James Ensor lebte in einer Zeitspanne, Ende 19. und Anfang 20. Jahrhundert, die wir uns nur schwer vorstellen können.Ostende war ursprünglich ein Kriegshafen. 1865 durfte es sich als touristischer Ort entwickeln und zehn Jahre später ist die ganze Strandpromenade eine große eklektische wunderliche Aneinanderreihung von glänzenden, prächtigen Hotels und Villen.
Die Beau Monde aus der ganzen Welt: Könige, Prinzen, Grafen Nouveau Riche, sogar der Schah von Persien kamen im Sommer in „la reine des plages" zur Saison nach Ostende. Der Gegensatz zur armen Fischerbevölkerung konnte nicht größer sein! Ostende schenkte auch ziemlich schnell dem künstlerischen und kulturellen Vergnügen viel Aufmerksamkeit. Das Kursaal glänzte mit einem prächtigen Sinfonieorchester mit den besten Musikern, die von nah und fern rekrutiert wurden und hervorragenden Dirigenten. Große Komponisten wie Charles Gounod, Camille Saint-Saëns, Jules Massenet, Richard Strauss, Edward Elgar und aus dem eigenen Land Eugène Ysaÿe traten dort auf. In diesem reichen Amalgam forderte Ensor seinen einzigartigen Platz.
Von Anfang an vielversprechend
„Die Zukunft gehört Ensor" sagte die Zeitung L'Indépendance Belge 1884 über den damals 24-jährigen Maler voraus! Visionäre Worte. Eine faszinierende Persönlichkeit, die in diesem Jahr, 75 Jahre nach seinem Tod, immer noch die Fantasie erregt und Bewunderung erntet. Nicht nur gibt es in seiner Geburtsstadt Ostende, wo er auch den größten Teil seines Lebens verbrachte, Ausstellungen, sondern auch in Brüssel und in Antwerpen. Viele Generationen wurden von seiner Kunst bezaubert und fasziniert. Sein vielseitiges Talent manifestierte sich in Musik und Malerei mit zahlreichen Marinen, Selbstporträts und besonders seinem düsteren Humor und seinen Masken. Ein Leben der Kunst gewidmet.
Festjahr
Das Power-Paar Alain Honorez und seine Ehefrau Altea Nuñez brachten vor fünf Jahren Junior Ballet Antwerp auf Schiene. Dieses Jubiläum wird mit dem Bravourstück „James" und im Juni mit einem Rückblick und einem brandneuen Ballett des aufstrebenden chinesischen Choreografen Le Wang gefeiert. Verlief nicht immer wie geplant mit Corona als großem Spielverderber, das Publikum folgt ihrer Hartnäckigkeit und künstlerischer Flair. Ich weiß nicht, wie es mit den anderen beiden Aufführungen stand, aber am Sonntagabend war die Oper zum Bersten gefüllt. Der Name und Ruf von Junior Ballet Antwerp wächst.
Tour de force
Junior Ballet Antwerp, das jungen Tänzern Wachstumschancen auf dem Weg zu einer professionellen Karriere bietet, fand im faszinierenden Œuvre von Ensor Inspiration für eine gelungene dynamische Tanzaufführung mit drei Aufführungen in der Oper von Antwerpen, danach folgt eine Tournee.
Mit künstlerischer Freiheit beleuchtet der italienische Choreograf Mauro de Candia Ensors Leben, indem er Wendepunkte in konzentrierter symbolischer Form vergrößert, verteilt über fünfzehn Szenen und einen Epilog. Dies in einer Kreuzbestäubung zwischen zwei wunderschönen Kunstformen aus dem flämisch-belgischen Erbe: Malerei und Tanz.
Die Herausforderung, die zweidimensionale Malerei in eine dreidimensionale Welt zu übersetzen, in der farbenfrohe und groteske Figuren zum Leben erwachen, hielt das Publikum anderthalb Stunden in seinen Bann. Für die Musik wählte der Choreograf Werke von Liszt, Rachmaninov, Prokofiev, A.Khachaturjan, G. Fauré und György Ligeti, wobei Klavier, Cello oder größere Orchesterpassagen Nuancen in Schallwellen hinzufügen konnten, die bei Meerszenenen anschwellen und abfallen oder bei der Rolle, die Frauen in Ensors Leben spielten, besonders seine Mutter und Schwester.
