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Rezensionen

Magische Reise durch La La Land

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· 9 Min. Lesezeit
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Magische Reise durch La La Land

Auf dem Plakat im Besprechungsbüro von BOZAR stand die Violinistin allein. Denn sie ist die Publikumsmagnet, der Star, aber ohne Allüren. Trotzdem kam Janine Jansen nicht allein nach Brüssel. In ihrem Gefolge kam der Pianist Alexander Gavrylyuk. Es war der Auftakt zu einer Tournee, die sie derzeit durch einige der prestigeträchtigsten europäischen Säle führt …

"Ich arbeite häufig mit Pianisten zusammen, aber Gavrylyuk ist wirklich ein Favorit. Er steht absolut im Dienste der Musik, ist aufrichtig, nie geschliffen." Janine Jansen spart das Lob für ihren Tourneepartner nicht, und das ist mehr als nur ein Werbegag. Die Karriere von Gavrylyuk erreicht derzeit ohnehin Höchstflüge. In erster Linie als Solist macht der ukrainisch-australische Dreißiger überall große Erfolge. Alexander, „Sasha" für die Vertrauten, „is easily the most compelling pianist of his generation", so lautet die häufig zitierte Phrase aus seinem zweiten Heimatland. Aber die niederländische Violinen-Diva hätte auf der Website des Concertgebouw Amsterdam, wo das Duo in der Mitte nächster Woche ebenfalls hält, ebenso über sich selbst sprechen können. Auch sie ist (weltweit) als integre Musikerin bekannt, eine, die auf eigensinnige und großzügige Weise das klassische Repertoire mit Leidenschaft verteidigt. „Ich gebe nur, es ist völlig natürlich. Es gibt keine andere Möglichkeit. Und ich möchte das auch",

zugibt. Das versprach also einiges für das heutige Konzert.

We'd sink into our seats …

Jansen ist ein großer Publikumsmagnet, auch in Brüssel. Das Publikum in BOZAR strömt herbei, der Henry Le Boeufzaal füllt sich mehr als anständig. Das verlockende Programm trägt dazu natürlich auch bei: Mit vier Werken aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts reiht es Höhepunkte aus dem romantischen Violinrepertoire aneinander. Es ist immer schön, das Ehepaar Schumann und Brahms auf diese Weise wieder zusammenzuführen. Und so folgte vor der Pause nach der ersten Violinsonate von Robert auch die zweite von Johannes, mit den Drei Romanzen von Clara fein dazwischen. Ihre beider Muse, Stütze und Zuversicht wurde vor zweihundert Jahren geboren. Diese Hommage durch ein Trio von Charakterstücken aus dem Jahr 1853 war ein angemessenes Geschenk. Die erste Romanze (Andante molto) zwinkert überdies der Sonate zu, die ihr Mann zwei Jahre früher komponierte, mit der er aber unzufrieden war: ein kritischer Punkt, mit dem seine musikliebenden Nachkommen sehr zufrieden sind, denn deshalb vollendete Schumann 1851 gleich eine zweite Violinsonate. Um nur zu unterstreichen, dass dieser Komponist neben 1842 noch andere fruchtbare Kammermusikjahre kannte. Auch Freund Brahms stürzte sich in seinem kreativen Leben mit viel Eifer auf intimere Werke. Im Sommer 1886, während eines langen Urlaubs am Schweizer Thunersee, flossen aus seiner Feder sowohl eine Cellosonate (opus 99), ein Klaviertrio (opus 101) als auch die zweite Violinsonate (opus 100). Um nur zu unterstreichen, dass sonnige Wasserspiegel und reine Bergluft zu herrlichen Werken inspirieren können. Das Prunkstück auf der Playlist war eine andere Sonate, die im selben Jahr dem belgischen Violisten Eugène Ysaÿe (1858-1931) gewidmet wurde. Das in unserem Land bekannteste Hochzeitsgeschenk aus der Musikgeschichte stammte von César Franck, dem anderen in Lüttich geborenen Komponisten. Damit leistete Franck einen Publikumserfolg, der anschließend zusammen mit Ysaÿe die Welt eroberte. Laut vieler Musiker gehört dieses kanonisierte Stück ohne Zweifel zu einer der besten Leistungen im Genre. Um nur zu unterstreichen, dass unser Land auch seine Sterne am Musikfirmament hat. Bemerkenswert war schließlich die enge tonale Verwandtschaft zwischen den Sonaten, die alle drei in A-Dur stehen. Eine Reise durch La La Land sozusagen, aber mit Jansen und Gavrylyuk in den Hauptrollen.

