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Johann Sebastian Bach - Die sechs Partitas BWV 825-830

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· 5 Min. Lesezeit
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Johann Sebastian Bach - Die sechs Partitas BWV 825-830
© Alpha 994

Bachs sechs ursprünglich für Cembalo gedachten Partita's BWV 825-830 hören wir diesmal zur Abwechslung einmal auf einem Tangentenpiano aus 1790 von der in Regensburg ansässigen Manufaktur Späth & Schmahl. Ein SEHR besonderes Klavier muss man sagen mit einem ebenso besonderen Klang, dessen Design je nach Register Berührungspunkte sowohl mit dem Cembalo, dem frühen Fortepiano als auch mit der Harfe aufweist. Die Saiten werden mit Hilfe schmaler hölzerner Zungchen zum Erklingen gebracht. Das von Helmchen gespielte Instrument ist eines der wenigen, die den Zahn der Zeit - nach selbstverständlicher Restaurierung - überdauert haben.

Der wichtigste Erbauer von Tangentenpiano's in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts war Franz Jacob Späth, zugleich angesehener Fabrikant von Fortepiano's, Cembali, Klavichorden und Orgeln. Bereits 1751 baute er ein Tangentenpiano für den Kurfürsten von Bonn. Als sein Geschäft erst einmal florierte, machte er seinen Schwiegersohn, Christoph Friedrich Schmahl, zu seinem vollwertigen Partner. Ihre Tangentenpiano's wurden allgemein bewundert, darunter von vielen Top-Musikern. Einer von ihnen, Wolfgang Amadeus Mozart, bezeichnete 1777 das Tangentenpiano mit 'Späthisches Klavier'. Von Späth und Schmahl sind etwa 10 Instrumente erhalten geblieben, datiert zwischen 1780 und 1801. Sie haben alle denselben Mechanismus und einen Umfang von 5 Oktaven: FF – f3. Sie variieren in der Länge von 184 bis 222 cm.

[caption id="attachment_37381" align="alignleft" width="640"] Das von Martin Helmchen gespielte Tangentenpiano von Späth & Schmahl (Regensburg, 1790)[/caption]

Bach hatte wahrlich etwas für Partita's: Ab 1726 komponierte er jährlich mindestens eine Partita, während er an anderer Front bereits genug zu tun hatte, nachdem er drei Jahre zuvor in Leipzig zum Kantor der vier wichtigsten Kirchen in Leipzig ernannt worden war und auch die dort ansässige Thomasschule viel von ihm verlangte. Aber Bach wollte es zweifellos verbinden: komponieren und selbst spielen, mit der Freude, die daraus folgte.

Diese sechs Partita's komponierte Bach zwischen 1726 und 1731 und gelten als sein erstes 'offizielles' Werk in diesem Genre: Sie erschienen als sein erstes opus 1 (das hatte er selbst darüber geschrieben) im Druck. Eine Veröffentlichung, die er zudem vollständig aus eigener Tasche bezahlt hatte.

In der Einleitung schrieb Bach:

'Da der Hochf[ürst]l. Anhalt-Cöthensche Capell-Meister und Direktor Chori Musici Lipsiensis, Herr Johann Sebastian Bach ein Opus Clavier Suiten zu ediren willens, auch mit der ersten Partiae den Anfang gemacht hat, und solches nach und nach, bis das Opus fertig, zu continuiren gesonnen; so wird solches den Liebhabern des Claviers wissend gemacht. Wobey denn zur Nachricht dienet, daß der Autor von diesen Wercke selbst Verleger sey.'

Im CD-Begleitheft erläutert Helmchen seine Wahl des Tangentenpianos: dass das Instrument [ihm] mehr Klangmöglichkeiten im Vergleich zum Cembalo, Klavichord und zum frühen (Forte)Piano bietet, aber auch, dass die polyphonische Textur auf dem Tangentenpiano stärker zur Geltung kommt als auf dem Cembalo oder selbst dem modernen Klavier.

Die Partita's werfen hinsichtlich der Tempogestaltung kaum Fragen auf: Es sind nämlich zumeist die bekannten barocken Tanzformen, die den Stücken in dieser Hinsicht ihr erstes 'anschauliches Gesicht' geben, oder andernfalls konkrete Bezeichnungen wie sinfonia, capriccio, fantasia, rondeau, burlesca oder aria, die den Interpreten hervorragend leiten. Während es dem Ausführenden obliegt, Phrasierung, Verzierungen, Artikulation und Akzentuierung nach eigenem Ermessen zu gestalten. Genug Freiheit also, um sich auch in dieser Hinsicht ausreichend unterscheiden zu können. Mit dem weiteren Vermerk, dass nur das Notenbild letztendlich objektiv ist und das, was davon abgeleitet wird, subjektiv.

Der Klangunterschied allein zwischen Cembalo und Tangentenpiano ist erheblich und das erfordert in erster Linie vom Ausführenden eine wohlüberlegte Bestimmung seines Spielfeldes. Der eine wird das großzügiger tun als der andere, wobei es allerdings eines gültigen Ausgangspunkts bedarf, und zwar der historisierenden Rhetorik, da sonst für den Hörer ein verzerrtes Bild entsteht, das – je nachdem in welchem Umfang – weit oder weniger weit von der Ausführungspraxis des achtzehnten Jahrhunderts entfernt wird (soweit wir uns hierin ausreichend unterrichtet erachten).

Martin Helmchen (Berlin, 1982) beschäftigt sich bereits mehrere Jahrzehnte intensiv mit historischen Instrumenten, ihren spieltechnischen (Un)möglichkeiten und der damit verbundenen Aufführungspraxis, was ihm den Schatz an Wissen und Erfahrung eingebracht hat, der ständig von seiner Interpretation dieser sechs Partita's ausstrahlt. Aber daneben – und das ist nicht weniger wichtig – ist da seine Leidenschaft, die starke Auseinandersetzung mit diesen Werken, der äußerst lebendige Charakter seines Spiels und die Präzision, mit der er sowohl die erhabenen rhythmischen als auch harmonischen Bausteine diesem wunderbar klingenden Instrument entlockt hat. Ergreifend ist auch die Lyrik, die sich in den langsamen Sätzen fast singend, cantabile entfaltet und die Ornamentationen, die den Wiederholungen ein ebenso unwiderstehliches Profil geben.

Und die Werkstruktur? Jeder Satz steht strikt für sich, erhält seine eigene einzigartige Atmosphäre, erweist sich aber dennoch meisterhaft in die gesamte Partita integriert. Meisterhaft, weil es eine Meisterleistung ist, schon allein durch das beim Hörer unwiderstehlich aufkommende 'Gefühl', dass dieses Spiel die einzig richtige Richtung angibt.

So viel instrumentale und interpretatorische Brillanz, so viel Klarheit und Lebendigkeit, so viel Detailarbeit: Es hätte weniger Bedeutung gehabt, wenn die Aufnahmequalität zu diesem faszinierenden Recital nicht wesentlich beigetragen hätte. Aber seien Sie beruhigt: Die Aufzeichnung ist in einem Wort gleich brilliant. Eigentlich nicht zu verpassen sind diese von reiner Schönheit erfüllten Erkundungen, auch als formidable Ausstellung von Bachs einzigartiger Fähigkeit auf diesem Gebiet.

Details

Wer
Martin Helmchen (tangentpiano)
Bildnachweis
Alpha 994
Tags cd
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