Einige Konzertprogramme haben etwas von einem gut aufgebauten Roman. Sie beginnen in einer Atmosphäre der Suggestion, lassen nach und nach neue Stimmen auftauchen und münden in eine fast unvermeidliche Entladung. Eine solche dramaturgische Linie erhielt das Publikum am Samstag, den 14. März in Studio 4 von Flagey mit Magiciens du son, ein Programm, in dem Brussels Philharmonic drei Komponisten zusammenbrachte, die das Orchester auf je ihre Weise neu erfunden haben: Claude Debussy (1862-1918), Philippe Boesmans (1936-2022) und Richard Wagner (1813-1883), Komponisten, die auf je ihre Weise die Grenzen der Orchestration verschoben und neue Klangwelten eröffneten – echte „magiciens du son".
Gleichzeitig war das Konzert eine Hommage an Philippe Boesmans, den Komponisten, der jahrelang eine zentrale Rolle im Musikleben rund um De Munt spielte, wo mehrere seiner Opern ihre Uraufführung erlebten. Seine Musik verrät eine seltene Kombination aus Verfeinertheit und dramatischem Instinkt. Wer seine Partituren kennt, weiß, wie sorgfältig er mit Klang, Farbe und Stille umgeht – als würde jede Note ihren eigenen Platz im Klanglichen suchen. Am Pult stand der junge, charismatische Christian Blex, der das Programm mit einer klaren dramaturgischen Linie zusammenhielt. Als Gastdirigent brachte er seinen frischen Blick und seine verfeinerte Interpretation zu dieser besonderen Hommage. Sein Dirigierstil – präzise, aber niemals schulmeisterlich, mit Aufmerksamkeit für Details ohne das größere Klangbild aus dem Blick zu verlieren – erwies sich als besonders geeignet für einen Abend, an dem orchesterale Farbe und Transparenz im Mittelpunkt standen.
Ein Flüstern
Der Abend öffnete mit einer symphonischen Suite aus Pelléas et Mélisande, zusammengestellt von Dirigent Erich Leinsdorf und später von Claudio Abbado aus der Oper von Claude Debussy überarbeitet. In dieser Musik scheint sich alles hinter einem Schleier abzuspielen. Emotionen werden nicht ausgesprochen, sondern vorsichtig berührt. Brussels Philharmonic verstand es, diese Welt der Nuance und des Halbschattens wunderbar zu treffen. Unter Blex' Leitung blieb der Klang transparent und geschmeidig, mit großer Aufmerksamkeit für Atem und Phrasierung. Die Streicher klangen schlank und hell, während Holzbläser und Harfe subtile Farben hinzufügten. Besonders in den Holzbläsern – mit feinsinnigem Spiel von Oboe und Klarinette – bekam die Musik eine fast kammermusikalische Transparenz. Die Musik entfaltete sich langsam, beinahe zögernd, als wollte sie nicht vorwärts stürmen, sondern lieber in ihrer eigenen Atmosphäre verweilen. Debussy behandelt das Orchester nämlich als eine Palette von Klangfarben, eher als einen massiven Klangblock. Blex ließ diese Farben sorgfältig ineinander übergehen, wodurch die Partitur in ihrem typischen impressionistischen Glanz strahlen konnte.
Zwischen Nacht und Morgengrauen
Das Herz des Programms bildete Fin de nuit für Klavier und Orchester von Philippe Boesmans, mit Julien Libeer als Solist. Das Werk entstand 2017 in einem Hotelzimmer und trägt eine fast introspektive Atmosphäre in sich. Die Musik wächst aus einer beinahe greifbaren Stille heraus, als würde sie zögernd die ersten Konturen eines Gedankens erkunden. Was besonders beeindruckt, ist Boesmans' Gefühl für Klangräume. Klangschichten verschieben sich subtil übereinander, Harmonien lösen sich in Resonanz auf und Stille bekommt einen bedeutungsvollen Platz im Ganzen.
Faszinierend ist die Tatsache, dass das Klavier erst im zweiten Satz zu Wort kommt. Der erste Satz, Dernier Rêve, bleibt völlig orchestrale Musik, während im zweiten Teil, Envols, das Klavier allmählich seine Rolle als Gesprächspartner des Orchesters übernimmt. Der Titel ist in dieser Hinsicht treffend: Das ist Musik aus dem Grenzgebiet zwischen Nacht und Morgen, aus dem Moment, in dem die Dunkelheit noch präsent ist, aber das Licht schon vorsichtig spürbar wird. Eigentlich verdient dieses Werk einen festen Platz im Repertoire, weil es auf seltene Weise zeitgenössische Klangsprache mit direkter spürbarer poetischer Ausdruckskraft verbindet.
