Einige Konzerte beginnen nicht mit einer ersten Note, sondern mit einer Atmosphäre. Als würde sich der Raum langsam an seinen ursprünglichen Zweck erinnern. Das BachPlus-Programm am Sonntag, 15. Februar während Festivita!2026, aufgeführt im barock-inspirierten Saal des Cercle Royal Gaulois, war genau so eine seltene Erfahrung: ein Abend, in dem Musik, Ort und Bedeutung zusammenfielen, und in dem Dresden nicht bloß eine historische Referenz war, sondern eine Klangwelt, die erneut zu atmen und zu strahlen begann.
Geistige Spannungskurve
Dass Dresden eine prominente Rolle innerhalb Festivita!2026 spielt, ist keine bloß musikologische Wahl. Anfang des achtzehnten Jahrhunderts war die Stadt ein Paradoxon aus Stein und Klang: ein katholischer Hof in einer überwiegend lutherischen Region. Die Pracht der Liturgie in der Hofkirche von Dresden fungierte dort nicht nur als Glaubensbekenntnis, sondern auch als kulturelle Aussage. Musik wurde dort eingesetzt als Glanzlicht, als Überzeugungskraft, als hörbarer Katholizismus. Dieser geladene Kontext klang in jedem Werk dieses Programms durch – nicht als historische Last, sondern als innere Spannung, die den Aufführungen ihre Dringlichkeit gab. Dirigent Bart Naessens und BachPlus ließen diesen Kontext hörbar werden, ohne je die Authentizität aus den Augen zu verlieren.
Meisterliche Architektur der Freude
Als Kapellmeister war Johann David Heinichen (1683-1729) der eigentliche Baumeister der Hofherrlichkeit. Nicht durch Überfluss, sondern durch Maß, Proportion und ein fehlerloses Gespür für Rhetorik. Sein Magnificat in A entfaltete sich wie ein sorgfältig angebrachtes Fresko: klar in der Linie, rhythmisch fedrig und durchdrungen von einer italienischen Eleganz, die nie ihr sächsisches Gewicht verlor.
Bereits beim Eröffnungschor, eingeleitet durch das Alt-Solo in „Magnificat anima mea", klang ein Jubel, der leichtfüßig war, ohne je beliebig zu werden. Im „Et exsultavit" funkelte eine ekstatische Freude, die man selten so selbstverständlich erklingen hört – und noch seltener so großartig getragen von Chor und Orchester zusammen. Hier jubelte keine Masse, sondern ein Kollektiv, das wie ein Körper atmete.
Die Ausführenden dosierten die Kontraste mit einem feinen Instinkt für Rhetorik und Affekt. „Quia respexit" wurde kein Soloausflug, sondern ein Moment der kollektiven Stille, in dem Demut nicht klein wurde, sondern intensiv. „Fecit potentiam" dagegen richtete sich in breit getragener Kraft auf, monumental ohne schwer zu werden. Das „Suscepit Israel" wirkt wie ein angehaltener Atem, eine Spannung ohne Stillstand, wonach sich das „Gloria Patri" in durchsichtiger Pracht entfaltet, Schicht um Schicht aufgebaut wie Licht, das langsam einen Raum erfüllt.
In dieser Aufführung wurde Freude nicht ausgestellt, sondern aufgebaut: sorgfältig, überzeugend und mit selbstverständlicher Autorität. Eine besondere Erwähnung verdienen die Oboen und Traverso-Flöten, lupenrein und mit warmer, samtiger Klangfarbe, die sich nahtlos mit den Stimmen verwebten. Instrumente und Sänger bildeten ein Ganzes, als würde sich Farbe und Linie in demselben Fresko vereinen.
So klang Heinichens Magnificat nicht nur als Lobgesang, sondern als ein hörbares Glaubensbekenntnis – herrlich, beherrscht und unwiderstehlicherweise lebendig. Es war ein Moment, in dem historische Musik ihre Kraft als lebendige Erfahrung vollständig zeigte.
Ekstase, Bedrohung und Andacht
Während Heinichen den Glanz und die Ordnung des Hofes verkörpert, führt uns Jan Dismas Zelenka (1679-1745) in einen anderen, dunkleren Raum. Auch er war mit der Dresdener Hofkirche verbunden, und wie Heinichen arbeitete er im Dienste einer katholischen Liturgie, die sich mit den großen Vorbildern aus Wien und Prag messen wollte.
Immisit Dominus pestilentiam schließt an die Tradition des ‚sepolcro' an – das Wiener Andachtsgattung, in der beim Heiligen Grab während der Karwoche Musik erklang, die zwischen Liturgie und Drama balancierte, fast eine kurze Kammeroper. Es ist Musik, die nicht besänftigen, sondern konfrontieren will; die den Gläubigen nicht auf Distanz hält, sondern in einen inneren Prozess von Angst, Bitte und Hoffnung auf Versöhnung mitnimmt. Zelenka übersetzt diese Tradition nach Dresden mit einer eigenen, unverkennbaren Stimme: eigenwillig, intensiv und emotional kompromisslos.
