**** Die schöne Magelone ist die einzige Liederzyklus im Oeuvre von Johannes Brahms. Es ist übrigens eine etwas hybride Liederzyklus durch den Wechsel von Lied mit Textpassagen. Du benötigst dafür vor allem herausragende Interpreten, und die sind bei dieser Sony-Aufnahme definitiv am Start.
Die Aufnahme wartete bereits eine Weile auf eine Besprechung. Denn ich gebe zu, dass ich das Stück etwas „schwieriger" zum Durchhören finde als eine „gewöhnliche" Liederzyklus. Wie meistern der geschätzte Bariton Christian Gerhaher und Rezitator Martin Walser es zusammen mit Pianist Gerold Huber? So gut, dass ich befürchte, dass meine bisherige Lieblingsaufnahme mit Tenor Christoph Prégardien, mit der ebenfalls sehr schönen Schauspielerin Senta Berger und niemand Geringerem als Andreas Staier am Klavier, starke Konkurrenz bekommt. Da die Teldec-Aufnahme ohnehin bereits achtzehn Jahre alt ist, bin ich froh über einen „erneuerten" Favoriten …
Mittelalterliche Liebesgeschichte
Brahms war eine bibliophile Natur und sammelte Texte von herausragenden Romantikern wie Jean Paul, E.T.A. Hoffmann, Joseph von Eichendorff und also auch Ludwig Tieck. Das Märchen von Magelone kannte er bereits seit seiner Jugend, aber die poetische Version von Tieck lernte er erst bei den Schumanns kennen. Brahms war so von der Romance entzückt, in der die französische mittelalterliche Färbung mit der deutschen romantischen Atmosphäre zusammentraf, dass er fast die ganze Novelle als sein Opus 33 vertonte. Der vollständige Titel vermittelt besser den Charme der Poesie: "Liebesgeschichte der schönen Magelone und des Grafen Peter von Provence".
Brahms wurde stark angesprochen von der feinsinnigen Geschichte mit den typischen „romantischen" Motiven des unbesiegbaren Ritters, der heimlichen Eroberung einer Geliebten und Entführung, der langen Trennung, der angstvollen Sehnsucht und der schließlich glücklichen Wiedervereinigung der Liebenden. Er komponierte Lieder, in denen die Atmosphäre entschwundener Zeiten, seine Liebe zur Natur, die verzweifelte Liebe und verwirrende Verzauberung zu einem komplexen, aber doch homogenen Ganzen führen. Die Musik ist wunderschön. Viele der Lieder sind echte Meisterwerke.
Ritter Peter ist ein einsamer Wanderer und heimatloser Verbannter, wie sich Brahms selbst oft einschätzte. Die geliebte Magelone ist die tugendhafte und erhabene junge Dame, von der er unglücklicherweise getrennt wird. Dann ist da die exotische Sulima. Peter erliegt fast ihrer Verzauberung, entkommt ihr aber schließlich, gerade noch rechtzeitig, um seine treue Liebe wiederzufinden. Treue Liebe dauert lange …: es ist ein überzeugtes Schlusslied des Zyklus.
Harmonisches Gleichgewicht
Brahms' Aufgabe, aus dieser Geschichte voller abenteuerlicher Ereignisse ein zusammenhängendes Ganzes in Liedform zu schaffen, ist sehr anspruchsvoll. Die Kombination von Vortrag und Lied hat ihm viel Mühe und Zeit gekostet. Letztendlich ist der Zusammenhang wunderbar schön. Die Abfolge von Lied auf Text fließt hier mit Rezitator Martin Walser und Bariton Christian Gerhaher überaus natürlich. Das ist sicherlich einer der großen Vorzüge der Aufnahme. Von Anfang an besticht der Schauspieler Martin Walser mit seinem leicht altertümlich-deutschen Akzent und seiner etwas betagert klingenden, rührenden Stimme, die zu der mittelalterlichen Sage passt. Ein echter Geschichtenerzähler, Es war eine Zeit … Er klingt mal gemütlich und dann wieder spannend und ergreifend. Man höre ihm mit Aufmerksamkeit zu. Walser verrät auch schon, dass die Geschichte von zwei Liebenden, die sich trennen, gut ausgeht, wie ein echtes Märchen.
Gerhaher singt mit seinem typischen klaren Baritonklang, wunderschöner Diktion und perfektem Legato. Seine emotionale Einfühlung ist spontan, bald ergreifend oder romantisch zart (Sind es Schmerzen, sind es Freuden oder Ruhe Süssliebchen), dann wieder spannend oder aufgeregt (Verzweiflung – So tönet denn schäumende Wellen). Pianist Gerold Huber, mit dem Gerhaher quasi ein festes Duo bildet, folgt aufmerksam und diskret der Erzähllinie. Die drei Interpreten lassen die Vielfalt an Gefühlen und Farben der erzählenden Liederzyklus schön in ein harmonisches Gleichgewicht zusammenfallen. Eine gelungene Zusammenarbeit zwischen drei außergewöhnlich begabten Interpreten.
- WAS: Johannes Brahms (1833-1897) | Die schöne Magelone
- WER: Christian Gerhaher und Martin Walser (Stimmen), Gerold Huber (Klavier)
- AUSGABE: Sony Classical 8985311022