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Rezensionen

Moord en intrige in Winchester

"Was geschieht, wenn Musik zu einer Tat des Widerstands wird? Betrete an einem Morgen im Februar 964 die Tore der Kathedrale von Winchester. An diesem Tag begann eine stille Machtübernahme, die den liturgischen Gesang für immer verändern sollte."

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· 3 Min. Lesezeit
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Moord en intrige in Winchester
Die ersten Male, als ich dieser neuen Aufnahme von Dialogos lauschte, ließ ich die Musik einfach für sich sprechen. Das war durchaus angenehm, doch zugleich hatte ich das Gefühl, etwas zu verpassen. Und tatsächlich war dem so. Erst als ich das Booklet zur Hand nahm und der Erzählung zu folgen begann, erschloss sich mir die volle Bedeutung dieser CD.
Nexus Winchester: A Coup in the Cathedral around the Year 1000 kreist nämlich um ein besonderes Kapitel aus der Geschichte Winchesters. Am 19. Februar 964 vertrieb Bischof Æthelwold die Kanoniker aus der Kathedrale und ersetzte sie durch Mönche aus Abingdon. Das führte zu Spannungen, Intrigen und, den überlieferten Quellen zufolge, sogar zu einem Versuch, den Bischof zu vergiften. Es klingt beinahe nach einem mittelalterlichen Musical, komplett mit Helden, Schurken, Verschwörungen und unerwarteten Wendungen. Wer einmal Vikings gesehen hat, wird zudem auffallend viele Namen wiedererkennen.
Diese Geschichte bildet den roten Faden eines Programms, in dem Gesänge aus dem berühmten Winchester Troper mit rekonstruierten Passagen aus Æthelwolds Leben abwechseln. Dadurch hört man keine Sammlung loser Stücke, sondern eine Erzählung, die sich nach und nach entfaltet. Das verlangt dem Hörer allerdings die nötige Aufmerksamkeit ab. Dies ist keine CD, die man als Hintergrundmusik nebenbei laufen lässt. Wer bereit ist, den Texten zu folgen und sich in den Kontext zu vertiefen, gewinnt deutlich mehr daraus.
Das macht diese Veröffentlichung auch aus historischer Sicht interessant. Vieles von diesem Material ist in Quellen überliefert, die nicht immer eindeutig sind. Wie diese Musik genau geklungen hat, werden wir nie erfahren. Die Musiker müssen daher Entscheidungen treffen, rekonstruieren und mitunter dort ergänzen, wo die Quellen schweigen. Dialogos tut dies mit fundiertem Wissen und vor allem mit einer klaren Vorstellung davon, was die Geschichte erzählen soll. Mehrere Stücke werden hier sogar zum ersten Mal eingespielt.
Wer das Ensemble kennt, weiß ungefähr, was er erwarten darf. Der typische Klang von Dialogos ist sofort wiederzuerkennen. Die Stimmen klingen unmittelbar und natürlich. Die Instrumente erhalten eine klar umrissene Rolle innerhalb des Ganzen, und das Zusammenspiel der beiden hält die Aufmerksamkeit durchgehend gefangen. Gerade in den dramatischeren Momenten der Erzählung spürt man, wie sorgfältig alles aufgebaut ist. Zu keinem Zeitpunkt hat man den Eindruck, dass der historische Hintergrund wichtiger genommen wird als die Musik selbst.
Dennoch dachte ich beim Hören immer wieder, dass dieses Projekt in einer Live-Aufführung noch stärker wirken könnte. Die Abfolge der Szenen ruft von selbst Bilder hervor. Man sieht gewissermaßen die Mönche ankommen, die Verschwörer ihre Pläne schmieden und den vergifteten Bischof mit seinem Schicksal ringen. Es erstaunt mich eigentlich, dass bislang niemand eine vollwertige Inszenierung darauf aufgebaut hat.
Das ändert nichts daran, dass diese Aufnahme auf CD hervorragend funktioniert. Für Liebhaber mittelalterlicher Musik ist dies zweifellos eine interessante Veröffentlichung. Wer Dialogos schon länger verfolgt, sieht darin einmal mehr bestätigt, warum das Ensemble seit Jahren zu den spannendsten Fürsprechern dieses Repertoires zählt. Und für alle, die entdecken möchten, wie eine tausend Jahre alte Geschichte heute neu erzählt werden kann, liegt hier eine Aufnahme, die mehr verlangt als oberflächliches Hören, dafür aber den Aufwand reichlich belohnt.

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