Wer an die Mundharmonika denkt, denkt schnell an Blues, Folk oder populäre Musik. Dass eine diatonische Mundharmonika auch in neuer Konzertmusik für Klavier und Orchester eine prominente Solistenrolle erhält, ist dagegen weitaus weniger vertraut. Genau daran knüpft das Ausgangsmaterial von Elevation an, der neuen CD von Konstantin Reinfeld und Benyamin Nuss. Mit einer Orchestersuite von Wolf Kerschek (*1969) und einem Konzert von Benyamin Nuss (*1989) bringen die beiden Musiker Musik zusammen, in der die Mundharmonika als vielseitiges Konzertinstrument hervortritt. Zugleich verschwimmen die Grenzen zwischen Klassik, Jazz und anderen musikalischen Idiomen.
Reinfeld und Nuss arbeiten schon seit Jahren zusammen und bewegen sich zwischen klassischem Repertoire, Jazz, Improvisation und Crossover. Für Elevation erhält ihr Duo Verstärkung vom Detmolder Kammerorchester unter der Leitung von David Niemann. In gut 54 Minuten nähern sich zwei Komponisten derselben ungewöhnlichen Besetzung aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Beide Werke erscheinen hier überdies in ihrer Weltersteinspielung.
Barock als Ausgangspunkt
Die Spielfreude sprüht von den ersten Takten der CD an. In Kerscheks zugänglicher und melodischer Orchestral Suite for Harmonica, Piano and Chamber Orchestra zeigt die Mundharmonika sofort, wie viele Facetten das Instrument hat. Reinfeld bewegt sich mühelos zwischen lyrischen Melodien, rhythmischer Schärfe und virtuosen Passagen, während Nuss der Klavierstimme immer wieder eine eigene Farbe verleiht. Jazzige Untertöne und unerwartete Klangfarben geben der Musik eine Lebendigkeit, die weit von einer traditionellen barocken Pastiche entfernt bleibt.
Kerschek nimmt die barocke Tanzsuite als Ausgangspunkt, verleiht den historischen Formen aber eine eigene musikalische Gestalt. Die fünf Sätze tragen Titel wie Gyrating Gigue, Spooky Sarabande, Courageous Courante und Amusing Allemande, gefolgt von The Last Waltz. Hinter diesen spielerischen Bezeichnungen verbirgt sich Musik, die ständig Farbe und Charakter wechselt. Die barocken Formen fungieren als Rahmen, innerhalb dessen verschiedene musikalische Welten nebeneinander und ineinander bestehen können.
Reinfeld entlockt seinem Instrument dabei ein breites Spektrum an Farben und Ausdrucksmöglichkeiten: von singenden Linien bis zu rhythmisch scharfen und technisch anspruchsvollen Passagen. Die vertrauten Bluesassoziationen treten dabei in den Hintergrund. Die Mundharmonika fügt sich hier selbstverständlich in den farbenreichen Orchesterklang ein.
Auch dem Detmolder Kammerorchester unter David Niemann wird reichlich Raum gegeben. Vor allem die Streicher und das Schlagwerk sorgen für zusätzliche Farbe und rhythmische Akzente. Auch das Klavier erhält Gelegenheit, den musikalischen Verlauf mitzugestalten: Nuss bewegt sich geschmeidig zwischen den lyrischen Passagen und den jazzigen Momenten, während Klavier, Mundharmonika und Orchester ständig aufeinander reagieren. Gerade dieses Zusammenspiel macht die Suite reizvoll. Die mitunter überraschenden stilistischen Kombinationen wirken nirgends erzwungen und halten die Aufmerksamkeit wach.
Vom Dunklen zum Licht
Schon im lyrischen Allegro von Nuss’ Concerto for Harmonica, Piano and Orchestra wird deutlich, dass sich das Werk allmählich entwickelt. Das Klavier gibt sofort den Ton an, und Nuss zeigt sich hier sowohl als Komponist als auch als Pianist. Das Orchester treibt die musikalische Bewegung weiter voran, während die Mundharmonika von Reinfeld eine zusätzliche melancholische Farbe hinzufügt. Der satte Streicherklang, die klaren Akzente und die Holzbläser verleihen dem Ganzen einen breiten, warmen Charakter.
Im Andante wird die Stimmung intimer und ruhiger, idyllisch wird es jedoch nie. Unter der scheinbar ruhigen Oberfläche liegt ein leichter, fast beißender Unterton, der vor allem in den Streichern hörbar bleibt. Die Mundharmonika erzählt hier dagegen eine eigene, melancholische Geschichte. Es ist Musik, die Raum für Stille lässt, zugleich aber genug Spannung bewahrt, um nicht in bloße Gefälligkeit abzugleiten.
Das Presto bringt schließlich einen deutlichen Umschwung. Die Mundharmonika erhält nun eine ganz andere Rolle, und Reinfeld kann sich, ebenso wie Nuss am Klavier, im energiegeladenen Zusammenspiel voll entfalten. Die Streicher und Holzbläser verleihen der Musik erneut Farbe und Tempo. Das zweite Thema, eingeführt vom Horn, sorgt zudem für eine hellere und hoffnungsvollere Wendung.
Die Entwicklung von Melancholie und Stille hin zu Bewegung und Leichtigkeit verleiht Nuss’ Konzert einen deutlichen Spannungsbogen. Klavier und Mundharmonika haben je einen eigenen Charakter, doch ihr Verhältnis verändert sich ständig: Sie suchen einander, übernehmen voneinander und finden sich im Presto schließlich in einem energischen Zusammenspiel. Die Verbindung von Lyrik, Melancholie und rhythmischer Vitalität macht neugierig darauf, wie dieses Werk im Konzertsaal klingen würde – und lässt hoffen, dass es dorthin auch seinen Weg findet.
Zwei Komponisten, eine Entdeckung
Die Stärke von Elevation liegt in der Selbstverständlichkeit, mit der Reinfeld und Nuss diese ungewöhnliche Besetzung angehen. Beide Komponisten gehen von dem spezifischen Klang und den Möglichkeiten der Mundharmonika aus, setzen dabei aber sehr unterschiedliche Akzente. Bei Kerschek wird die Verbindung zu einem farbenreichen Treffpunkt von Barock, Jazz, Weltmusik und zeitgenössischer Klangsprache. Nuss wählt eine persönlichere und konzentriertere Entwicklung, in der Melancholie allmählich Bewegung und Offenheit weicht. Gerade dieser Unterschied macht die beiden Werke zu einem überzeugenden Ganzen.
Also the choice for the relatively small Detmolder Kammerorchester suits the instrumentation. The harmonica does not have the mass of a violin or piano sound and can easily be overpowered in a heavily scored orchestra. The chamber-music scale keeps the balance between soloists and ensemble clear. The recording, made in February 2023 in the Kulturstiftung Marienmünster, does justice to that balance. Every instrument in the orchestra remains clearly audible, while piano and harmonica step forward clearly and at the same time blend naturally into the whole.
Elevation is therefore more than an original choice of repertoire. The CD shows how many musical possibilities this unusual instrumentation offers when composers and performers take it seriously as a starting point. Reinfeld and Nuss make the harmonica audible in a musical setting where you would not immediately expect it. Anyone who would like to look over that musical wall would do well to add this CD to their collection.