Mikrokosmos der Bühne
Die Aufführung eröffnet mit offenem Vorhang. Die Bühne badet in diffuser Beleuchtung. In der Mitte liegt eine weiße Lappenpuppe. In einer breiten Palette wird Ensors Leben skizziert. Zu Franz Liszts funkelndem Klavierkonzert wird eine Stimmungsbild von 'Oostende' geschaffen. Von einer leichten Triebkraft angetrieben bewegen sich die Tänzer leichtfüßig kreuzweise über die Bühne. Sie tragen eine graue Hose mit weißem Oberteil. Sie beugen die Knie, ihr Oberkörper neigt sich nach vorne und nach hinten. Sie beschwören das Bild der grauen Nordsee mit weißen Schaumkronen herauf, die anrollen und zurückziehen. Dann folgt in 'Vlaanderenstraat 27' eine intime häusliche Szene zwischen James, seiner Mutter und Schwester. Zur Musik von Rachmaninov 'The Seagull / The view from his room' mit reichem und fast poetischem Tanzvokabular schauen wir zu. Mit den Handgelenken aneinander bewegen sich die Hände anmutig und zeigen den Flug einer Möwe. Es fließt von einer Situation zur anderen. 'Mardi gras' mit anschließendem 'The Carnival' in Oostende. Eine tanzende Geschichte, in der verschiedene Tanzstile zur Geltung kommen: klassisch, neoklassisch und zeitgenössisch. Ich erkenne auch etwas vom Tanzvokabular der israelischen Choreografin Sharon Eyal. Minimalismus, Intensität synchron mit der Musik. In 'Académie Royale des Beaux-Arts' und 'Portraits' haben die Tänzer ein Spachtel in der Hand, mit dem sie sich gegenseitig im Raum malen. Es gibt einen interessanten Wechsel von Solotanz, Duetten, einzelnen Personen und der ganzen Besetzung. 'La gamme d'Amour' zeigt ein Fragment aus seinem eigenen Ballett, das genau hundert Jahre zuvor in der Oper von Antwerpen uraufgeführt wurde. Sein großer Traum war, es von den Ballets Russes unter Serge Diaghilev aufgeführt zu sehen! 'Le bal du rat mort', das Ensor zusammen mit seinem guten Freund und Dirigenten des Symphonieorchesters des Kursaal Rinskopf ins Leben rief, existiert noch immer. Als flauschige, zwitschernde Vögelchen verkleidet ist dies ein frisches und humorvolles Zwischenspiel. Dann geht die ganze Besetzung in Zylinder und Lackschuhen auf die Bühne. In dieser sprühenden kosmopolitischen Umgebung waren Affektation und Smalltalk fast an der Tagesordnung. Dieses Verhalten wird würzig und burlesk dargestellt. James Ensor als Chronist der High Society und Bourgeoisie, die ihre wahre Natur hinter einer Maske verbargen. Die vorletzte Szene 'Ensor est un fou' zu den Klängen von Franz Liszts Totentanz betont, dass der Maler, Grafiker, Schriftsteller, Musiker ein Einzelgänger war, der praktisch nirgends Anschluss fand. Im "Epilogue' bewegt sich die ganze Gesellschaft verkleidet und maskiert in einem Polonäse über die Bühne, theatralisch und dynamisch als Hommage an den Maler. Dies wird besonders stimmungsvoll durch einen Glitzerregen dargestellt, der vom Schnürboden herabwirbelt. Die ganze Gesellschaft klumpt auf einem Bankchen zusammen, Ensor schmieg sich in ihre Mitte und setzt seinen roten Hut mit Feder auf den Kopf. Zwischen seinen Kreationen fühlt er sich am besten.
Das junge Ensemble fesselte das Publikum von Anfang bis Ende. Dramaturgisch und tanztechnisch eine seriöse, durchgehaltene Tour de Force und durfte mit stehenden Ovationen, enormem Beifall und Bewunderung rechnen.
Erwartet
5! Am 7., 8. und 9. Juni, hetpaleis Antwerpen. Ein Rückblick auf 5 Jahre Repertoire von Junior Ballet Antwerp und eine brandneue Kreation von Le Wang zum Anlass eines allerersten Jubiläums.
- WAS: Weltpremiere 'JAMES'
- WER: Junior Ballet Antwerp
- CHOREOGRAF: Mauro de Candia
- TÄNZER: Lauren Alving, Rinka Matsuura, Ellen Matthews, Maja Grubic, Mackennzie Mount, Sora Nishida, Lizé Mentz, Letizia Austoni, Tilly Wightman, Laura Flügel, Altea Nuñez, Niya Juste (KBA) Valentine Chaumet (KBA), James Cooper, Thomas De Keersmaecker (KBA) Fox Aertgeerts (KBA), Ziggy Zublena (KBA), Taisei Ishiguro (KBA) Lucas Bierlair (Gasttänzer)
- MUSIK: F. Liszt, S. Rachmaninov, S. Prokofiev, G. Ligeti, A.Khachatourian, G. Fauré
- MUSIKALISCHE ARRANGEMENTS: Wolf Hoeyberghs
- KOSTÜMENTWURF UND –AUSFÜHRUNG: Ria Van Looveren, Jolien Deweerdt, Maria Seletskaja,
- MASKENERSTELLUNG: Julie Coppens
- LICHTDESIGN: Gloria Montesinos
- WIEDERHOLUNG: Altea Nuñez
- WO & WANN: Opera Antwerpen, Sonntag 25. Februar 2024
- FOTOS: © Filip Van Roe











