade diese Erweiterung das Musizieren reicher und schöner.

Piotr beschreibt, wie schnell das Ganze Gestalt annahm. Schon nach der ersten Probe, und besonders nach der zweiten, hörte er etwas Besonderes entstehen. Er sah die Zusammenarbeit zudem als Gelegenheit, auf andere Weise zu lernen, Emotionen in Musik auszudrücken. Was ihm auffiel, war, wie offen die amerikanischen Musiker ihrer Meinung nach ihre Emotionen zeigen. Gleichzeitig erkannte er darin etwas, das ihm aus der polnischen Kultur nicht ganz fremd war. Nach wenigen Tagen hatten beide Gruppen seiner Meinung nach eine vergleichbare Energie gefunden.

Für Marta ging es genauso um die Begegnung außerhalb der Musik. Verschiedene Kulturen und Persönlichkeiten kamen zusammen, und gerade das Kennenlernen dieser anderen Hintergründe war für sie ein wichtiger Teil des Projekts.

Salsa in der Kontrabasssektion

Eine der schönsten Anekdoten kommt von Joel Vargas, der von einem gegenseitigen Lernprozess zwischen den Basssektionen berichtet. Die polnischen Bassisten halfen ihm, die rhythmisch komplexe Ciaccona von Penderecki gründlich zu durchschauen – ein Stück, das ihn anfangs wegen der schwierigen Rhythmen erschreckte. Er wollte das Werk wirklich verstehen und bemerkte, wie viel er von den polnischen Bassisten über das Warten, das Hören und das Platzieren seiner Stimme im Ganzen lernen konnte.

Seinerseits brachte er, inspiriert von seinem Hintergrund in der panamaischen Salsa, den anderen Bassisten etwas über Tanzrhythmus und Gefühl in den Pizzicato-Passagen des Werkes von Gabriela Ortiz bei. Er erklärte ihnen, wie sie mit ihren Fingern und Bewegungen mehr rhythmische Flexibilität und ein mehr tanzendes Gefühl schaffen konnten.

In der Basssektion nahm der kulturelle Austausch so eine ganz konkrete Form an: nicht eine Gruppe, die die andere etwas lehrt, sondern Musiker, die sich gegenseitig beeinflussen.

Ein Programm, das sich vom Vertrauten zum Unerwarteten bewegt

Das Konzertprogramm selbst – Penderecki, Brahms und anschließend Revueltas und Ortiz – überraschte die Musiker anfangs auch selbst. In Europa steht Brahms gewöhnlich am Ende eines Konzerts, aber hier erklingt er gerade im ersten Teil. Auch die Musiker mussten sich daran anfangs erst gewöhnen.

Tori erläutert den Aufbau: Das Konzert beginnt bewusst bei dem Vertrauten. Penderecki schließt an das Repertoire an, mit dem die Musiker des PYO gut vertraut sind, während Brahms ein Meisterwerk ist, mit dem sich praktisch jedes Publikum verbunden fühlen kann. Von dort aus bewegt sich das Programm zu etwas Energischerem und weniger Bekanntem: dem Werk von Revueltas, mit ungewöhnlichen Perkussionsinstrumenten und immer intensiverem Zusammenspiel zwischen den Sektionen. Die Energie wird von Teil zu Teil weiter gesteigert. Das Schlussstück von Ortiz ist nach Toris Ansicht daraufhin „ein völlig anderes Spiel". Das Werk wurde für Dirigent Carlos Miguel Prieto geschrieben, der dadurch eine besondere persönliche Bindung daran hat. Letztendlich mündet das Programm in das ein, was sie fast als eines großes mexikanisches Tanzfest beschreibt.

Marta nennt das Programm überraschend gerade deshalb, weil die beiden Hälften so gut zusammenpassen. Sie ist besonders beeindruckt von der Art und Weise, wie Dirigent Carlos Miguel Prieto mit dem gesamten unterschiedlichen Repertoire umgeht. Ob es sich um Penderecki und Brahms oder um mexikanische Werke handelt, nach ihrer Meinung nähert er sich allem mit derselben Tiefe und Präzision. Piotr fügt hinzu, dass das Programm eine enorme emotionale Spannbreite umfasst: von den verhaltenen, mit dem Tod verbundenen Emotionen von Pendereckis Ciaccona, geschrieben zum Gedenken an Papst Johannes Paul II., über die romantische, fast heroische Liebe von Brahms bis zur ausgelassenen Freude der mexikanischen Werke.

Tori weist abschließend darauf hin, dass das Programm auch die internationale Zusammensetzung des gemeinsamen Orchesters widerspiegelt. Auf der Bühne sind Länder aus ganz Amerika und Europa vertreten, während Penderecki, Brahms, Ortiz und Revueltas jeweils eine andere musikalische und kulturelle Welt mit sich bringen.

Was sie dem Publikum mitgeben möchten

Joel Vargas hofft besonders, dass niemand während der Überraschungen von Revueltas einschläft und dass die Menschen am Ende lächeln. Er selbst lächelt während des Spiels oft zum Publikum hin. Während des Spiels schaut er manchmal in die Gesichter im Saal und fragt sich, ob die Zuhörer die Melodien und die Energie wirklich erleben.

Marta hofft, dass die Zuhörer etwas von der Verbundenheit und der Energie spüren, die die beiden Orchester zusammen aufgebaut haben – nicht nur das, was zu hören ist, sondern auch die Beziehungen und Erinnerungen, die während dieses Projekts entstanden sind.

Tori hofft besonders, dass das Konzert neugierig auf Musik außerhalb der vertrauten kulturellen Grenzen macht. Sie würde es schön finden, wenn jemand nach dem Konzert denkt: Ich habe noch nie Musik aus Mexiko gehört: Was ist eigentlich Salsa, was ist Merengue, und was sind die Unterschiede zwischen Musik aus Mexiko und Panama? Für sie kann das Konzert so ein Anlass sein, um weiterzuhören und andere musikalische Welten zu entdecken.

Und Piotr hofft, dass das Publikum durch aufmerksames Hören nach dem Konzert mit einem merklich veränderten Gefühl nach Hause geht. Dass die verschiedenen Emotionen, die die Musik auslöst, etwas in den Zuhörern verändern, wenn auch nur auf kleine Weise.

Was bleibt, ist ein Programm, das, in den Worten von Marta, am besten mit einem Wort zusammengefasst werden kann: unerwartet.

Aber wie klingt solch ein Treffen, wenn die Lektionen, Proben und Gespräche vorbei sind und nur noch die Musik spricht? Das kannst du in der Rezension des Konzerts lesen: https://klassiek-centraal.be/wanneer-twee-jeugdorkesten-een-stem-worden/

Ein Interview mit Dirigent Carlos Miguel Prieto kannst du hier lesen: https://klassiek-centraal.be/muziek-is-een-absolute-barometer-van-het-leven-in-gesprek-met-dirigent-carlos-miguel-prieto/

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Bildnachweis
MUTESOUVENIR / Kai Bienert, Werner De Smet
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