Das Konzert La nuict froide et sombre, dargeboten von ClubMediéval und SPECTRA in der Sint-Pieter en Pauwelkerk in Mol, wagte etwas Ambitioniertes: Es ließ Vergangenheit und Gegenwart ineinander übergehen. Was auf dem Papier ein intellektuelles Konzept über Zeit, Erinnerung und musikalische Wahrheit sein könnte, erwies sich in der Praxis vor allem als außergewöhnlich überzeugendes Hörerlebnis.
Im Vorfeld skizzierte Katelijne Boone das Konzept hinter dem Programm. Sie sprach über "Momente der Wahrheit", über alte Musik in einem neuen Kontext und über die Frage, wie sich Wahrheit selbst im Laufe der Jahrhunderte verändert. Alte Musik wurde dabei nicht als Museumsstück behandelt, sondern als lebendiges Material, das zeitgenössische Komponisten bis heute inspiriert. Bemerkenswert war auch, dass Noah Senden (1998), in der Kirche anwesend, als allererster Festivalkomponist von Musica Divina vorgestellt wurde. Sein Auftragswerk bildete nicht zufällig den Ausgangspunkt des Abends.
Mit before we begin… versetzte Senden die Zuhörer sofort in eine andere Aufmerksamkeitshaltung. Der junge Antwerpener Komponist erkundet in dem Werk den Moment vor dem ersten Ton, die Erwartung und die Stille, die der Musik vorausgehen. Die Komposition entstand größtenteils während einer Residenz in Averbode und geht von symbolischem Material aus: einem melodischen Strom, der sich wie das Leben durch das Werk bewegt, und einem Motiv um die Wahrheit, aufgebaut aus einem Dur- und einem Moll-Akkord. Wahrheit ist dabei nicht unbedingt gut oder schlecht, sondern kann verschiedene Gestalten annehmen.
Wer jedoch rein philosophische Betrachtungen erwartete, wurde eines Besseren belehrt. Das Stück wirkte auf mich vor allem, weil es zu einem stark sinnlichen Erlebnis wurde. Aus einem kaum greifbaren Klangnebel entstanden geheimnisvolle Texturen, die von den vortrefflichen Streichern von SPECTRA mit großer Präzision aufgebaut wurden. In der Ferne schienen Glocken zu läuten. Zunächst diffus, dann zunehmend als Orientierungspunkte in einer Klanglandschaft. Als ob sich aus einem Urzustand langsam Ordnung bildete.
Unterwegs hörte man Naturgeräusche, vogelartige Figuren und eine erwachende Welt. Es war, als reckte sich ein Riese nach langem Schlaf langsam empor. In einem entscheidenden Moment übernahm die Flöte die Führung mit einer melodischen Linie, die dem Ganzen plötzlich eine Richtung gab. Was zuvor organisch und schwebend wirkte, gewann Gestalt. Diese Linie wurde anschließend von den Streichern übernommen, danach nahm das Klangbild wieder dunklere Farben an. Die Rolle der glockenartigen Motive blieb dabei wunderbar ambivalent: Markierten sie den Fortgang der Zeit oder verwiesen sie gerade auf etwas Zeitloses? Oder schlicht: Averbode? SPECTRA hielt diese Spannung überzeugend aufrecht mit einem Spiel, das zugleich kraftvoll, klar und treffsicher war.
Der Übergang zu Ut heremita solus, der Ockeghem zugeschriebenen Motette, wirkte beinahe selbstverständlich. Plötzlich befanden wir uns fünf Jahrhunderte zurück, doch seltsamerweise schien die Distanz gering. ClubMediéval brachte das Werk schlicht und konzentriert zu Gehör. Die einzelnen Linien blieben gut nachvollziehbar, und die kontemplative Stimmung des Gesangs kam hervorragend zur Geltung.
Darauf folgte Harrison Birtwistles instrumentale Reaktion auf dasselbe Material, und hier wurde deutlich, wie gut das Programm aufgebaut war. Birtwistle öffnet den melodischen und polyphonen Gedanken Ockeghems vollständig. Der antike Geist bleibt präsent, wird jedoch durch eine moderne Linse betrachtet. Was im historischen Werk angelegt ist, wird vergrößert, fragmentiert und räumlich ausgebreitet.
Dennoch war dies keine "Zerstörung" des Originals. Im Gegenteil. Die Verwandtschaft blieb ständig hörbar. SPECTRA spielte das Werk mit bemerkenswerter Transparenz, sodass die verschiedenen instrumentalen Linien tatsächlich als Stimmen innerhalb eines polyphonen Ensembles funktionierten. Das Klavier verlieh der Palette zudem eine ganz eigene Farbe. Es war eine Interpretation, die den "Atem des polyphonen Gesangs" quasi hörbar machte.
Auch bei Obrechts Weet ghij wat mijnder jongher herten deert blieb die Programmlogik bestehen. Das Lied erhielt eine warme, farbenreiche Darbietung, bei der vor allem das emotionale Engagement der Sängerin auffiel. Ihr Gesang war beseelt und voller Gefühl. Dies ging zuweilen etwas auf Kosten der Textverständlichkeit, wodurch die Geschichte etwas weniger unmittelbar wirkte, als es möglich gewesen wäre.
Mit Lassus Echo I und Lassus Echo II von Daan Janssens bewies das Programma anschließend, dass das Konzept mehr war als ein intellektuelles Gerüst. Die Frage war schließlich, ob der originale Lassus tatsächlich hörbar bleiben würde. Das war zweifellos der Fall. Janssens bewahrt die Konturen des historischen Modells, projiziert sie jedoch in eine zeitgenössische Klanglandschaft voller Schatten, Farben und wechselnder Perspektiven.