Der Musikfilm, der gezeigt wurde, zeichnete sich durch eine außergewöhnlich fesselnde und durchlebte Ausdruckskraft aus. Besonders bei Mensch und Frau Schumann erzielten die beiden Musiker außergewöhnliche Erfolge. Klang der ernsthafte Anfang von Roberts Violinsonate noch etwas verschleiert, so entspann sich bald ein dynamisches Duell – mit leidenschaftlichem Ausdruck – aufs schärfste. Das herrliche Wechselspiel zwischen beiden Musikern war eines von Geben und Nehmen. Gavrylyuk kroch zur rechten Zeit aus seiner manchmal untergeordneten Rolle heraus, während Jansen stellenweise Wunder mit dem Bogen vollbrachte, um ihm auf vielsagende Weise zu antworten – nein, dies ist bei weitem nicht die benutzerfreundlichste Violinpartie aus dem Buch. Ebenso souverän phrasierten beide das darauffolgende Allegretto: eine merkwürdige Mischung aus langsamer Bewegung und spitzem Scherzo. Der Kontrast zwischen sanftem Wehklage und unerwartet verspielttem Gehüpfe kam sehr gut zur Geltung. Auch das belebte Finale war nicht weniger als eine Demonstration, eine sublime Meisterklasse in Artikulation (Lebhaft). Wurde der Klavierpart knapp akzentuiert, so kratzte Jansen stellenweise kräftig hinein. Oder wie Grinta nicht nur im Sport, sondern auch während Konzerten eine entscheidende Rolle spielt. Wilhelm Joseph von Wasielewski (1822-1896), der Mann, der Schumann 1850 als Konzertmeister nach Düsseldorf holte und zwei Jahre nach dessen Tod sein erster Biograf wurde, hatte bei einer ersten Bekanntschaft mit dieser Violinsonate nach eigenem Bekunden Schwierigkeiten mit dem groben Ton dieses Satzes. Eine Sorge, die das Duo Jansen-Gavrylyuk jedenfalls nicht hatte, wie ihre temperamentvolle Aufführung zeigte. Für die drei kurzen Romanzen der Ehefrau Clara schöpfte das Tandem aus einem anderen, viel charmanter, aber immer noch ebenso überzeugenden Fass. Bei meiner Begleitung fielen diese lyrischen Zwischenspiele am meisten in den Geschmack. Das stets verfeinerte und eintrachtige Zusammenspiel kroch tatsächlich immer wieder unter die Haut. Besonders das strahlend intonierte Allegrettomit zartem Vortrage – hinterließ einen verblüffenden Eindruck: was für eine Erleichterung, so lautete hier das Paradoxon!

, würde sich Ryan Gosling singend fragen ... Glücklicherweise gab es zusammen mit mir noch viele Zeugen dieser funkelnden Leistung. Noch vor der Unterbrechung erschien auch Brahms schließlich auf dem Pult. Trotz eines sorglosen pastoralen Gefühls und eines Allegro amabile, das für diesen ganzen Triptychon den überwiegend melancholischen Ton setzt, hat seine zweite Violinsonate auch mehr extrovertierte Episoden. Exemplarisch ist der hybride Mittelteil, der auf brillante Weise zwischen einem sanftmütigen Andante tranquillo und einem schwungvollen Vivace laviert. Aber in diesem Werk herrschte an diesem Abend der Blick nach intten vor. Eine bewusste Wahl? Das Ergebnis klang zwar ungekünstelt, aber es gelang weniger als üblich zu haften. Und auch der knappe Schluss – Allegretto grazioso – gelang es nicht wirklich zu begeistern. Überraschenderweise fanden die Musiker sich in dieser Bewegung weniger. Dass es dabei manchmal so aussah, als würde ohne Satzzeichen rezitiert, spielte hier sicherlich eine Rolle. Mehr und deutlichere Ruhepunkte hätte dem sanglichen Notenstrom sicherlich gut getan.