Die Pest wurde hier kein abstraktes biblisches Gegebenes, sondern eine leibliche Erfahrung. Nervöse Rhythmik, windende Harmonien und scharf profilierte Chorpassagen machten die Bedrohung unmittelbar greifbar. „Recordare, Domine" klang als eine kollektive Bitte, „Orate pro me, lacrimae" schnitt durch Mark und Bein, während „Clamate, guttae sanguinis" in eine rohe, beinahe theatrale Verzweiflung ausbrach – ganz im Geist des ‚sepolcro', wo Andacht und Ausdruck sich gegenseitig verstärken.
Toch bleef de uitvoering ver weg van effectbejag. In "Deus, qui non mortem, sed poenitentiam desideras" opende zich een ander perspectief: niet sentimenteel, maar broos en oprecht. Hoop klonk hier niet als belofte, maar als mogelijkheid. De uitvoerders hielden deze spanningsboog met grote precisie vast, waardoor de dramatische intensiteit nooit ontspoorde, maar steeds dienstbaar bleef aan de innerlijke logica van het werk. De verschillende solisten namen beurtelings het woord en droegen zo samen het verhaal. Sopraan Alison Lau verdient een aparte vermelding voor haar zonnestralende, beklijvende bijdrage, terwijl violist Ortwin Lowyck met zijn meeslepende solo een extra laag expressieve spanning toevoegde, wat het drama van Zelenka extra tastbaar maakte.
Ook Dixit Dominus, ZWV 68 leefde volop van contrast, maar nu in een uitgesproken feestelijk register. Met de intrede van trompetten en pauken kreeg de muziek een extra dimensie van glans en grandeur – onmiskenbaar het geluid van katholiek ceremonieel aan het Dresdense hof. Wat eerder innerlijke spanning was, werd hier publieke proclamatie: machtig, stralend en ritueel geladen.
De vele tempo- en karakterwisselingen werden niet fragmentarisch uitgespeeld, maar organisch met elkaar verweven. Vivace en Grave voedden elkaar, scherp geprofileerd maar steeds in elkaars verlengde, alsof Zelenka zelf de architectuur van spanning en ontlading regisseerde. Alles bewoog doelgericht naar het monumentale Amen, waarin virtuositeit en jubel samenvielen met een opmerkelijke innerlijke concentratie.
Deze muziek, ooit bedoeld om te weerklinken in de luisterrijke ruimte van de Hofkirche, vond een verrassend natuurlijke bondgenoot in de barok-geïnspireerde zaal met spiegels van het Cercle Royal Gaulois. De reflecterende wanden versterkten niet alleen de klank, maar ook het idee van representatie en pracht: klank die zich vermenigvuldigt, licht dat zich herhaalt, macht die zich toont. Zo werd Dixit Dominus meer dan een slotstuk – het werd een hoorbare manifestatie van katholieke hofcultuur, perfect ingebed in een ruimte die haar barokke wortels met overtuiging weerspiegelde.
Eine Aufführung, die atmete und sprach
Was diesen Abend wirklich außergewöhnlich machte, war die Art und Weise, wie BachPlus diese Musik angingen: keine Barockfassade, keine museale Distanz, sondern ein lebender Organismus. Chor und Orchester hörten intensiv aufeinander; Phrasierungen wurden gemeinsam getragen, Artikulationen scharf, aber niemals hart. Der Klang war hell, ohne kühl zu werden, warm, ohne ihre Spannung zu verlieren.
Die Solisten traten nicht als Protagonisten hervor, sondern als integrierte Stimmen im Ganzen. Alles atmete zusammen: der Jubel, die Verzweiflung, die Hingabe. Musik wurde hier nicht aufgeführt, sondern erzählt – mit Überzeugung, mit Liebe und mit tiefem Verständnis für ihre historischen und spirituellen Wurzeln. Es war ein Beispiel dafür, wie historische Musik in der Gegenwart sprechen kann, mit direkter emotionaler Wirkung auf das Publikum.
Dieses Konzert (und jenes mit dem Ricercar Consort, das am Vorabend auftrat) ließ Dresden nicht als Fußnote in der Musikgeschichte zurück, sondern als lebendige Gegenwart: eine Stadt des Klangs und der Spannung, wo Licht und Schrecken sich nicht ausschließen, sondern vertiefen. Hier wurde hörbar, wie Musik an der Bruchstelle von Glaube, Macht und menschlicher Zerbrechlichkeit glänzen kann und wie diese Spannung auch heute noch zur Sprache kommt. Was blieb, war nicht nur die Erinnerung an großartige Momente, sondern das Gefühl eines Raumes, der wirklich geatmet hatte: Klang, der sich entfaltete, Bedeutung, die sich langsam offenbarte.
Ein aufrichtiges Lob und Dankeschön an die Organisation, die mit diesem BachPlus-Programm einen überzeugenden Schlussakkkord unter eine Festivalausgabe setzte, die nach mehr schmeckt. Nächstes Jahr richtet Festivita! den Blick auf Madrid – eine neue Stadt, eine neue Klangwelt, in der ähnliche historische und emotionale Spannungsbögen zu erwarten sind. Der Unterzeichnete freut sich schon darauf.