Auch hier blieben die polyphonen Linien auffallend präsent. In Lassus Echo I wurden sie in verfeinerten Details ausgesponnen, während Echo II einen weitaus bedrohlicheren Charakter erhielt. Die Musik wurde bildhaft, teils sogar unheilvoll. Erneut beeindruckte SPECTRA mit einem kraftvollen und überzeugten Spiel, in dem die einzelnen Klangfarben klar konturiert blieben. Das abrupte Ende des zweiten Teils wirkte dadurch umso stärker.
Met Bedynghams O rosa bella werd opnieuw duidelijk hoe verschillend de klankculturen van beide ensembles zijn. Waar SPECTRA vaak werkt vanuit scherp afgelijnde contouren en hedendaagse klankkleuren, kiest ClubMediéval voor een zachtere, meer organisch vloeiende sonoriteit. Toch sloten beide werelden wonderwel op elkaar aan. De homogen klingenden Saiteninstrumente und Blockflöte vormden ein warmes Fundament für die Sopranistin, die das Werk überzeugend zum Leben erweckte.
Das Schlussstück, Memling Echo von Frederik Neyrinck, führte schließlich beide Ensembles zusammen. Sofort fiel die große Konzentration auf, mit der sich die Musiker dieser komplexen Partitur widmeten. Niemand spielte auf Autopilot. Jede Bewegung und jeder Atemzug war in der Musik verankert. Dabei hielt Dirigent Filip Rathé mit auffallend zurückhaltenden, aber äußerst effizienten Gesten alle Linien zusammen. Er dirigierte nicht groß, sondern präzise. Mit Händen, Fingern und kleinen Bewegungen lenkte er Ausdruck und Richtung, und das funktionierte hervorragend.
Neyrincks Komposition entfaltete sich für mich als eine Abfolge von Wellen. Eine energiegeladene Eröffnung machte sofort deutlich, dass dies kein nostalgischer Rückblick werden würde. Danach entstand eine harmonischere Episode, in der die beiden Sängerinnen stark in den Vordergrund traten. Ihre Partien waren alles andere als einfach, doch sie bewältigten sie mit bewundernswerter Sicherheit und Musikalität.
Es folgten Episoden, in denen Schlagwerk, Fiedel, Flöten, Harfe und Laute immer wieder neue Perspektiven eröffneten. Manchmal hatte die Fiedel etwas Elementares, als repräsentiere sie die Urstimme des Ganzen. Dann wieder sorgten Harfe und Laute für Ruhepunkte innerhalb einer ständig bewegten Landschaft. Regelmäßig durchzogen die Stimmen das instrumentale Gewebe wie eine Art Cantus firmus. Hier und da glaubte ich sogar subtile orientalische Einflüsse zu hören.
Auffallend war, wie Neyrinck unablässig mit Aufbau und Entspannung spielte. Die Musik atmete. Spannungsbögen wuchsen, lösten sich auf und kehrten zurück. Gegen Ende erschienen erneut ätherische Klangfelder, zerbrechliche Dissonanzen und sanftere Solomomente. Schließlich kehrten auch die Vogelstimmen und fernen Glocken zurück, als habe das Konzert wieder seinen Ausgangspunkt erreicht. Der Schluss, meines Erachtens ein leise ausgesprochenes „Amen“, wirkte dadurch nicht wie ein Ende, sondern wie der Abschluss eines Kreises.
Und damit wurde auch before we begin… von Senden erneut hörbar. Was am Anfang des Abends mit der Frage begann, was geschieht, bevor der erste Ton erklingt, endete mit Glocken, Vögeln und Stille. Zwischen diesen beiden Momenten hatte die Musik fünf Jahrhunderte überbrückt. Nicht als gerade Linie vom Vergangenen zum Heute, sondern als Reihe von Echos, in denen altes Material immer wieder eine neue Bedeutung erhielt.
ClubMediéval und SPECTRA gelang es, alte und neue Musik nicht einfach nebeneinanderzustellen, sondern sie tatsächlich aufeinander hören zu lassen. Kein einziges Werk stand isoliert da. Ockeghem wurde zum Ausgangspunkt für Birtwistle, Lassus zum Nährboden für Janssens und die Musik von Bedyngham und Obrecht zum Fundament für Neyrincks zeitgenössische Klangwelt. Alles schien Teil eines größeren Zusammenhangs über Zeit, Erinnerung, Wahrheit und menschliche Vorstellungskraft zu sein.
Musica Divina zeigt damit Mut. Während manche Festivals neue Musik noch immer als eine Art Zwischenspiel zum Kulturerbe präsentieren oder sie als Einzelstück in den Vordergrund schieben, macht dieses Programm sie zu einer gleichwertigen Gesprächspartnerin der alten Musik. Das bringt nicht nur interessante Konzepte hervor, sondern auch Musik, die tatsächlich etwas mit dem Zuhörer macht. Die Qualität der neuen Kompositionen, die hier erklangen, macht jedenfalls Lust auf mehr.
Die vollbesetzte Kirche schien diese Erfahrung zu teilen. Nach dem Konzert folgte eine lange, herzliche Ovation, die vermutlich noch länger gedauert hätte, hätte nicht bereits ein Empfang gewartet.
Wer nicht dabei war, erhält am 13. Oktober eine zweite Chance, das Konzert über Klara zu hören. Vielleicht entdeckst du dann dasselbe wie das Publikum in Mol: dass manche Wahrheiten sich tatsächlich weiterentwickeln, während gute Musik mühelos die Jahrhunderte überspringt.