A lovely night …

Es ist nicht schwer, sich in Francks einzige „echte" Violinsonate zu verlieben. Diese Komposition verklangt nämlich den holprigen, aber gleichzeitig so wertvollen Weg, den die Liebe heißt. Oder das ist zumindest die gängige Interpretation. Im Eröffnungssatz entfaltet sich also die Leidenschaft. Oder wie Ysaÿe das Allegro ben moderato fein beschrieb „[…] un bienfaisant réveil en un matin d'été". Es war in beiden Partien tatsächlich ein zartes Erwachen. Aber sobald die Leidenschaft entfacht war, war es pure Freude an der Intensität, mit der sie sich erst musikalisch den Hof machten, um dann im anschließenden Allegro in wahrhaft tumultartige Gewässer zu geraten. Jansen und Gavrylyuk holten beiläufig wirklich alles aus der (Klang-)Kiste und aus der Partitur: wirbelnde Dialoge, schnelle Tempowechsel und eine große dynamische Spannung. Und das ohne auch nur im geringsten an Transparenz einzubüßen. Es war ein Wunder zu nennen, dass diesmal im Gegensatz zu Schumann und Brahms zwischenzeitlicher Applaus ausblieb. Zum Glück, denn das Beste sollte noch kommen: Was Ysaÿe „la plus empoignante partie de l'œuvre" nannte. Und ob das Recitativo fantasia (Ben moderato) zu rühren wusste. Es begann schon gleich mit der Art, wie Jansen einsetzte. Die Farben, die sie dabei und später in diesem Satz erschuf, waren betörend. Musikerin wurde Zauberin, unterstützt durch ihre herrliche Stradivarius. Aber so groß ihr Ton, so klein ist diese Geigerin ihr Ego. Das führte zu einigen eindringlichen Passagen, in denen sich auch Gavrylyuk sowohl von seiner dramatischsten als auch phlegmatischsten Seite zeigte. Timing ist ein wichtiger Schlüssel zum Gelingen des kanonischen Finales, und die vortreffliche Verwobenheit beider Instrumente zeigte, dass es in dieser Hinsicht deutlich stimmte. Violine und Klavier verfolgten sich mit großem Enthusiasmus auf den Fersen. Rhythmische Verve an den Tasten bekam eine ebenso gewandte Antwort, wodurch der bald verspielte, bald turbulente Charakter dieses Allegro poco mosso noch lange nachwirkte. Nein, es war überhaupt nicht schwierig, sich kopfüber in diese Musik und ihre Interpreten zu verlieben.

Mit ihrer magischen Reise durch La La Land touren Jansen und Gavrylyuk derzeit durch die renommiertesten europäischen Säle. Nach Auftritten in Berlin und Stockholm freuen sie sich bereits auf Auftritte in Zürich, London, Amsterdam und Wien.

sollte sich das Publikum von nichts Geringerem erwarten. Und vom Andante aus Prokofjews zweiter Violinsonate als Zugabe vielleicht.


  • WAS: Robert Schumann (1810-1856) – Sonate für Violine und Klavier Nr. 1 a-Moll (opus 105) | Clara Schumann (1819-1896) – Drei Romanzen (opus 22) | Johannes Brahms (1833-1897) – Sonate für Violine und Klavier Nr. 2 A-Dur (opus 100) | César Franck (1822-1890) – Sonate für Violine und Klavier A-Dur (FWV 8)
  • WER: Janine Jansen (Violine) & Alexander Gavrylyuk (Klavier)
  • WO: Henry Le Boeufzaal, BOZAR, Brüssel
  • WANN: Dienstag 26. Februar 2019
  • FOTOS: © Andreas Terlaak | Marco Borggreve
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