Libeer erwies sich als idealer Anwalt für diese faszinierende Partitur. Sein Spiel kombinierte Klarheit mit einer selbstverständlichen Poesie, wodurch die Klavierpartie nie in den Vordergrund gedrängt wurde, sondern eher als Führer durch die Orchesterlandschaft fungierte. Blex wählte deutlich eine Lesart, die das fragile Gleichgewicht zwischen Klavier und Orchester respektierte. Er ließ die Musik atmen, mit viel Raum für die subtilen Klangfarbenverschutzungen, die so typisch für Boesmans' Stil sind. Das Orchester reagierte alert auf die Klavierlinien, wodurch ein feinsinniger Dialog entstand, in dem kein einziger Klang zu schwer wog. Subtile Resonanzen zwischen Klavier, Schlagwerk und gedämpften Streichern gaben der Partitur dabei einen beinahe nächtlichen Glanz.
Die große Entladung
Nach dieser stille Welt folgte eine ganz andere emotionale Dimension mit dem Vorspiel und Liebestod aus der Oper Tristan und Isolde von Richard Wagner. Der berühmte Tristan-Akkord – der Generationen von Musiktheoretikern beschäftigt hat – hing sofort wie eine geladene Frage im Raum. Wagner lässt die Harmonie hier ständig nach einer Auflösung suchen, ohne sie sofort preiszugeben, wodurch eine beinahe greifbare Spannung entsteht. Wo Claude Debussy suggeriert und Philippe Boesmans träumt, lässt Wagner die Musik glühen.
Blex baute die Spannung eindringlich auf, mit einer sorgfältig dosierten Spannungskurve. Es wurde eine Aufführung, die in die Kehle griff: nicht ausgesprochen langsam, sondern vorantreibend und durchdacht aufgebaut, mit einer Spannungslinie, die ständig vorwärts drängte. Brussels Philharmonic folgte dieser Linie mit einem durchfühlten, stets warmen, vollen Streichersound und einer Bläsersektion, die genau im richtigen Moment ihren Glanz erklingen ließ. Als schließlich die ekstatische Entladung der Liebestod erreicht wurde, schien die Musik ihre eigene Schwerkraft zu überwinden. Blex hielt den Klang atmend, wodurch der Schluss weniger wie ein Höhepunkt als vielmehr wie eine Art Erlösung klang, ein Moment, in dem die Musik über sich selbst hinauszuwachsen schien.
Ein subtiler roter Faden
Was dieses Programm so überzeugend machte, war der zugrunde liegende Zusammenhang. Wagner trieb im neunzehnten Jahrhundert die harmonischen Grenzen der Romantik bis zum Äußersten. Debussy entdeckte daraufhin neue Klangwelten, indem er das Orchester wie eine Farbpalette behandelte. Und Boesmans – immer ein Komponist mit einem scharfsinnigen historischen Bewusstsein – baute auf diesem Erbe auf mit einer eigenen, zeitgenössischen Sensibilität. Sein Stil wurde manchmal als musikalisches „Mille-Feuille" beschrieben: eine geschichtete Sprache, in der verschiedene Einflüsse und Klangwelten subtil ineinander übergehen.
Unter der konzentrierten Leitung von Christian Blex erhielt diese musikalische Genealogie eine klare Linie. Er verband die verschiedenen Stile nicht, indem er sie gleichmachte, sondern indem er ihre Klangwelt sorgsam sprechen ließ. Das zeigte sich auch im Schlussapplaus, in dem die Orchestermitglieder ihrem Gastdirigenten sichtbar Tribut zollten.
So wurde dieses Programm letztendlich mehr als eine Hommage. Brussels Philharmonic präsentierte eine kleine Musikgeschichte des Orchesterklangs: von Wagnerischer Ekstase über Debussysche Subtilität bis zur introspektiven Poesie von Boesmans. Drei Komponisten, drei Epochen – aber eine gemeinsame Faszination: die Magie des Klangs, die in Flagey voller Leben wirkte.