Am Freitag, 7. August, erhielt das Publikum des Theater aan Zee in Oostende einen ersten umfassenden Einblick in Iedereen Meeuw, eine partizipative Opernproduktion, die nächstes Jahr weiter zu einer vollwertigen Aufführung heranwachsen soll. Es war deutlich eine Try-out: kein fertiges Produkt, sondern eine Momentaufnahme eines langen Schaffensprozesses, in dem Komponist, Theatermakers, professionelle Musiker, Sänger und Darsteller mit sehr unterschiedlichen Hintergründen gemeinsam nach dem suchen, was diese Oper werden kann.
Iedereen Meeuw wird von dem Oostender Kunsthaus kleinVerhaal produziert, in Zusammenarbeit mit einem umfassenden Netzwerk von Organisationen, die jeweils aus ihrer eigenen Arbeit Menschen zum Projekt bringen und begleiten. Zu diesen Partnern gehören unter anderem De Figuranten, Wit.h, Tartaren und der Stadskoor Kortrijk. Letzterer wird von Dirigent Diederik Glorieux geleitet und bildet eine wichtige vokale Kraft innerhalb der Produktion. Die Musik stammt von Peter Vermeersch, bekannt als Komponist und Geist der Flat Earth Society. Michiel Soete zeichnet für die Regie, Fikry El Azzouzi für das Libretto.
Wer bei „partizipativer Oper" spontan an einen professionellen künstlerischen Kern denkt, um den herum dann eine Gruppe von Amateuren gesammelt wird, sieht bei Iedereen Meeuw nur einen Teil dessen, was dort geschieht. Die Produktion bringt Menschen zusammen, die aus sehr unterschiedlichen Positionen teilnehmen: Einige haben eine professionelle Ausbildung als Musiker, Sänger oder Schauspieler, andere nicht. Einige stehen seit Jahrzehnten auf Bühnen, andere betreten einen Theaterraum aus einer sozialen Organisation oder einer Chorpraxis heraus. Aber während der Proben entsteht nicht einfach ein Gegensatz zwischen Künstlern und Teilnehmern. Jeder nimmt teil aus einer eigenen Kompetenz, Erfahrung, Stimme und Präsenz.
Das macht die künstlerische Konstruktion besonders komplex. Vermeersch schreibt Musik für ein bunt zusammengesetztes Ensemble, in dem unter anderem professionelle Musiker, Sänger, Chormitglieder und Performer zusammenkommen. Soete inszeniert nicht nur die Bewegungen und theatralen Situationen, sondern greift während der Proben auch ein in die Art, wie Texte klingen und gesungen werden. Die Grenze zwischen musikalischer und theatraler Regie erweist sich daher als ständig fließend. Auch die endgültige Form der Aufführung entsteht nicht zuerst auf dem Papier, um danach von der Gruppe ausgeführt zu werden. Sie entwickelt sich im Arbeiten mit dieser konkreten Gruppe von Menschen.
Die Try-out machte deutlich, wie viel Material inzwischen bereits aufgebaut wurde. Es gibt eine ausgeprrägte visuelle Welt, es gibt Gruppenszenen und einzelne Momente, gesprochene und gesungene Texte, Absurdität, Humor und Passagen, in denen etwas viel Dunkleres einsickert. Im Zentrum steht eine Gemeinschaft von Wesen, die scheinbar in Routinen gefangen ist: arbeiten, putzen, tun, was getan werden muss, und weitermachen. „Alles ist, wie es ist", heißt es an einer bestimmten Stelle. Es ist ein Satz, der fast banal wirkt, aber im Kontext der Aufführung immer mehr Gewicht bekommt.
Die Figuren scheinen sich mit einer Wirklichkeit abzufinden, die eben ist, wie sie ist, aber gleichzeitig entsteht gerade innerhalb dieser Wirklichkeit Bewegung, Musik, Zusammensein und manchmal Widerstand. Dieses Spannungsfeld zwischen Erleiden und Handeln gibt der Aufführung eine besondere Ladung.
Vorläufig ist noch nicht klar, wohin das alles führt. Und genau darin liegt vielleicht eine der interessantesten Aufgaben für den weiteren Schaffensprozess. Der Titel verspricht nämlich, dass diese Wesen auf irgendeine Weise „Möwe" werden. Bei der Try-out sahen wir eine Gemeinschaft entstehen und hörten ihre Sprache und Musik, aber die mögliche Transformation, die im Titel angelegt ist, bleibt noch weitgehend offen. Was bedeutet es, Möwe zu werden? Ist es Flucht? Sich über die Umstände erheben? Oder gerade lernen, mit dem zu leben, was nicht verändert werden kann?
Diese Offenheit muss in dieser Phase kein Mangel sein. Im Gegenteil: Eine Try-out dient gerade dazu, sichtbar zu machen, wo eine Aufführung bereits eine eigene Kraft entwickelt hat und wo noch Platz ist. Bemerkenswert war vor allem, wie viel bereits stand. Der Umfang der Gruppe, die Unterschiede zwischen den Teilnehmern und die Vielfalt der musikalischen und theatralen Sprachen hätten leicht zu einer beliebigen Collage führen können. Das ist nicht geschehen. Es zeichnet sich deutlich eine Welt ab mit eigenen Gesetzen, einem eigenen Rhythmus und einem immer erkennbarer werdenden Universum.
Für ein Projekt wie Iedereen Meeuw wird die endgültige Bedeutung zudem nicht nur darin liegen, was das Publikum nächstes Jahr auf der Bühne sieht. Mindestens genauso interessant ist, wie diese Aufführung zustande kommt. KleinVerhaal und die beteiligten Partner haben sich für einen langfristigen Prozess (2024-2027) entschieden, in dem Menschen nicht für eine Produktion zusammengebracht und dann wieder gelöst werden. Der künstlerische Einsatz besteht gerade darin, Wege zu finden, wie all diese verschiedenen Stimmen, Körper, musikalischen Fähigkeiten und Lebensgeschichten wirklich Teil eines Kunstwerks werden können.
Das macht Iedereen Meeuw zu mehr als einer Oper mit einer sozialen Dimension. Die zentrale künstlerische Frage scheint vielmehr zu werden, was passiert, wenn das Soziale nicht um das Kunstwerk herum organisiert wird, sondern mitbestimmt, was dieses Kunstwerk sein kann.
Die try-out endete als ein üppiges Volksfest. Spieler, Chor und Orchester stimmten das ansteckende Schlusslied „Ik ben een meeuw…" an, und das zahlreich erschienene Publikum ließ sich gerne mitreißen und sang mit. Es war ein einfaches, aber besonders effektives Ende, in dem die Grenze zwischen Bühne und Publikum für einen Moment verschwamm. Der Titel der Aufführung wurde so fast buchstäblich kollektiv: für einige Minuten schien jeder eine Möwe zu sein.